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Streit um Wildtierverbot im Zirkus - Flusspferd und Co. raus aus der Manege?

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Die Diskussion über ein Zirkus-Wildtierverbot ist verworren. Tierschützer finden es alternativlos. Zirkusbetreiber fühlen sich an den Pranger gestellt. Die Politik ist gespalten.

Archiv: Nilpferd im Circus Voyage, aufgenommen am 25.12.2009 in Berlin
Ein Flusspferd steigt aufs Podest und reißt sein Maul auf: Mit dieser Nummer begeistert der "Circus Voyage" seit Jahren sein Publikum - und bringt Tierschützer gegen sich auf. (Archivbild)
Quelle: imago

Die beiden Giraffen Shakira und Sabu beschnuppern neugierig die Zuschauer. Als Flusspferdbulle Jedi auf das Podest in der Manege steigt und sein Maul aufreißt, brandet Beifall im Publikum auf. Was die großen und kleinen Zuschauer im Zelt des "Circus Voyage" beeindruckt, löst bei Tierschutzorganisationen das Gegenteil von Begeisterung aus. Sie fordern das Aus für Wildtiere wie Giraffen, Elefanten und Flusspferden im Zirkus. Ihre Kritik: Die zahlreichen Transporte, die Dressur, die Shows mit lauter Musik und Applaus sowie ein Leben in kleinen Gehegen, teilweise auf nacktem Beton, machten eine artgerechte Haltung schlicht unmöglich.

2.000 Quadratmeter im Zoo, 250 im Zirkus

Verglichen mit den Haltungsanforderungen für Zootiere sind in den Augen von Tierschützern Anforderungen gerade für Wildtiere im Zirkus zu gering. Diese sind in den Zirkusleitlinien des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft festgelegt. "Während in einem Zoo für Elefanten ein mindestens 2.000 Quadratmeter großes Außengehege vorgeschrieben ist, reichen in einem Zirkus 250 Quadratmeter aus", betont James Brückner, Abteilungsleiter Arten- und Naturschutz beim Deutschen Tierschutzbund. Das Ministerium dagegen hält die vorliegenden Zirkusleitlinien für ausreichend.

In Behörden vor Ort gibt es zwar die Forderung nach einer Überarbeitung der "Zirkusrichtlinien". Für Amtstierärztin Daniela Rickert geht jedoch die Diskussion um den "Zollstock-Tierschutz" am eigentlichen Thema vorbei. "Egal ob im Zoo, im Zirkus oder in privater Hand, eine ordnungsgemäße Haltung von Tigern genauso wie von Hamstern umfasst deutlich mehr als nur die Größe des Geheges", unterstreicht die Tierärztin der Stadt Nürnberg - dort gastiert der "Circus Voyage" noch bis zum Wochenende. Wichtig für die Tiere sei unter anderem auch die Möglichkeit, artgemäßes Verhalten zu leben beispielsweise durch ausreichend geeignetes Beschäftigungsmaterial sowie eine gute Mensch-Tier-Beziehung.

Tierärztin sieht Zirkusse oft zu Unrecht in der Kritik

Die Rhetorik mancher Tierschützer missfällt Daniela Rickert. Ihrer Ansicht nach stehen die professionell geführten Zirkusunternehmen oft zu Unrecht in der Kritik. Sie sagt: "Ich überprüfe jedes Jahr mindestens drei bis vier Zirkusunternehmen und gerade die großen werden auch in Bezug auf den Tierschutz professionell und ordentlich geführt." So konnte sie auch dem "Circus Voyage" einmal mehr attestieren, aus amtstierärztlicher Sicht "ordnungsgemäß und beanstandungsfrei" zu arbeiten. Darüber hinaus gibt sie zu bedenken: "Wer über ein generelles Wildtierverbot im Zirkus nachdenkt, sollte sich auch fragen, wie er künftig mit Hamstern und Meerschweinchen verfahren möchte, die ihr Dasein ohne Ansprache in einem kleinen Käfig im Kinderzimmer fristen."

Auch der "Circus Voyage" widerspricht den Tierschützern. Man investiere permanent in neue und moderne Haltungseinrichtungen, heißt es. Nach eigenen Angaben setzt man etwa bei dem Flusspferd auf das größte transportable Wasserbecken Europas, das rund 140.000 Liter Wasser fasst. Auch für Elefanten habe man eine Anlage im Gepäck, die den Dickhäutern rund um die Uhr ermögliche, sich frei zu bewegen. Für Tierschützer ist dagegen allein der Transport von Elefanten, Tigern oder Giraffen von Gastspielort zu Gastspielort als Argument ausreichend, um ein Zirkus-Wildtierverbot zu fordern.

"Transport bedeutet für Tiere Stress"

"Die vielen Stunden Lebenszeit in ständiger Einengung verbunden mit den Kräften, die durch die Bewegung des Transporters auf den Körper wirken, sind auf Dauer bei Tieren wie Flusspferden oder Elefanten nicht besonders zuträglich", kritisiert James Brückner. Dem widerspricht Dieter Seeger, Vorsitzender des Verbandes deutscher Circusunternehmen (VdCU). Das Argument der Tierschützer, Giraffen würden im Liegen transportiert und könnten dadurch einen Kreislaufkollaps erleiden und im schlimmsten Fall versterben, ist für ihn "grober Unfug".

Bestätigt wird er darin zumindest teilweise von der Bundestierärztekammer und der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz. "Die Kreislaufproblematik ist bei Giraffen nicht anders als bei anderen Tieren", unterstreicht Professor Theo Mantel, Ehrenpräsident der Bundestierärztekammer. Kritik hat er aber in anderer Hinsicht: "Jeder Transport und jedes Be- und Entladen bedeutet für die Tiere Stress. Hinzu kommt, dass sie an jedem Standort wieder eine völlig neue und unbekannte Umgebung haben." Insbesondere deshalb sprechen sich sowohl die Bundestierärztekammer als auch die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz grundsätzlich für ein Wildtierverbot im Zirkus aus.

Manege als "Zuhause der Tiere"

Dieter Seeger dagegen betont, die Tiere seien es gewohnt zu reisen: "Von Reitställen kennt man es, dass die Pferde teilweise auf den Anhänger gezerrt werden müssen. Bei uns reicht es aber aus, wenn der Tierlehrer zweimal in die Hände klatscht und das Pferd trabt freiwillig in den Transporter." Dasselbe gilt für ihn in Bezug auf die Kritik, Auftritte in der Manege widersprächen der Natur der Tiere. "Unsere Tiere werden bereits als Jungtiere an die Manege herangeführt. Es ist ihr natürliches Umfeld und ihr Zuhause."

Und: Die Zuschauer kämen genau deshalb in den Zirkus, um Elefanten, Giraffen oder Flusspferde zu sehen. Gäbe es Wildtiere nicht mehr, drohe der Zirkustradition ihr Ende. Der "Circus Voyage" argumentiert in ähnlicher Weise: "Uns ist es wichtig, die schützenswerten Lebewesen, die in der Wildbahn leider auch noch heute stark bedroht sind, so nah wie möglich zu bringen." Elefanten, die auf einem Podest balancieren, Robben, die einen Ball auf der Nase drehen lassen: Das gehört zum Erlebnis Zirkus dazu - oder etwa nicht mehr? Die Diskussion darüber bleibt.

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