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Bedeutung von Gewerkschaften - "Gewerkschaften sorgen für Waffengleichheit"

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Das Prädikat "unsexy" verleihen viele Deutsche den Gewerkschaften heute. Aber wie sähe die Arbeitswelt ohne Gewerkschaften aus? Düster und asozial, sagen Wissenschaftler.

Gewerkschafter mit Fahnen und Transparenten
Quelle: dpa

Menschen, die zu schätzen wissen, was Gewerkschaften leisten, erscheint eine Zukunft ohne Verdi, IG Metall & Co. als Horrorvision. "Indes ist diese Vision in Teilen der Arbeitswelt längst Realität", sagt Klaus Dörre, Professor für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. In den meisten EU-Staaten haben Gewerkschaften heute bereits einen schweren Stand. Dörre beobachtet eine "Gesamttendenz" zu mehr "Desorganisation" und "Entkollektivierung". Ginge es so weiter, hätte das gravierende Folgen - für Arbeitnehmer wie auch für Arbeitgeber.

"Soziale Unsicherheit würde dramatisch zunehmen"

Ohne Gewerkschaften "hätten wir es mit einer Arbeitswelt zu tun, in der Ungleichheit und soziale Unsicherheit dramatisch zunehmen würden - und zwar für Arbeit und Kapital", konstatiert Dörre. Dass ein Ende der Gewerkschaften auch die Unternehmen hart treffen würde, mag zunächst überraschen. Doch für sie gäbe es keinen Anreiz mehr, sich in Branchen- und Wirtschaftsverbänden zu organisieren, führt Dörre aus. Die Folge: "Mit einem transparenten, fairen Wettbewerb könnten sie nicht mehr rechnen."

In den Betrieben würde die Unsicherheit wachsen, Unternehmen müssten mit "spontanen Streiks und sozialen Bewegungen nach dem Vorbild der Gelbwesten rechnen", so Dörre. Die Proteste gegen soziale Missstände in Frankreich führt der Soziologieprofessor auch auf die Schwäche der Gewerkschaften im Land zurück: So sei der Anteil der beruflich aktiven Gewerkschaftsmitglieder in Frankreich inzwischen auf acht Prozent gesunken. Zum Vergleich: In Deutschland liegt er bei circa 18 Prozent.

Tarif-Trittbrettfahrer und Tagelöhner

Gewerkschaften müssen wieder stärker zur sozialen Bewegung werden.
Prof. Klaus Dörre, Universität Jena

"Mitglieder verzweifelt gesucht": Unter Schlagzeilen wie dieser wird oft das Bemühen vieler deutscher Gewerkschaften beschrieben, dem Schwund zu trotzen. Wie diese Aufgabe jetzt und in Zukunft angegangen werden soll, wird die Delegierten vom heutigen Sonntag bis kommenden Samstag auf dem 5. Bundeskongress der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi in Leipzig beschäftigen. Einen Ratschlag hat Dörre gleich zu Beginn: Um in Konflikten bestehen zu können, müssten Gewerkschaften wieder "stärker zur sozialen Bewegung werden".

Und auch den nicht gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmern klarer machen, wie sehr ein Niedergang der Organisationen auch ihnen wehtun würde. Viele, die heute bei Tarifen "Trittbrett fahren", wie es Dörre formuliert, würden dann zu spüren bekommen, dass Löhne und Gehälter nicht automatisch steigen. Ohne Gewerkschaften müsste jeder Arbeitnehmer selbst um Lohn, Arbeitsbedingungen und Arbeitszeiten verhandeln. Viele Menschen würden zu Tagelöhnern und auf ihren bloßen Arbeitskraftstatus reduziert. Eine düstere Vision, die für viele Menschen längst Realität ist.

Gewerkschaften als Anwälte der Schwachen

Gewerkschaften sorgen für Augenhöhe und Waffengleichheit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern.
Wolfgang Schroeder, Politikwissenschaftler

"Ohne Gewerkschaften wäre wahrscheinlich das Lohnniveau in Deutschland niedriger und die Lohnungleichheit größer", sagt Lena Hipp, Leiterin der Forschungsgruppe "Arbeit und Fürsorge" am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. "Gewerkschaften gleichen das strukturelle Macht- und Abhängigkeitsungleichgewicht in Arbeitsverhältnissen aus", so Hipp. Dies könne erklären, dass die Lohnungerechtigkeit in Ländern mit schwachen Gewerkschaften größer sei als in Ländern mit starken Gewerkschaften.

Starke Gewerkschaften sind für den Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder von der Uni Kassel auch ein Garant für gerechtere Gesellschaften. "Vor allem die Schwachen können mehr Lebenschancen realisieren, weil sie eine Organisation haben und von der Verhandlungsstärke der starken Arbeitnehmergruppen profitieren", so Schroeder. "Gewerkschaften sorgen für Augenhöhe und Waffengleichheit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern."

Ohne Gewerkschaften zerbröselt der gerechte Sozialstaat

Eine Arbeitswelt ohne Gewerkschaften wäre Schroeder zufolge "ungleicher, ängstlicher, pessimistischer, nicht so innovativ, weniger demokratisch". Rechtsansprüche könnten seltener eingeklagt werden. Auch Gerhard Bosch, Professor am Institut für Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen, sieht Gewerkschaften als "Anwalt der kleinen Leute" auf vielen Ebenen an.

"Ohne sie wären der heutige Sozialstaat und unsere Arbeitsgesetze mit vielen Schutzvorschriften nicht denkbar gewesen", erinnert Bosch. "Während man in den USA Beschäftigte ohne Ankündigung feuern kann, erlauben dies unser Arbeitsgesetze nicht." Ohne Gewerkschaften fehlte Arbeitnehmern auch eine gewichtige Stimme in der Politik. In dem Zusammenhang weist Bosch darauf hin, dass der Abbau demokratischer Rechte in autoritären Staaten immer den Abbau des Streikrechts und unabhängiger Tarifpolitik einschließe.

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