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Wikipedia-Jahrestreffen - Netzkapitalismus oder Wissensgesellschaft?

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Die Online-Enzyklopädie Wikipedia hat mit mehreren Problemen zu kämpfen. Automatisierte Aktualisierung der Artikel und eine stärkere politische Interessenvertretung sollen helfen.

Wikipedia (Symbolbild)
Wikipedia (Symbolbild)
Quelle: DPA

Die Zahl der Wikipedia-Artikel, die nicht mehr auf dem aktuellen Stand sind, nimmt zu. Die Online-Enzyklopädisten kommen mit dem Aktualisieren gar nicht mehr hinterher. Die Zahl der Autoren dagegen stagniert. Einige sind abgesprungen, andere haben ihr Engagement reduziert.

Dringend Autoren gesucht

Autorinnen sind dramatisch unterrepräsentiert. Insgesamt nimmt das Interesse an den Wikipedia-Angeboten und den Lexikon-Artikeln ab. "Wikipedia spiegelt da eben die Trends in der Gesellschaft wider", meint Jens Best, ein Wikipedianer der ersten Stunde.

Enzyklopädisches Wissen ist in unserer Gesellschaft zum Konsumgut geworden. Die Wikipedia-Aktivisten aber wollen, dass die Informationsgesellschaft, die Wissensgesellschaft, in der Wissen geteilt wird, als ein gemeinsames Gut und als gesellschaftlicher Wert anerkannt wird.

"Da müssen wir als bürgerliche zivilgesellschaftliche Bewegung des Wissens politisch aktiv werden und uns Verbündete suchen", erklärt Jens Best. Auf ihrem Deutschland-Jahrestreffen WikiCon, das am vergangenen Wochenende in Wuppertal stattfand, diskutierten die Wikipedianerinnen und Wikipedianer sehr intensiv, wie Wege vom digitalen Kapitalismus der gegenwärtigen Netzgesellschaft in eine Wissensgesellschaft aussehen können.

Wikipedia wird politischer

Abraham Taherivand, der geschäftsführende Vorstand von Wikimedia Deutschland hat zur Eröffnung der WikiCon am Freitag vergangener Woche eine sehr politische Rede gehalten. Die Wikipedianer werden politischer. Sie sehen, dass sie stärker auf die gesellschaftlichen Bedingungen für die eigene Arbeit an der Online-Enzyklopädie reflektieren müssen, wenn die Einzelprobleme gelöst werden sollen.

Einige Wikipedianer setzen hier allerdings stark auf technische Lösungen, etwa bei dem Problem, dass immer mehr Artikel der Online-Enzyklopädie nicht mehr aktuell sind. Ähnlich wie Suchmaschinen arbeiten, sollen Daten in die Wikidata automatisch eingepflegt werden. Zum Beispiel wenn sich die Einwohnerzahl einer Stadt verändert hat, soll diese Information direkt aus dem Bericht darüber in die Wikidata fließen, unter Angabe der Quelle versteht sich.

"Wikidata ist die zentrale Datenbank, von der aus die neuen Daten und Informationen dann direkt und automatisiert in die Wikipedia-Artikel eingebunden werden", beschreibt Jan Apel, Pressesprecher von Wikimedia Deutschland, den Plan.

Wir brauchen mehr Menschen, die mitarbeiten.
Jan Apel, Pressesprecher Wikimedia Deutschland

Allerdings kann die Artikelarbeit nicht völlig automatisiert werden. "Wir brauchen mehr Menschen, die mitarbeiten", meint Jan Apel. Deshalb investieren die Wikipedianer viel Zeit und Geld in die Nachwuchsgewinnung. Mit Kinder-Wikis, Unterrichts-Wikis, Veranstaltungen zur "Neulingsgewinnung" und Social-Media-Kampagnen sollen mehr Menschen für die Arbeit an der Online-Enzyklopädie begeistert werden.

Wikipedia will diverser werden

Aber das reicht vielen noch nicht. "Wir müssen uns insgesamt mehr Gedanken machen, wie Menschen mit der Wikipedia umgehen und daraus Folgen für unsere weitere Arbeit ableiten", fordert Jens Best. Nur so wird es nach seinem Dafürhalten auch gelingen, mehr Autoren und Autorinnen zu gewinnen. Aber seine Forderung geht noch weiter.

Nur wenn Migranten, arbeitslose Menschen, Menschen, die am Rande dieser Gesellschaft stehen, ihr Wissen in die Wikipedia mit einbringen, können wir die Gesellschaft insgesamt abbilden.
Jens Best, Wikipedianer


"In Wikipedia müssen insgesamt so viele benachteiligte Gruppen wie möglich zu Wort kommen", meint er und fährt fort: "Nur wenn Migranten, arbeitslose Menschen, Menschen, die am Rande dieser Gesellschaft stehen, ihr Wissen in die Wikipedia mit einbringen, können wir die Gesellschaft insgesamt abbilden."

Und das muss geschehen, damit die Wikipedia nicht zu einer Online-Enzyklopädie unter vielen wird, sondern zivilgesellschaftliches Sprachrohr derer bleibt, die die Wissensgesellschaft wollen.

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