Sie sind hier:

"Tag des Baumes" - Wald in Not: Auf die Mischung kommt es an

Datum:

Der Wald ist Wirtschaftsfaktor, Lebensraum, Opfer und Zufluchtsort in einem. Doch der Klimawandel setzt ihm zu. Wie der Wald zu retten ist, erklärt Experte Christoph Rullmann.

Archiv: Die Sonne scheint in einem Wald durch die Blätter von Buchen am 22.07.2018 bei Warendorf
Die Sonne scheint in einem Wald durch die Blätter von Buchen
Quelle: dpa

"Aufgrund des Dürresommers 2018 ist der Wald in einem schlechten Zustand", sagt Christoph Rullmann, Geschäftsführer der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW). Die Startbedingungen seien nicht so gut wie in anderen Jahren. Verglichen mit den Zeiten des Waldsterbens in den 1970er und 80er Jahren etwa hätten sich in den letzten Jahrzehnten viele Parameter positiv entwickelt. "Aber jetzt geht der Trend in eine andere Richtung."

Sturm, Dürre und der Borkenkäfer

Schwierig sei insbesondere die Zunahme von Stürmen und Starkregen einerseits und dazu die Kombination von Dürre und dem Befall des Borkenkäfers. "Wir haben durch die lange Trockenheit und die Wärme eine starke Massenvermehrung des Borkenkäfers." Diese treffen dann auf die ohnehin durch Wassermangel geschwächte Fichten und befallen sie dann. Um solchen Prozessen und Monokulturen entgegenzuwirken, gebe es seit den 80er Jahren schon einen Prozess des Waldumbaus in Deutschland.

Bei Bäumen sei es aber nicht so wie bei einem Kohlkopf, den man ernte und etwas Neues pflanze. "Die Bäume stehen eben mindestens 70 oder 80 Jahre da", sagt Rullmann. "Dieser Umbau ist natürlich ein Prozess. Der geht nicht von heute auf morgen." Die Fichte sei in vielen Bereichen gepflanzt worden, die für sie nicht optimal sei. "Dort ist sie dann natürlich besonders anfällig für Dürre, Sturm und den Borkenkäfer."

Keine schnellen Lösungen

Kurzfristige Lösungen zur Verbessurung der Situation gebe es nicht. Wichtig sei, beim Umbau auf viele Baumarten zu setzen. "Wir müssen Mischbestände begründen, die auch dann diese Waldleistung erfüllen, wenn etwa ein Baumart durch Insekten oder Schadorganismen befallen ist." Und wenn diese überhand nähmen, sei ein Mischbestand gut. Dann könnten andere Baumarten einspringen. Auch die Zahl der Insekten steige. Zudem sei die Wasserversorgung dort günstiger als etwa in einem reinen Fichtenbestand. Es gebe aber auch Bestände, die passend seien - etwa große Buchenwälder. "Wenn der Mensch nicht eingegriffen hätte, wäre Deutschland zum großen Teil mit einem Buchenmischwald bestückt", sagt Rullmann.

Zukunftsweisend seien alternative Baumarten, die bisher in geringem Umfang angebaut würden. Dazu zählen etwa die Douglasie aus Nordamerika. "Es gibt aber auch die große Küstentanne oder die Roteiche, die auch bei uns schon lange angebaut wird". Auch Esskastanie oder Walnuss seien keine heimischen Bäume - die Römer brachten sie mit. Wenn sich die Klima-Entwicklung verstetige, müsse man sich fragen. "Gibt es woanders Baumarten, die spezielle Bedingungen erfüllen, die wir mit einer heimischen Baumart nicht mehr erfüllen können. Ein Beispiel sei auch die Esche, die am Fluss beheimatet sei und Überschwemmungen gut vertrage. Falls der Baum aber durch Krankheiten wie das Eschentriebsterben ausfalle, müsse man dafür Ersatz finden.

Waldbrand war kein Thema

"In Deutschland hat man lange gedacht, Waldbrand spiele bei uns überhaupt keine Rolle mehr", sagt Rullmann. "Erst seit dem letzten Jahr weiß man: Das ist doch noch ein Thema." Es habe bis dahin einen kontinuierlichen Rückgang von Waldbränden in Deutschland gegeben. Daher gebe es bisher auch wenig moderne Technik, auch nicht alle Feuerwehren seien entsprechend ausgestattet. In den 1970er und 80er Jahren sei das anders gewesen. Dafür hätten Bundesländer in Überwachungssysteme investiert. Dazu zählten etwa Brandenburg oder Niedersachsen.

"Im nordöstlichen Deutschland hat man aufgerüstet und Kameraüberwachungssysteme aufgebaut." Momentan sei dies in Ländern mit hohem Gefahrenpotenzial installiert - etwa dort, wo es historisch bedingt große Kiefernbestände gebe. "Jetzt muss man schauen, wie kann man mit dem Überwachungssystem arbeiten, um diese Brände möglichst schnell zu erkennen und zu bekämpfen." Wenn die Entwicklung so weitergehe, bräuchten auch andere Bundesländer entsprechende Systeme.

Unterstützung für Waldbesitzer

Da in Deutschland etwa die Hälfte des Waldes Privatbesitzern gehört - ca. zwei Millionen - gibt es zahlreiche Programme, um Anreize zu schaffen und Bepflanzung zu steuern. Dazu zählen laut Rullmann Beratung von Forstämtern aber auch finanzielle Förderung. "Wenn ich einen Wald wieder aufforsten will, der etwa dem Borkenkäfer zum Opfer gefallen ist, dann haben auch viele Waldbesitzer ein Interesse daran, Fördergeld in Anspruch zu nehmen." Dafür müssen sie aber Richtlinien zur Klimastabilität beachten. Wenn man das Geld nutze, dürfe man etwa keinen Reinbestand an Fichten pflanzen, sondern etwa 70 Prozent Buchen und 30 Prozent andere Baumarten. "Es wird viel Aufwand betrieben, Waldbesitzer auch für verschiedene Beratungsangebote bei diesem Thema zu sensibilisieren." Zwar gebe es diese Angebote schon länger, aber erst das vergangene Jahr habe vielen die Augen geöffnet.

Hoffen auf gesellschaftliche Beachtung

Rullmann würde sich wünschen, dass das Thema Wald auch in der Gesellschaft eine Rolle spielt. "Der Wald und die Forstwirtschaft sind auch wichtige Instrumente beim Thema Klimaschutz". Der Geschäftsführer befürchtet Forderungen nach einem Komplettschutz des Waldes, wenn man vom schlechten Zustand höre. Aber das sei der falsche Weg. "Wir brauchen auch die Bewirtschaftung, um etwas gegen den Klimawandel tun können." Nur so erreiche man etwa, das energieintensive Rohstoffe wie Aluminium durch nachwachsende Rohstoffe wie Holz ersetzt werden könnten.

Rullmann betont die "multifunktionale Bedeutung" des Waldes. Es gebe so viele Interessen - etwa den Waldbesucher, der "waldbaden" wolle, den Jogger, die Holzindustrie, die Klimaschützer, die den Wald als Frischluftschneisen und als Filter für Trinkwasser erhalten wollten, aber auch die Forstwirtschaft, an der Arbeitsplätze hingen. "Das abzuwägen und auszubalancieren, das ist die Kunst."

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um Ihnen ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier können Sie mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.