Leerer Kinosaal und volles Wohnzimmer?

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Streaming-Dienste vs. Kinofilm - Leerer Kinosaal und volles Wohnzimmer?

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Wie wirken sich Netflix und Co. auf Sehgewohnheiten und Filmästhetik aus? Bedeuten sie das Ende des Kinos? Diese Fragen werden auch bei der Oscar-Verleihung eine Rolle spielen.

"And the Oscar goes to" - es ist dieser eine Satz, der wieder für feuchte Hände sorgen wird. Doch wenn heute Nacht die begehrtesten Trophäen der Filmbranche vergeben werden, sind die Hände bei einigen womöglich zur Faust geballt. Denn nominiert für zehn Oscars, darunter auch in der besonders prestigeträchtigen Kategorie "Bester Film", ist mit "Roma" eine Produktion des Streaming-Dienstes Netflix. Für manche Cineasten ein echter Coup, für andere ein Schritt weiter in Richtung Untergang des Kinos.

Filmwirtschaft fordert Politik zum Handeln auf

Die Branche fürchtet, von Netflix, Amazon Prime Video und Co. in den Ruin getrieben zu werden. "Mit seiner Programmpolitik versucht Netflix einerseits den behaupteten Bedeutungsverlust des Kinos für den Zuschauer zu forcieren. Anderseits versucht man ziemlich offensichtlich, die eigene Bedeutung gerade durch die Mittel des Kinos zu steigern", sagt Alfred Holighaus, Präsident der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (Spio). Maßgeblich sind für ihn vor allem: die Festivalteilnahme von und Oscarkampagnen für Netflix-Produktionen wie "Roma".

Seine klare Forderung: "Dieser Widerspruch muss aufgelöst werden." Denn in Alfred Holighaus' Augen ignoriert Netflix offensiv den Wert des Kinos. Gerade in einer Gesellschaft, die vereinsame und auseinanderfalle, werde dieser aber wichtiger. Holighaus sieht die Politik in der Pflicht, die Institution Kino zu erhalten und zu stärken. Seitens der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) scheint man diese Notwendigkeit erkannt zu haben. Im Haus von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) wird betont, man wolle noch im ersten Halbjahr dieses Jahres zu Gesprächen einladen.

Im engen Austausch mit der Branche sollen die erforderlichen Maßnahmen beraten werden, damit die kulturelle Vielfalt erhalten und die Interessen der deutschen Filmindustrie gewahrt bleiben. Dazu gehöre beispielsweise, dass sich Netflix den Kinos gegenüber öffne und ihnen geeignete Filme exklusiv für eine Auswertung im Kino anbiete. Grundsätzlich könnten Streaming-Dienste und Kinos aber zweifelsohne gut und erfolgreich nebeneinander existieren.

Kino als perfekte Werbemaschine

Der Kinobesuch wurde immer schon als gemeinschaftliches Erlebnis wertgeschätzt und das hat sich bis heute nicht geändert.
Wissenschaftler Lars R. Krautschick

Lars R. Krautschick will ebenfalls nicht in den Abgesang auf das Kino einstimmen. Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Theaterwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) forscht schwerpunktmäßig zur Filmtheorie und Filmphilosophie. Er ist überzeugt: "Der Kinobesuch wurde immer schon als gemeinschaftliches Erlebnis wertgeschätzt und das hat sich bis heute nicht geändert."

Auch Kinounternehmer Wolfram Weber, der mit dem Nürnberger Cinecittà Deutschlands größtes Multiplexkino betreibt, sieht in Netflix und Co. keine echte Bedrohung. Für ihn ist die Faszination Kino nach wie vor ungebrochen. Sein Erfolgsrezept: durch den Einsatz modernster Technik und innovativer Ideen ein Erlebnis schaffen, mit dem der heimische Fernsehsessel nicht mithalten kann. Er betont: "Den Effekt von 3-D-Filmen auf einer 600 Quadratmeter großen Leinwand oder die Schärfe und Brillanz der Digitalprojektion kann man zu Hause genauso wenig kopieren, wie Komfort-Kinosäle mit elektrisch einstellbaren, extrem bequemen Sesseln und Service am Platz."

Außerdem spielt für Unternehmer Weber der finanzielle Aspekt eine Rolle: "Das Kino war immer schon eine perfekte Werbemaschine, um Filme in die Köpfe der Menschen zu bringen. Es bringt Netflix ungleich größere Aufmerksamkeit, seine Produktionen zunächst auf der Kinoleinwand laufen zu lassen, als diese direkt zu streamen. Selbst ein mittelgroßer Film spielt weltweit gut und gerne eine halbe Milliarde Dollar ein. Allein die Produktionskosten wären durch den Kinoeinsatz komplett abgedeckt."

Durchs Kino bekannt

Sondervorstellungen für Senioren am Nachmittag oder Premieren mit anwesenden Hauptdarstellern und Regisseuren - all das können Streamingdienste nicht bieten. Sie haben dafür etwas anderes in petto. "Netflix ist eine Bereicherung, weil dort interessante filmische Experimente stattfinden, für die das Mainstream-Kino noch keinen Platz lässt", unterstreicht Krautschick. "Auf diese Weise werden neue Erzählweisen und ästhetisch-stilistische Innovationen geboren, die sicherlich auch das Kino in Zukunft beeinflussen werden", hebt er hervor.

Doch Netflix und Co. erkennen selbst ebenfalls eine Qualität im Kino. "Alle Streaming-Dienste denken zunehmend über diesen Weg der Verwertung ihrer Produktionen nach, denn wenn ein Film im Kino gelaufen ist, bekommt er durch die Bekanntheit einen größeren Marktwert", glaubt Krautschick. "Man weiß aus der Forschung, dass Filme in der Regel mehrmals geschaut werden." Da ist es natürlich gut für neue Netflix-Abonnements, wenn ein Film durch volle Kinosäle bereits bekannt ist.

Die Oscars werden verliehen - aber wer ist eigentlich nominiert? Ein Überblick:

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