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Frankreichs Umgang mit PTBS - "Als Krankheit der Schwachen verpönt"

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Wie geht Frankreich mit Soldaten um, die im Auslandseinsatz psychisch krank werden? Ihr Fürsprecher Jacques Bessy beklagt, dass sie oft als Schwächlinge angesehen werden.

Französischer Soldat in Mali
Französischer Soldat in Mali
Quelle: Reuters

heute.de: Auch französische Soldaten leiden an Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS). Sorgt das in Frankreich für Diskussionen?

Jacques Bessy
Jacques Bessy ist Präsident des französischen Vereins "ADEFDROMIL", der sich für die Rechte von Militärangehörigen einsetzt.
Quelle: privat

Jacques Bessy: Nicht wirklich. Die genaue Zahl der Soldaten, die an dieser Krankheit leiden, ist nicht bekannt. 2013 kam der Sanitätsdienst des französischen Militärs auf zusammengerechnet 900 Fälle. Man kann davon ausgehen, dass jedes Jahr 200 weitere Fälle diagnostiziert werden. 2017 wurden 1.303 Soldaten wegen Dienstunfähigkeit in den Ruhestand versetzt - wir wissen aber nicht, wie viele davon unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung leiden.

heute.de: 2017 sorgten Ehefrauen von Soldaten für Aufsehen, die bessere Bedingungen für ihre Ehemänner forderten, die unter den Folgen eines Einsatzes leiden. Teilen Sie deren Kritik?

Bessy: Für Kriegsverletzte macht man nie genug. Die Kritikpunkte müssen aber präzise und ausführlich aufgezeigt werden. Es gibt keine Garantie auf Genesung, aber manche Familien haben beklagt, dass die Verletzten schlecht behandelt wurden. Es gibt aber keine Vereinigung von Betroffenen von Posttraumatischen Belastungsstörungen. Daher ist es schwierig, Kritik an der Behandlung zu üben.

heute.de: Wie werden die Soldaten in Frankreich behandelt, die unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung leiden?

Bessy: Die Situation hat sich seit 2008 verbessert. Durch den Afghanistan-Einsatz ist sich die Hierarchie von neuem der Risiken von psychischen Verletzungen bewusst geworden. Frankreich hat damals einen kurzen Aufenthalt auf Zypern eingeführt, wo Posttraumatische Belastungsstörungen erkannt werden sollten. Das Programm wurde aber aus Kostengründen eingestellt und weil die Wirksamkeit nicht nachgewiesen wurde. Nun liegt es an den Vorgesetzten und am Soldaten selbst sowie seiner Familie, Posttraumatische Belastungsstörungen zu erkennen.

heute.de: Was muss aus Ihrer Sicht verbessert werden?

Bessy: Wir müssen das Bewusstsein für psychische Erkrankungen in der Armee verbessern. Zu oft vertritt die Führung die Ansicht: Der Soldat, der über eine Posttraumatische Belastungsstörung klagt, ist ein Geschichtenerzähler, der versucht, dem operativen Dienst zu entkommen. Es stimmt, dass psychische Erkrankungen keine sichtbaren Spuren hinterlassen. Die betroffenen Soldaten versuchen aber oft, ihre Verletzung vor dem beruflichen und familiären Umfeld zu verbergen, denn diese Krankheit ist innerhalb der Einheiten verpönt: als Krankheit der Schwachen und derer, die mit dem Stress des Kampfes und den Einschränkungen des Soldatenlebens nicht umgehen konnten.

heute.de: Und wie kann der von Ihnen geforderte Bewusstseinswandel erreicht werden?

Bessy: Wir müssen den Betroffenen das Schuldgefühl nehmen und sowohl den Vorgesetzten wie den Kameraden klar machen, dass niemand davor gefeit ist. Man kann zusammenbrechen, weil ein Kamerad schwer verwundet oder getötet wurde, oder weil man Zeuge eines Massakers wurde oder ein Massengrab gefunden hat. Wir hatten den Fall eines Hubschrauberpiloten, der unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung leidet, weil er seine toten Kameraden transportierte. Es ist Aufgabe der Armee, vorzubeugen, die Betroffenen zu behandeln und sie zu entschädigen.

Das Interview führte Raphael Rauch. Der Autor auf Twitter: @raphael_rauch

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