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"Wir erleben in Idlib die Hölle auf Erden"

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Angriffe auf syrische Stadt - "Wir erleben in Idlib die Hölle auf Erden"

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Rettungssanitäter Bilal und "Weißhelm" Mohammad riskieren in Idlib tagtäglich ihr Leben, um zivile Kriegsopfer zu retten. Die Eskalation der Gewalt bringt sie an ihre Grenzen.

Weißhelme helfen einem Mädchen nach einem Luftangriff auf Idlib
Weißhelme helfen einem Mädchen nach einem Luftangriff auf Idlib
Quelle: dpa

"Wir sind fast nonstop im Einsatz, die Lage ist katastrophal", berichtet der Rettungssanitäter Bilal aus Idlib. "So viele Tote, so viele völlig zerfetzte Körper, schreiende, schwer verletzte Menschen." Der Nothelfer hat in den vergangenen acht Kriegsjahren ungezählte Opfer medizinisch versorgt. Bilal ist ein kräftiger Mann, der beinahe unerschütterlich wirkt. Was er jetzt jedoch sehen, hören und miterleben müsse, bringe auch ihn an seine Grenzen, sagt er im Interview per Videotelefonie. "Wir erleben hier in der Provinz Idlib die Hölle auf Erden – Assad und seine russischen Helfer zeigen kein Erbarmen".

"Oft kommt jede Hilfe zu spät, das bricht einem das Herz"

Wenn sie in den Trümmern noch um Hilfe schreien können, ist es gut.
Bilal, Rettungssanitäter

Der Mittvierziger ist in den vergangenen drei Monaten Augenzeuge von zahlreichen Luftangriffen geworden. In den letzten zehn Tagen sei er kaum noch zur Ruhe gekommen. Vor allem das Leiden schwer verletzter Kinder mache ihm zu schaffen, erzählt Bilal, der selbst mehrfacher Vater ist. "Wenn sie in den Trümmern noch um Hilfe schreien können, ist es gut, aber oft kommt jede Hilfe zu spät, das bricht einem das Herz."

Mit seinem Vorwurf, dass die Luftangriffe immer wieder gegen zivile Ziele wie Kliniken, Märkte oder auch Schulen gerichtet seien, steht der Sanitäter nicht allein. Michelle Bachelet, Hochkommissarin für Menschenrechte bei den Vereinten Nationen (UN), verurteilte die jüngsten schweren Angriffe auf zivile Infrastruktur in der Region Idlib; ebenso mag sie aufgrund der Vielzahl von Angriffen seit Beginn der Assad-Offensive im April nicht an Zufälle glauben und erinnert daran, dass "absichtliche Angriffe auf Zivilisten Kriegsverbrechen sind".

Save the Children: Luftangriffe töten sehr viele Kinder

Gleichzeitig zeigt sich die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte tief frustriert über einen weiterhin tatenlosen UN-Sicherheitsrat und die internationale Gleichgültigkeit gegenüber der humanitären Katastrophe in Syrien. Trotz eines Deeskalationsabkommens haben die UN in den vergangenen drei Monaten den Tod von etwa 500 Zivilisten dokumentiert. Die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte geht sogar von noch höheren Zahlen aus.

Der Alptraum wird noch schlimmer.
Mark Cutts, Vereinte Nationen

Mit Blick auf die jüngste "dramatische Eskalation" der Angriffe meint Mark Cutts, UN-Koordinator für humanitäre Hilfe der Vereinten Nationen in Syrien: "Der Alptraum wird noch schlimmer." Der Hilfsorganisation "Save the Children" zufolge wurden in Idlib in den vergangenen vier Wochen mehr Kinder getötet als im ganzen vergangenen Jahr.

Wenn Helfer selbst zu Opfern werden

Auch Mohammad M. riskiert seit Jahren sein Leben, um andere Menschen im Krieg zu retten. Er ist gelernter Busfahrer, engagiert sich aber als "Weißhelm" für den syrischen Zivilschutz in Idlib. Vor wenigen Tagen ist er während eines Einsatzes in Maaret al-Numan selbst zum Opfer eines Luftangriffs geworden und liegt nun verletzt in einem Krankenhaus. "Wir haben versucht, Verletzte aus den Trümmern eines Hauses zu befreien, als die Kampfjets zurückkamen und ihre Bomben abwarfen", erzählt er per Videotelefonie.

Drei Splitter trafen ihn. Sein Glück: Die Wunden sind nicht lebensgefährlich. "Sobald ich hier raus bin, werde ich in den Dienst zurückkehren", sagt Mohammad. Sein Kollege Ameer wird das nicht mehr können: Der Weißhelm starb während dieses Angriffs – ein ziviles Opfer von mehr als 30 an diesem Ort an diesem Tag. "70 weitere Menschen sind dort verletzt worden", berichtet der Rettungssanitäter Bilal sichtlich betroffen: "Es war furchtbar, mit einem Schlag so viele Tote und Schwerstverwundete zu sehen."

Eskalation der Gewalt in der "Deeskalationszone"

Die Welt schaut mit einem Schulterzucken zu, keiner hilft uns.
Bilal

Die Hoffnung, dass Gewalt und Blutvergießen schnell gestoppt werden, hat der Sanitäter längst aufgegeben. "Die Welt schaut mit einem Schulterzucken zu, keiner hilft uns", sagt er. Das Assad-Regime versucht indes weiter brachial, mithilfe der russischen Luftwaffe den letzten Widerstand der syrischen Opposition in Idlib zu brechen. Eigenen Angaben zufolge verfügt die russische Armee über die völlige Luftraumkontrolle in der Region.

Karte: Syrien - Idlib - Damaskus
Karte: Syrien - Idlib - Damaskus
Quelle: ZDF

Größere Geländegewinne haben Assads Truppen indes seit drei Monaten kaum zu verzeichnen. Der Widerstand vor allem radikal-islamistischer Kräfte in Idlib hält an. Einwohnern zufolge setze die türkische Armee, die für den Schutz der Bevölkerung in der einst mit Russland ausgehandelten "Deeskalationszone" um Idlib sorgen soll, den Luftangriffen zwar nichts entgegen, versorge die oppositionellen Kämpfer jedoch weiter mit Waffen für den erwarteten Kampf am Boden. Ein Geflüchteter formuliert es so: "Beschützt uns vor dieser Schlacht! Die Welt muss ein Herz haben und dieses sinnlose, grausame Gemetzel endlich beenden."

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