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"ZDF in …" - Wilhelmshavens Jugend leidet unter Arbeitslosigkeit

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In Wilhelmshaven sind doppelt so viele Menschen arbeitslos wie im Bundesschnitt, darunter viele Jugendliche. Berufsberater wollen Schüler erreichen, bevor sie abrutschen.

In einem kleinen, eher schmucklosen Raum in der Berufsbildenden Schule im Wilhelmshavener Stadtteil Heppens geht die Tür auf: Esra Caliskan, 20 Jahre, kommt zur Jugendberufsberatung des Jobcenters. "Wir haben dir 65 Ausbildungsangebote in Wilhelmshaven und Umgebung zukommen lassen. Was ist daraus geworden?", fragt Kerstin Sokolowski Berufsberaterin bei der Bundesagentur für Arbeit in Wilhelmshaven.

Die Schülerin schüttelt den Kopf. "Ich habe bestimmt 30 Bewerbungen geschrieben, alles mitgenommen, was für mich irgendwie vorstellbar ist und es hat sich wirklich kaum jemand gemeldet. Dabei habe ich nicht mal schlechte Noten. Ich habe wirklich saubere Bewerbungsmappen zusammengestellt." Der Frust ist Esra anzusehen.

Jugendarbeitslosigkeit fast doppelt so hoch wie im Bundesschnitt

In einer Stadt wie Wilhelmshaven, in der Jobs und Ausbildungsstellen rar sind, haben viele Arbeitgeber die Möglichkeit, auszuwählen. In Wilhelmshaven liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei über sieben Prozent - ähnlich wie in ostdeutschen Bundesländern, fast doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt. Die Jugendberufsberater gehen in Wilhelmshaven seit ein paar Jahren gezielt an Schulen, um Jugendliche zu erreichen, bevor sie abgehen ohne einen Ausbildungs- oder Studienplatz, bevor sie in die Arbeitslosigkeit rutschen.

Der Gang zum Jobcenter in Wilhelmshaven ist exponiert: Mehrere Stufen führen von der Straße eine Empore hinauf, dann geht es durch eine Glastür. Viele, die hier einen Termin haben, steigen hastig aus ihrem Auto, setzen sich eine Schirmmütze und eine dunkle Sonnenbrille auf - ein Schutzschild, so scheint es, um nicht erkannt zu werden, um einer sozialen Brandmarkung zu entgehen.

Josef, um die 50 Jahre, kommt gerade von einem Termin im Jobcenter. Er stammt aus dem Pott, erzählt er. Acht Monate lang hat er einen Job gesucht, jetzt arbeitet er ein paar Stunden die Woche für eine Sicherheitsfirma. "Ich arbeite am Hafen", erzählt Ahmed Ahmal, Anfang 30. Er ist bei einer Firma beschäftigt, die sich auf frische und gefrorene Produkte spezialisiert. Er habe Vollzeit gearbeitet, jetzt sei er auf eine Teilzeitstelle reduziert worden. "Sie wollen keine Mitarbeiter mehr, weil sie dort nicht genug Arbeit haben", berichtet er.

Weiterbildungsprogramme des Jobcenters weiter voranbringen

Jobs fehlen in Wilhelmshaven vor allem im Niedriglohnbereich. In den vergangenen Jahren zogen viele Sozialleistungsempfänger aus ganz Deutschland hierher. Die Mieten sind günstig, etwa 2.000 Wohnungen stehen noch leer, das hat sich herumgesprochen. Der Flüchtlingszuzug 2015 und in den Folgejahren brachte die Stadt an ihre Grenzen, ein Zuzugsstopp wurde erwirkt und gilt bis heute.

Biographien, die nicht durchgängig von Bildung geprägt sind.
Carsten Feist, Oberbürgermeister

Carsten Feist, der frisch gewählte Oberbürgermeister Wilhelmshavens, spricht von "Biographien, die nicht durchgängig von Bildung geprägt sind". Dies gelte für einen Großteil der Langzeitarbeitslosen. Feist, der bislang das Referat Jugend, Familie, Bildung, Sport, Prävention und Migration der Stadt geleitet hat,  will die Weiterbildungsprogramme des Jobcenters weiter voranbringen. Im Moment springe die Wirtschaft in Wilhelmshaven deutlich an. Hotels werden gebaut, die Stadt investiert in den Tourismus und auch der Hafen wächst. "Es ist eine Nachfrage an Arbeitsplätzen da. Deshalb werden wir diese Menschen auch so qualifizieren, dass sie die Nachfrage bedienen können", verspricht Feist.

Jobs in der Breite und Toppositionen

Die Stadt muss den Spagat schaffen, einerseits viele gering Qualifizierte in Jobs zu bringen und auf der anderen Seite attraktive Stellen zu schaffen, "nicht nur in der Breite", resümiert der aus dem Amt scheidende Oberbürgermeister Andreas Wagner (CDU), "sondern auch Toppositionen, damit man Leute auch nach Wilhelmshaven bekommt". Der JadeWeserPort, Deutschlands einziger Tiefwasserhafen ist, neben dem Tourismus, großer Hoffnungsträger für die Wirtschaft.

Ein Subunternehmer von Volkswagen hat hier vor kurzem seinen Betrieb aufgenommen - und verpackt Autoteile, die nach Asien verschifft werden. Rund 500 Arbeitsplätze sollen bis Jahresende entstehen. Beatrice Liedtke, die den Standort des Subunternehmers Imperial Logistics im JadeWeserPort leitet, erklärt, bislang habe ihr Unternehmen alle Arbeitnehmer aus der Region gewinnen können. "Wir haben auch eine enge Zusammenarbeit mit der Arbeitsagentur."

Arbeiter in eine Halle der Firma Imperial Logistics
Arbeiter in eine Halle der Firma Imperial Logistics
Quelle: ZDF

Strukturwandel dauert

Wir haben eine Menge Betriebe, die auf die Jugendlichen warten, die nicht nur auf die Noten schauen.
Kerstin Sokolowski, Berufsberaterin

Bei der Jugendberufsberatung an der Berufsbildenden Schule hat inzwischen Johanna Daniels (18) Platz genommen. Die 18-Jährige strahlt über ihr gesamtes Gesicht: Sie hat die Zusage für einen Ausbildungsplatz im kaufmännischen Bereich bekommen, bei einer großen Wohnungsbaugesellschaft in Wilhelmshaven. "Das ist ein Toparbeitgeber", freut sich Beraterin Sokolowski. Ihr Ziel: Den Schülern die vielfältigen Möglichkeiten in Wilhelmshaven aufzuzeigen. Viele Absolventen seien sich dessen gar nicht bewusst: "Wir haben eine Menge Betriebe, die auf die Jugendlichen warten, die nicht nur auf die Noten schauen", sagt sie. Bildung sei trotzdem ein großes Pfund.

In den vergangenen Jahren hat die Stadt Wilhelmshaven bereits 40 Millionen Euro in Schulen investiert, weitere 20 Millionen sind im Haushalt und in den Wirtschaftsplänen bereits eingeplant. Eine Arbeitslosenquote von über zehn Prozent ist nach wie vor viel für eine westdeutsche Stadt. In Wilhelmshaven, Hauptsitz der Kriegsmarine, lag die Quote nach der Werftenschließung in den Nachkriegsjahren allerdings schon mal bei über 20 Prozent. Strukturwandel dauert, auch in Wilhelmshaven.

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