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ZDFcheck19 - Wie sich Kinderarmut wirklich entwickelt hat

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Die Kinderarmut in Deutschland steigt leicht - verdoppelt hat sie sich aber nicht, wie Martin Schirdewan, Spitzenkandidat der Linkspartei bei der Europawahl, behauptet.

Kinder-Hausschuhe mit einem Loch
Quelle: ap

Kinderarmut in Deutschland ist ein ernst zu nehmendes Problem. Sie spürbar zu reduzieren, ist bislang nicht gelungen. Der statistisch erfasste Anteil der Kinder, die in Armut aufwachsen, ist seit Jahren relativ stabil. Martin Schirdewan, Spitzenkandidat der Linkspartei für die Europawahl, behauptete beim Wahlkampfauftakt in Bremen hingegen etwas anderes: "Seitdem Angela Merkel Kanzlerin ist, hat sich die Zahl der Kinder in Armut verdoppelt - aber auch die Zahl der Vermögensmillionäre. Und das macht doch ganz deutlich, dass das völlig in die falsche Richtung geht, wie der gesellschaftliche Reichtum verteilt wurde."

"Seitdem Angela Merkel Kanzlerin ist, hat sich die Zahl der Kinder in Armut verdoppelt", sagt Martin Schirdewan, Spitzenkandidat für die Europawahl der Linkspartei.

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Mit dieser Behauptung bekräftigt er sein Wahlziel einer gerechteren Steuerpolitik innerhalb der Europäischen Union. Konzerne und Vermögende möchte er mithilfe einer Mindeststeuer zur Kasse bitten, der Reichtum in Deutschland und in Europa müsse gerechter verteilt werden. Doch wie sehen die Entwicklungen der letzten 14 Jahre unter Merkels Regierung tatsächlich aus? Während die Zahl der Vermögensmillionäre hierzulande tatsächlich steigt, stimmt die Aussage bezüglich der Kinderarmut nicht.

Unterschiedliche Berechnungen

Schirdewan bezieht sich bei seinen Aussagen, teilte sein Büro mit, auf Zahlen, die der Deutsche Kinderschutzbund (DKSB) veröffentlicht hat. In seinem Jahresbericht 2006/2007 nennt der gemeinnützige Verein die Zahl von 2,5 Millionen. Im vergangenen Jahr veröffentlichte der DKSB neue Zahlen, demnach würden 4,4 Millionen Kinder in Armut aufwachsen. Abgesehen davon, dass 4,4 Millionen nicht das Doppelte von 2,5 Millionen ist, sind die beiden Zahlen nicht miteinander vergleichbar. Denn sie wurden auf sehr unterschiedliche Art errechnet.

Die niedrigere der beiden Zahlen bezieht sich auf eine andere Armutsdefinition. Kinder gelten demnach als arm, wenn sie in Familien aufwachsen, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben.

Die Zahl von 4,4 Millionen betroffenen Kindern setzt sich aus mehreren Zahlen zusammen. Der Kinderschutzbund zählt alle Kinder, für die der Staat Sozialleistungen zahlt, als arm. Das sind drei Millionen. Dazu wird eine Dunkelziffer von 1,4 Millionen Kindern addiert. Denn viele Menschen, die Sozialleistungen bekommen könnten, nehmen sie nicht in Anspruch. Um die beiden Zahlen miteinander vergleichen zu können, bräuchte man auch die Dunkelziffer für das Jahr 2006. Die liegt aber nicht vor.

Wie war die Entwicklung wirklich?

Bleibt die Frage, wie sich die Kinderarmut in Deutschland in den vergangenen 14 Jahren wirklich entwickelt hat. Dazu gibt es verschiedenen Statistiken, die wegen unterschiedlicher Annahmen zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen.

Das Statistische Bundesamt veröffentlicht die sogenannte Armutsgefährdungsquote. Demnach lebten 2005 19,5 Prozent aller Kinder unterhalb der Armutsgrenze, 2017 waren es 20,4 Prozent. Von Verdopplung kann also auch hier nicht gesprochen werden.

Da Kinderarmut hier in Prozent angegeben wird, liegt der Gedanke nah, es könne unter Umständen ein versteckter Anstieg vorliegen. Heißt, dass der prozentuale Wert zwar ungefähr gleich geblieben ist, die Anzahl an Kindern insgesamt und somit auch der von Armut betroffene Teil aber zugenommen hat. Diese Erklärung führt jedoch nicht zum Ergebnis: Denn zwischen 2005 und 2017 ist die Anzahl der minderjährigen Kinder in Deutschland sogar gefallen – von 14,4 auf 13,4 Millionen.

Eine Studie des gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts kommt zu dem Ergebnis, dass die Kinderarmut zwischen 2005 bis 2015 in absoluten Zahlen leicht gesunken ist, von 2,82 auf 2,55 Millionen, die Armutsquote ist hingegen nahezu gleich geblieben. Betrachtet man nur die Zahlen von 2014 auf 2015 so wuchs die Anzahl armer Kinder um 77.000 auf 2,55 Millionen Fälle. Diese Steigerung ist vor allem auf die Flüchtlingszuwanderung ab 2015 zurückzuführen. Da das Armutsrisiko von Kindern und Jugendlichen ohne Migrationshintergrund hingegen von 13,7 auf 13,5 Prozent sank, kann davon ausgegangen werden, dass vor allem Flüchtlingskinder von Armut betroffen sind.

Nach allen Berechnungen wird deutlich, dass keine dieser Zahlen die Aussage von Martin Schirdewan stützt. Auch wenn es Angela Merkel in ihrer Regierungszeit nicht geschafft hat, die Kinderarmut zu verringern, verdoppelt hat sich die Zahl nicht.

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