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Befreiung von Rakka - "Der IS wird uns noch einige Jahre beschäftigen"

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Mit der Rückeroberung der syrischen Stadt Rakka musste der IS diese Woche eine erhebliche Niederlage hinnehmen - das Ende der territorialen Fantasien des IS. Obwohl die Dschihadisten dadurch weniger attraktiv für junge Europäer seien, bleibe die Anschlagsgefahr hoch, sagt Terrorismusexperte Guido Steinberg.

In der einstigen IS-Hochburg Rakka deutet sich die Schlussoffensive an. Kurdische Kämpfer haben nach monatelangen Gefechten die IS-Terroristen mit Hilfe der USA weitgehend zurückgedrängt.

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heute.de: Herr Steinberg, mit Rakka ist die letzte Hochburg der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) gefallen. Wie sieht es in der Stadt momentan aus?

Guido Steinberg: Die Zerstörungen sind fürchterlich, Hunderttausende Menschen mussten fliehen - von den 300.000 Einwohnern ist nur noch ein kleiner Bruchteil in der Stadt. Und es ist natürlich immer noch gefährlich: Überall sind Sprengfallen versteckt und es werden noch IS-Kämpfer in der Stadt vermutet.
heute.de: Mit der Rückeroberung der beiden wichtigsten Städte, Mossul und Rakka, scheinen die territorialen Träume des IS gestorben zu sein. Ist das nun das Ende des IS?

Steinberg: Es ist zumindest das Ende des IS als Quasistaat. Rakka war die syrische Hauptstadt des IS und die Operationsbasis der ausländischen Kämpfer. Nach dem Fall von Mossul und Rakka ist der Anspruch, ein territoriales Gebilde zu sein, natürlich nicht mehr zu halten. Aber der IS war nur die kürzeste Zeit seiner Existenz ein territoriales Gebilde. Er ist noch viel mehr: eine Guerilla-Truppe und eine Terrororganisation. All das bleibt er - und wird uns noch einige Jahre beschäftigen.

heute.de: Wie wird die künftige Strategie des IS aussehen?

Steinberg: Der IS wird zu seinen Wurzeln zurückkehren. Im Irak sehen wir das schon. Der IS verübt in regelmäßigen Abständen große Anschläge, um zu zeigen, dass er noch handlungsfähig ist. Zweitens ermordet er gezielt Personal der Sicherheitskräfte, um diese in ihrer Effektivität zu beeinträchtigen und Furcht zu verbreiten. Und drittens wird er in den nächsten Monaten vor allem versuchen, seine Finanzierung durch Schutzgelderpressungen wiederherzustellen.

heute.de: Wird sich die Internationale Gemeinschaft aus dem Kampf gegen den IS zurückziehen?

Steinberg: Im Irak werden die Einwirkungsmöglichkeiten der Amerikaner und Europäer sehr viel geringer. Der IS wird mit der Rückkehr zur klassischen Terrororganisation zunächst wieder ein innenpolitisches Problem des Irak. Darum werden sich die irakische Regierung und schiitische Milizen kümmern und zwar mit großer Brutalität. Ich kann mir nicht vorstellen, dass da eine wichtige Rolle für andere Mächte bleibt.

heute.de: Und in Syrien?

Steinberg: In Syrien ist die Situation anders: Da herrscht noch ein Bürgerkrieg. Dort sind die Amerikaner, die Russen und die Iraner präsent. Viel hängt davon ab, wie sich US-Präsident Donald Trump entscheiden wird. Mein Eindruck ist, dass die US-Administration ihr Engagement in dem Moment zurückfahren wird, in dem der IS auch keine kleineren Orte mehr beherrscht – und das ist abzusehen.

heute.de: Wäre ein Sieg gegen den IS ein Sieg gegen den Terror?

Steinberg: Also das, was wir im Irak und in Syrien sehen, ist natürlich positiv. Der IS hat dort Millionen Menschen terrorisiert. Er hat darüber hinaus Anschläge in fast allen Weltregionen verübt. Dass ein solches Gebilde verschwindet, ist ein Erfolg. Das Problem ist nur, dass die Gründe, die zu seinem Aufstieg geführt haben, immer noch bestehen.

heute.de: Nach dem territorialen Sieg gegen den IS, kehren auch europäische Dschihadisten nach Europa zurück. Müssen wir uns auf neue Anschläge einstellen?

Steinberg: Zunächst einmal ist das Anschlagsniveau sowieso enorm hoch. In Deutschland ist es dieses Jahr ein bisschen ruhiger, aber Großbritannien erlebt eine regelrechte Anschlagswelle. Die Gefahr durch Rückkehrer wird meines Erachtens etwas überschätzt, weil unsere Sicherheitsbehörden mittlerweile sehr genau wissen, mit wem sie es zu tun haben und viele besonders treue IS-Kämpfer nicht zurückkommen werden. Aber die Situation ist auch so schlimm genug. Der IS hat in Europa sehr viele Anhänger, von denen auch einige bereit sind, Anschläge zu verüben.

heute.de: Also verändert die territoriale Niederlage die Terrorgefahr in Europa nicht besonders?

Steinberg: Das Problem ist, dass wir noch nicht genau wissen, wie sich dieser Staatszerfall auswirken wird. Das ist die große Frage, weil der IS vor allem Rekrutierungserfolge hatte, als er sich als Staat bezeichnen konnte und wirklich ein Territorium mit einem Kalifen kontrollierte. Tausende sind 2014 nach Syrien gereist, weil sie glaubten, dass dort ein islamischer Idealstaat entstanden sei. Wenn dieser Staat jetzt nicht mehr da ist und der Kalif in Kürze gefangen oder getötet werden wird, ist unklar, wie die Sympathisanten reagieren.

heute.de: Was erwarten Sie?

Steinberg: Ich glaube eher, dass der IS an Attraktivität verlieren wird, weil das Thema Staat das wichtigste Element der IS-Propaganda war. Viele Rückkehrer haben bestätigt, dass sie von der Faszination des territorialen Kalifats angezogen worden seien. Das heißt nicht, dass es keine Anschläge mehr geben wird, aber es wird für den IS schwieriger, junge Leute zu mobilisieren.


Das Interview führte Jonas Trembinski.

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