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Mit Ökostrom und Atomkraft - Wie Finnland bis 2035 klimaneutral werden will

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Finnland will in 16 Jahren klimaneutral sein. Kalasatama, das modernste Viertel Helsinkis, zeigt, wie das funktionieren soll: mit Müllsaugern, Seewasserkraftwerken und Atomstrom.

Wer in Helsinki klimaneutral wohnen möchte, kann dies im Stadtteil Kalasatama. Zu den Maßnahmen gehören E-Mobilität und der Einsatz umweltfreundlicher Energiesysteme.

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Die spinnen, die Finnen! Das sagt sogar ihr Ministerpräsident, der Sozialdemokrat Antti Rinne, manchmal. Aber er fügt hinzu, der finnische Wille versetze auch Berge. Und deshalb hat die finnische Regierung vollmundig und, ohne mit der Wimper zu zucken, beschlossen, dass Finnland im Jahre 2035 klimaneutral sein wird: ein ehrgeiziges Ziel und nur 16 Jahre, um es zu erreichen. Es wäre europäischer Rekord.

In Kalasatama, einem neuen Stadtviertel von Helsinki, wird seit Jahren schon der Weg in die Klimaneutralität beschritten. Früher war Kalasatama der Fischereihafen von Helsinki, heute ist hier die Zukunft bereits Gegenwart: Strom und Wärme werden aus erneuerbaren Energien mit Solarpaneelen oder Erdwärmepumpen gewonnen, die Häuser mit optimaler Wärmedämmung ausgestattet.

Es gibt keine riesigen Luxus-Penthäuser mehr, viele Gemeinschaftsräume sind entstanden. Das neue Wohnviertel verfügt über ein perfektes Nahverkehrssystem mit U-Bahn und Elektro-Bussen, die Bewohner können E-Autos mieten – bloß weg vom Verbrennungsmotor.

Finnland, Stadtteil
Helsinkis modernster Stadtteil Kalasatama wächst - und gilt als das Vorzeigeviertel in Sachen Nachhaltigkeit.
Quelle: Helsinki Innovation Company

Großteil der Finnen unterstützt die Klimaziele

Alles Wichtige gibt es auch vor Ort, und auf dem Dach des Einkaufszentrums kann man sogar in einem Park spazieren gehen. 2035 sollen in Kalasatama 25.000 Menschen leben. Juhana Harju zog vor sechs Jahren in das neue Viertel, weil er seinen Teil dazu beitragen wollte, dass Finnland Vorreiter wird beim Kampf gegen die Klimaerwärmung. Sein Auto hat er längst abgeschafft: "Wir müssen weniger Fleisch essen, unser Auto weniger benutzen, wir werden keine Benzinmotoren mehr verwenden. Und hier in unserem neuen Viertel, hier in Kalasatama, machen wir das. Wir sind in gewisser Weise der Zeit voraus, schon in der Zukunft."

Und so wie in Kalasatama denken viele Finnen. Sie unterstützen die Regierungspläne, die Klimaneutralität des Landes bereits 2035 zu erreichen. Das belegen neueste Umfragen: Demnach haben bereits 41 Prozent der Finnen ihr Konsumverhalten verändert. 43 Prozent der Finnen verzichten immer öfter auf ihr Auto und steigen um aufs Fahrrad.

Leihräder gibt es in vielen Städten. Aber in Helsinki seien sie so beliebt wie nirgendwo sonst. Die gelben Räder sind für Helsinkis stellvertretende Bürgermeisterin, Anni Sinnemäki von den Grünen, nicht nur tägliches Transportmittel, sondern ein Symbol für den Weg zur Klimaneutralität. Jedes der 1.500 City-Fahrräder in Helsinki werde bis zu neun Mal am Tag genutzt.

Unterirdisches Kraftwerk versorgt Helsinki mit Wärme

Doch die Maßnahmen der Stadt gehen weiter, sagt Sinnemäki: "Helsinki reduziert die Emissionen in drei Bereichen: in der Energieproduktion, bei Gebäuden und im Verkehr. Wir müssen hart arbeiten und überall Veränderungen herbeiführen. Wir werden zum Beispiel die Gebäude sanieren, die E-Mobilität ausbauen und die beiden letzten Kohlekraftwerke in Helsinki schon 2024 abschalten."

Ein Gesetz sieht für ganz Finnland den Kohleausstieg erst fünf Jahre später vor. Unter der Innenstadt von Helsinki, in den Fels gehauen, befindet sich das preisgekrönte Kraftwerk "Esplanade". Hier wird Seewasser für Kühlsysteme verwendet. Dabei entsteht Abwärme, die Wohnungen heizt.

Unterirdischer Teil einer finnischen Kraftweranlage.
Helsinki steht auf Fels - ein stabiler Untergrund, der viele Nutzungsmöglichkeiten bietet. Unter der Erde gibt es fast alles: Eishockey-Stadion, Spielplatz, Schwimmbad und auch das Kraftwerk "Esplanade". Seewasser strömt durch das weitläufige Tunnelsystem und kühlt bzw. heizt damit Helsinki.
Quelle: ZDF

An anderen Kraftwerksstandorten sorgen Holzpellets, Biogas und - auch im kalten und monatelang dunklen Finnland - jede Menge Solaranlagen für Energie. Ausbaufähig ist dagegen die Windenergie. Sie spielt bislang noch keine große Rolle im Energiemix des Landes: Zurzeit steuert sie nur 7 Prozent des Strombedarfs bei. Doch überall im Land werden nun Windräder gebaut – auch, weil die Energie, die aus Windkraft gewonnen wird, momentan ohne Subventionen wettbewerbsfähig ist.

Atomkraft - ja, bitte

Archiv: AKW Olkiluoto, Bauarbeiten am Reaktor 3
Finnland setzt weiterhin auf Atomkraft - zumindest bis das Land seinen Bedarf über erneuerbare Energien decken kann. Deswegen werden auch neue Reaktoren gebaut, so wie im AKW Olkiluoto.
Quelle: DPA/Jussi Nukari

Ausgebaut werden soll auch die Atomkraft. In Deutschland undenkbar, setzt in Finnland Regierungschef Rinne weiter auf den Strom aus bald fünf Atomkraftwerken; weitere sind geplant: "Aufgrund unserer langjährigen Erfahrung denken wir, dass Atomkraft, wenn die Kraftwerke sorgfältig gebaut und gewartet werden und auf die Sicherheit Acht gegeben wird, als Übergangslösung für die kommenden Jahrzehnte genutzt werden kann."

Zurück in Kalasatama führt Juhana stolz vor, was wirklich keine Übergangslösung ist: die Müllschlucker. An jedem Haus gibt es sie, für jede Müllart einen. Mit 80 Stundenkilometern saugen sie den Müll unterirdisch weg, zu einem zentralen Sammelpunkt: Keine Müllautos, die CO2 ausstoßen, kein Lärm, kein Abfall neben vollen Tonnen, kein Gestank, keine Ratten.

  • Finnlands Ministerpräsident Antti Rinne. Archivbild

    ... hält Atomkraft für eine gute Übergangslösung.

  • Warnschild "Radioaktivität"

    ... müssten allerdings sorgfältig gebaut und gewartet werden.

Wie die finnische Regierung ihr ehrgeiziges Ziel 2035 finanzieren will, ist völlig unklar. Über eine CO2-Steuer zum Beispiel diskutiert in Finnland noch kaum jemand. Nur der Benzinpreis wurde schon mal erhöht: um 6 Cent pro Liter.

Finnlabnd, Müllschlucker in der Wand
Im Kalasatama entsorgen die Bewohner ihren Abfall in diesen Müllschluckern. Der Abfall wird dann unterirdisch abgesaugt und zentral gesammelt.
Quelle: ZDF

Heike Kruse ist Redakteurin im ZDF-Studio Kiel, das auch die Berichterstattung für Skandinavien übernimmt.

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