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Unter Polizeibewachung durchs Rif - Das rebellische Nordmarokko beunruhigt den Staat

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Marokko galt bislang als relativ ruhig. Doch eine Drehreise unserer Korrespondentinnen zeigt, wie sehr es im Land gährt - und wie die Behörden darauf reagieren. Ihr Bericht von einer Drehreise ins marokkanische Rif-Gebirge liest sich fast wie ein Thriller.

Unruhe im Norden Marokkos: Nach der Festnahme von Aktivisten haben Hunderte Menschen demonstriert. Ihre Forderung: Korruption und Armut in der Region Rif bekämpfen. Darüber zu berichten, ist für Journalisten nicht einfach, ihre Arbeit wird behindert.

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Die Perle des Rifs. Sehr malerisch liegt Al Hoceima am 4. Oktober vor uns. Wir kommen mit dem Auto aus der 130 km entfernten spanischen Enklave Melilla. Die felsige Küste, an der der Tourismus nur sehr wenig erschlossen ist, ist wunderschön. Unsere Drehgenehmignung für Marokko ist gerade um drei Monate verlängert worden. Also sind wir guter Dinge, dass unsere Reportage wie gewünscht zustande kommt.

Der vernachlässigte Norden

Uns war allerdings bewusst, dass es schwierig werden könnte. Die Mitglieder der Oppositionsbewegung Hirak sitzen fast alle seit Monaten im Gefängnis. Ihre Familien stehen unter hohem Druck. Viele haben nicht auf unsere Anrufe und Anfragen geantwortet. Der Staat hat in den letzten Monaten hart durchgegriffen. Die massive Polizeipräsenz ist uns schon bei der Einfahrt in Al Hoceima aufgefallen.

Am 28. Oktober 2016 starb in der Kleinstadt der Fischhändler Mouhcine Fikri. Als die Polizei seine Ware konfiszierte, sprang er auf den Müllwagen um sie zu retten und wurde dabei zermalmt. Die Bilder seines brutalen Todes gingen durch die sozialen Netzwerke und die Region begann zu brodeln. Der Norden Marokkos ist lange vom Staat vernachlässigt worden. Es gibt dort weniger Infrastrukturen, Schulen, Universitäten oder Krankenhäuser als im Rest des Landes.

Silya Ziani, Muse der Hirak Bewegung

Das rächt sich heute. Trotz eines Aufholprogramms unter Marokkos König Mohammed VI, trotz sofortiger Reaktion des Monarchen und seiner Regierung auf den Tod Fikris, bekommt der Staat die Unruhen nicht in den Griff. Im Sommer 2017 ließ der König die Polizei hart durchgreifen. Über 300 Mitglieder der Oppositionsbewegung Hirak wurden verhaftet. Die meisten sind immer noch hinter Gittern. Einige sind schon zu hohen Haftstrafen - bis zu 20 Jahren - verurteilt worden.
In Al Hoceima hatten wir einen Termin mit Silya Ziani. Die junge Sängerin, ein Star in Marokko, war die einzige Frau unter den verhafteten Hirak Anhängern. Beamte in Zivil hatten sie während des heiligen Ramadan Monats zu Hause festgenommen und nach Casablanca transportiert. Dort saß sie in Isolierungshaft und hat stark gelitten. Ende Juli ist sie von König Mohammed VI begnadigt und wieder auf freien Fuß gesetzt worden.

Verletzung der Pressefreiheit

Trotzdem ist sie bereit uns zu treffen. Doch wir sind kaum in unserem Hotel angekommen, da wird unser Marokko-Kontakt Dominique Mollard, der seit 30 Jahren im Land lebt, in die Lobby beordert. Dort erwarten ihn der Bürgermeister, der Gouverneur und drei weitere Beamte sowie fünf Offiziere des marokkanischen Geheimdienstes DST. Keiner der zehn Männer will seinen Namen nennen.

Unsere Drehgenehmigung "für Aktualität im Königreich Marokko" wischen sie mit einer Handbewegung vom Tisch. Wir bräuchten für Al Hoceima eine Sondergenehmigung und wenn wir dennoch drehen würden, würde unsere Ausrüstung konfisziert und wir direkt zum Flughafen begleitet werden. Selbst neutrale Aufnahmen der Stadt werden uns untersagt. "Sie wissen ja, was ihrem Kollegen von 'The Guardian' passiert ist", wird Dominique Mollard unmissverständlich klar gemacht. Guardian-Mitarbeiter Saeed Kamali Dehghan wurde Ende September während einer Reportage im Rif durch Militär aus Marokko ausgewiesen.

Strenge Polizeibewachung

Wir sind also gewarnt. Das Auswärtige Amt und die deutsche Botschaft in Rabat, die wir unverzüglich in Kenntnis setzen, zeigen sich relativ wenig überrascht - versprechen aber gegen diese Verletzung der Pressefreiheit bei ihren marokkanischen Partnern zu protestieren.

Unser Hotel wird die ganze Nacht bewacht, ins Restaurant folgen uns Polizisten in Zivil. Als wir am nächsten Morgen Al Hoceima verlassen, folgen uns zwei Wagen. Wir geben den Beamten zu verstehen, dass wir sie wahrgenommen haben. Nach ca. 30 Kilometern lassen sie uns alleine weiterfahren.

"Sie sind da"

Wir sind auf dem Weg nach Tanger, der Stadt an der Nordspitze des Landes. Dort erwarten uns die Eltern vom Anführer der Hirak Bewegung, Nasser Zefzafi. Seine Mutter ist krank, bekommt eine Chemotherapie. Sein Vater, der sich schon öfter in der Presse geäußert hat, ist trotzdem bereit uns zu empfangen. Ihr Sohn ist seit Mai im Gefängnis. Sie machen sich große Sorgen um ihn.

Die Küstenstraße durchs Rif ist malerisch. Esel ziehen Pflüge durch kleine Felder, alte Männer im Kaftan sitzen am Straßenrand. Regelmäßig kommen wir durch Polizeikontrollen. Jedes Mal führt der kontrollierende Beamte sein Walkie Talkie zum Mund. "Sie sind da", hat er gesagt, übersetzen unsere Begleiter. Unser Auto wird also verfolgt. Wir sind bekannt wie ein bunter Hund.

Zwischen Wut und Niedergeschlagenheit

Nach stundenlanger Fahrt liegt endlich Tanger vor uns. Aber an einem großen Kreisverkehr, am Eingang der Millionenstadt, wartet ein massives Polizeiaufgebot. Dominique Mollard wird aus dem Auto geholt. Er muss die Drehgenehmigung vorzeigen. "Für Tanger brauchen sie eine Sondergenehmigung", sagt ihm der Chef der Polizei, der einen schlechtsitzenden Anzug trägt. "Wenn ihr hier dreht, bringen wir Euch direkt zum Flughafen", setzt er hinzu und deutet auf vier wartende Autos.

Die Drohung ist unmissverständlich. Wir benachrichtigen Mohamed Zefzafi, dass wir leider nicht kommen können. Und fahren weiter nach Rabat. Der Polizeichef folgt uns persönlich bis zur Autobahneinfahrt. Wir schwanken zwischen Wut und Niedergeschlagenheit.

Werden wir paranoid?

Als wir abends in der Hauptstadt Rabat im Restaurant sitzen, schauen wir alle Nachbarn misstrauisch an. Welcher ist unser Bewacher? Im Hotel bricht fünf Minuten nach unserer Ankunft das Wlan zusammen. Machen die das extra? Die wichtigste Frage ist aber, ob wir es am nächsten Morgen schaffen werden zu einer Pressekonferenz der Familien der inhaftierten Hirak-Anhänger zu gelangen oder ob wir wieder daran gehindert werden.

Als unser Kameramann am nächsten Morgen aus dem Hotel die Nase vor die Tür steckt, wird er aus einem schwarzen Auto mit Vorhängen an den Fenstern fotografiert. Wir verständigen wieder die Botschaft. Sie zeigt sich besorgt, rät uns aber die Pressekonferenz wahrzunehmen.

Der Glaube an Vernunft

Wir verlassen das Hotel. Uns folgt wieder der unvermeidliche schwarze Wagen mit Polizisten in Zivil. Wir gelangen trotzdem zur Association marocaine des Droits de l’Homme (AMDH), wo mehrere Familien von Hirak Häftlingen erwartet werden. Ihre Geschichten sind herzzerreißend. Viele, die im Gefängnis in Rabat oder Casablanca ausharren, sind in den Hungerstreik getreten. Ihre Familien haben sich zusammengetan, um einmal pro Woche den weiten Weg zu machen, sie zu besuchen.

"Heute kümmere ich mich um die Wohnung, die Kinder, die Schule, das Einkaufen. Ich bin die Mama und der Papa geworden. Es liegt ein enormer Druck auf meinen Schultern", sagt uns Houda Sekkaki. Die junge Mutter dreier Kinder versteht nicht warum ihr Mann festgenommen wurde. "Unsere Forderungen nach einem Krankenhaus, einer Universität, sind doch legitim. Ich dachte der Staat würde die Sache mit Vernunft regeln, denn Marokko behauptet ja den Weg der Demokratie und der Meinungsfreiheit gewählt zu haben".

Das andere Gesicht Marokkos

Beim Verlassen der Pressekonferenz wird unser marokkanischer Begleiter erneut nach unseren weiteren Plänen ausgefragt. Die Polizei ist also immer noch da. Wir können trotzdem noch unser letztes geplantes Interview führen. Mohammed Ziane ist einer der Anwälte der Hirak Bewegung. Früher war er Minister für Menschenrechte unter Hassan II. Eine bedeutende Persönlichkeit in Marokko. Er zeigt sich kritisch. Mohamed VI sei in dieser Angelegenheit schlecht beraten. Er hätte besser eingelenkt, um den sozialen Frieden zu retten, so Ziane.

Uns hat Marokko definitiv ein anderes Gesicht gezeigt als bei vorherigen Drehs. Die Konstanz, mit der wir am Drehen gehindert wurden, zeigt wie nervös die Regierung ist. Sie haben offensichtlich Angst, dass die Forderungen von Hirak auch im Rest des Landes Gehör finden könnten. "Im Moment wird innere Sicherheit größer geschrieben als Pressefreiheit", sagt uns ein Kenner des Landes.

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