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Urteil im Fall Mia erwartet - Kandel - ein Verbrechen verändert eine Stadt

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Heute soll das Urteil gegen Abdul D. fallen. Dem Flüchtling wird vorgeworfen, Ende 2017 die 15 Jahre alte Mia in Kandel ermordet zu haben. Seitdem kommt der Ort nicht zur Ruhe.

Gedenken in Kandel
Gedenken an Mia Quelle: dpa

Alle vier Wochen, immer am ersten Samstag eines Monats, wächst die Anspannung in Kandel. Dann sind sie wieder zu sehen - rechtsgerichtete, überwiegend zugereiste Demonstranten, die Deutschlandfahnen schwenken und Transparente mit den Namen von jungen Frauen hochhalten, die in unterschiedlichen Städten Opfer von Gewaltverbrechen wurden.

Ein ganzer Forderungs-Katalog

Sprechchöre schallen durch die Hauptstraße: "Widerstand" ist da zu hören und "Gebt auf Eure Kinder acht, Merkel ist noch an der Macht". Seit Anfang 2018 ziehen die rechten Demonstrationszüge durch Kandel. Mal mit mehr, mal mit weniger Teilnehmern, aber regelmäßig. Die Forderungen der Demo-Teilnehmer sind breit gestreut: Schließung der deutschen Grenze, Abschaffung der doppelten Staatsbürgerschaft, Wiedereinführung der Wehrpflicht.

"Man darf das alles so nicht mehr hinnehmen, wie das läuft in Deutschland", sagt uns eine Demonstrantin im März. Ein anderer Demonstrant stört sich an Sozialleistungen für abgelehnte Asylbewerber. "Da es keine anderen, weiteren Demonstrationen gibt, nutze ich diese Demonstration, um mein Anliegen kundzutun." Zudem wolle er Solidarität bekunden. Gemeint ist die Solidarität mit den Hinterbliebenen der getöteten Mia. Die 15-Jährige wurde Ende des vergangenen Jahres in Kandel umgebracht.

Sieben Messerstiche in Drogeriemarkt

Am 27. Dezember 2017 sieht der afghanische Flüchtling Abdul D., wie seine Ex-Freundin Mia am Bahnhof Kandel aussteigt. Das Mädchen soll sich nur kurze Zeit zuvor von ihm getrennt haben. Abdul D. verfolgt Mia unbemerkt. Unterwegs kauft er zwei Messer und attackiert sie schließlich in einem Drogeriemarkt, so beschreibt die Staatsanwaltschaft den Tathergang. Insgesamt soll Abdul D. sieben Mal zugestochen haben. Er habe heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen gehandelt, getrieben von Eifersucht und Rache.

Seit dem 18. Juni läuft der Prozess gegen Abdul D. vor dem Landgericht Landau. Ein Gutachten zur Altersfeststellung schätzt den Angeklagten auf mindestens 17 Jahre und 6 Monate, wahrscheinlich sei er aber 20 Jahre alt. Da aber auch hier gilt "Im Zweifel für den Angeklagten", wird der Prozess gegen Abdul D. nach Jugendstrafrecht geführt. Die Verhandlungen finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Tatsächlich ist bisher nur sehr wenig aus dem Gerichtssaal nach außen gedrungen. Der Angeklagte, Zeugen, Familienangehörige des Opfers - sie alle wurden bisher rigoros von der Presse abgeschirmt. Seinem Anwalt zufolge habe Abdul D. zum Prozessauftakt Reue für seine Tat bekundet. Von einem Zwischenfall ist die Rede. Abdul D. soll zwei Vollstreckungsbeamte an der Hand verletzt haben. Sehr viel mehr ist nicht bekannt.

Die Rechten haben Kandel entdeckt

Um das eigentliche Verbrechen und den Prozess gehe es in Kandel schon lange nicht mehr, sagt Günther Tielebörger. Der 68-Jährige ist ehrenamtlicher Stadtbürgermeister. Kandel sei nach Mias Tod zum Aufmarschgebiet für Neonazis, Rechtsextreme und Reichsbürger geworden, sagt er. Das rechtspopulistische "Frauenbündnis Kandel", dessen Mitglieder überwiegend männlich sind und nicht aus Kandel stammen, habe seine monatlichen Demonstrationszüge bis zum Ende des Jahres 2019 angemeldet.

Immer wieder hat es Gegenveranstaltungen zu den rechten Aufmärschen gegeben. Demonstrationen, Kundgebungen, die oftmals parallel zu den Veranstaltungen des Frauenbündnisses oder anderer Bündnisse stattfanden. Auch die Antifa kam nach Kandel, im Frühjahr gab es Auseinandersetzungen mit der Polizei. Mehrere Polizisten wurden dabei verletzt. "Wir müssen nicht immer an dem Tag demonstrieren, an dem die Rechten demonstrieren", zu diesem Schluss kommt Bürgermeister Günther Tielebörger heute. So könnten sich die Aufmärsche totlaufen, hofft er. Das bedeute nicht, dass Kandel sich mit der Situation zufrieden gibt und sie akzeptiert. Vielmehr müsse man mit eigenen Aktionen an anderen Terminen der Öffentlichkeit zeigen, dass Kandel weltoffen und multikulturell sei.

Dietmar Grzesik von der Kandeler Flüchtlingshilfe "Kandel aktiv", sieht das anders. "Die werden nicht von alleine aufhören. Man muss dagegen halten", sagt er. Die Füße still zu halten, sei keine Alternative: "Wir müssen zeigen, dass mit uns keine Spielchen gemacht werden können, dass die einsehen, hier ist kein Land zu gewinnen."

Soviel scheint sicher: die Demonstrationen werden vorerst weitergehen, während die Bevölkerung darüber streitet, wie sie mit ihnen umgehen soll. Und: Auch nach dem Urteilspruch im Prozess um die getötete Mia wird Kandel wohl so schnell nicht zur Ruhe kommen.

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