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Katholische Kirche - "Alle Ämter müssen für Frauen erreichbar werden - auch Päpstin"

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Mitwirken, sogar mitbestimmen? Für Frauen in der katholischen Kirche so gut wie unmöglich. Die Bewegung "Wir sind Kirche" möchte daran etwas ändern. Ein Interview.

Priesterweihe
In der katholischen Kirche dürfen nur Männer zu Priestern geweiht werden.
Quelle: picture alliance / Godong

Nein heißt Nein heißt Nein. Christus war ein Mann, ein Mann, ein Mann. Das ist die Argumentationslinie des Lehramtes zur amtlichen Gleichstellung von Frauen, erst recht, seit der Präfekt der Glaubenskongregation im Frühjahr 2018 ein Machtwort gesprochen zu haben glaubt. Wer das nicht hinnimmt, bekommt auch aus dem liberal-katholischen Lager zu hören: "Warum willst Du mit dem Kopf durch die Wand? Es gibt doch wichtigere Themen." Wie können und sollen die Reformkräfte künftig agieren? Zu dieser höchst aktuellen Tagung und zur anschließenden 42. Bundesversammlung lädt die katholische Kirchenvolksbewegung "Wir sind Kirche".

heute.de: Wie kam es zu dem Thema der Tagung?

Sigrid Grabmeier: Das Thema haben wir zwar schon letztes Jahr festgelegt, aber es hat seitdem sogar an Aktualität gewonnen. Wie aktuell das Frauenthema ist, haben wir gerade auch wieder bei der Jugendsynode in Rom erlebt: Frauen haben überhaupt keine Möglichkeit der Mitwirkung.

heute.de: Und Sie wollen das verbessern?

Grabmeier: Ja, das ist unser Ziel. Eine unserer Forderungen ist die volle Gleichberechtigung der Frau in der Kirche. Alle Ämter müssen für Frauen erreichbar werden - auch Päpstin. Es gibt keinen sinnvollen theologischen Grund, warum Frauen diese Ämter nicht ausüben können.

In unserer Gesellschaft ist die Emanzipation der Frau zwar relativ weit fortgeschritten, aber in der katholischen Kirche wird diese Entwicklung blockiert. Frauen können nicht Priesterin werden. Dadurch sind die Mitwirkungsrechte nicht gegeben, denn Entscheidungen liegen nicht bei irgendwelchen Gremien, sondern die Entscheidungsträger sind letztendlich immer die Priester.

heute.de: Der Hauptvortrag bei der Tagung heißt "Weiberaufstand - wie geht das?". Gibt es dort die Gebrauchsanweisung zum Aufstand der Frauen?

Grabmeier: Das weiß ich nicht sicher. Ich finde es aber wichtig, dieses Thema, das seit 30 Jahren und noch länger immer wieder diskutiert wird, auf eine breitere Basis zu stellen. Früher waren Frauen in der Kirche stark vertreten und haben unglaublich viel Sozialarbeit gemacht und auch heute sind noch Frauen in der Kirche aktiv, aber viele sagen auch: Was habe ich da noch zu suchen? Ich kann mich doch woanders viel besser verwirklichen. Ich kann meine Fähigkeiten woanders viel besser einbringen. In der Kirche muss ich mich immer unter die Leitung eines Mannes stellen, der womöglich sogar noch inkompetent ist.

heute.de: Sehen Sie das vor allem als eine Nichtachtung der Frau oder sorgen Sie sich auch um die Kirche?

Grabmeier: Beides. Es tut der Kirche nicht gut, wenn sie die Hälfte ihrer Mitglieder kategorisch aus allen Ämtern ausschließt. Frauen konnten zum Beispiel jetzt bei der Jugendsynode nicht abstimmen. Es gab zugleich aber Männer, die zwar auch keine Priester waren und trotzdem mitstimmen konnten. Das ist einfach eine Missachtung der Frau. Gerade in Ländern, in denen eine frauenverachtende Kultur besteht, verstärkt die Kirche mit so einer Haltung die Problematik dort noch. Wenn Frauen in der Kirche kein Amt ausüben, kein Mitspracherecht und keine Letztverantwortung übernehmen dürfen, dann gelten sie dort auch als nichts wert, also darf man sie schlecht behandeln.

heute.de: In Deutschland ist Missbrauch ja leider immer noch ein großes Problem. Glauben Sie, dass dieses Problem durch Frauen in geweihten Positionen besser in den Griff gebracht werden könnte?

Grabmeier: Ja, das glaube ich schon. Es gibt natürlich auch Frauen, die sexuell Gewalt ausüben. Aber unter den Priestern gibt es diese Freundchenwirtschaft: Da kennt man sich. Der Eine ist der Chef und dann kommt der Andere und sagt: "Da gab es einen Ausrutscher". Den Priester versetzt man einfach und dem Opfern wird gesagt: "Halt die Klappe. Wird schon einen Grund gegeben haben." Ich glaube, dass es nicht so leicht gewesen wäre, diese System so lang fortzusetzen, wenn mehr Frauen Entscheidungsträgerinnen gewesen wären.

heute.de: Die Debatte um die Frauenordination wurde von Johannes Paul II. schon einmal für beendet erklärt. Wie weit geht die Bewegung also, wenn selbst das Lehramt und das, was der Papst sagt, nicht mehr gilt?

Grabmeier: Hat Johannes Paul II. die Diskussion damit beendet? Es gibt das akademische Lehramt und das kanonische Lehramt - das, was die Bischöfe innehaben. Im kanonischen Lehramt haben wir zum Teil eine völlig vorsintflutliche Theologie. Zugleich werden viele wissenschaftliche Erkenntnisse, sowohl in der Bibel- und der Kirchengeschichtsforschung als auch in verwandten anthropologischen Wissenschaften, einfach ignoriert. Das Spannende an der Theologie ist doch, dass es zwar mit Gott zu tun hat, aber eben vor allem auch mit Menschen. Wenn man eine Theologie weit weg von den Menschen und weit weg von den Lebensnotwendigkeiten macht, wird es natürlich schwierig, das gute Miteinander, was Jesus mit seiner Botschaft weiterbringen wollte, zu vermitteln.

heute.de: Woran liegt das, dass "Wir sind Kirche" gerade in konservativen Kreisen so kritisch gesehen wird und häufig auch auf offene Ablehnung stößt?

Grabmeier: Wir haben sicherlich eine andere Vorstellung und einen anderen Kirchenbegriff. Für Konservative basiert Kirche auf den geweihten Amtsträgern. Wir sagen: Wir sind Kirche. Wir Kirchenbürgerinnen und Kirchenbürger haben individuell Verantwortung dafür, dass die Gemeinschaft der Gläubigen in der Welt repräsentiert und die Botschaft Jesu weitererzählt und weitergelebt wird. Für uns ist die Liturgie sicherlich auch wichtig, aber zu allererst war Jesus einfach kein Liturge. Das ist schönes Beiwerk und das braucht der Mensch auch für die Seele, aber Gott braucht es nicht. Und die Menschen, an denen man Gutes tun soll, brauchen das auch nicht.

heute.de: Die Forderungen der Tagung wirken durchaus provokant. Was glauben Sie, realistisch erreichen zu können?

Grabmeier: So provokant sind die nicht. Es gab Ende der 80er und 90er Jahre in Deutschland diverse Diözesanversammlungen und unsere Forderungen finden Sie in allen Abschlusspapieren dieser Synoden und der Pastoralforen. Das ist bei uns jetzt natürlich zugespitzt formuliert, aber inhaltlich sind die alle da. Die haben wir uns nicht ausgedacht.

heute.de: Glauben Sie, dass diese Tagung eine Resonanz erzeugt, die die Frauenbewegung tatsächlich voranbringen wird?

Grabmeier: Zu glauben, dass man mit einer Tagung den Hebel umlegt, das wäre schon sehr naiv. Das ist ein Langzeitprojekt. Wir sind jetzt seit über 20 Jahren an diesem und anderen Themen dran. Auf der Jugendsynode wurde das Frauenthema auch behandelt. Da kann man zwar nicht gleich euphorisch werden, aber ich sehe da Bewegung in die Sache kommen. Ich glaube aber nicht, dass eine Tagung dazu beiträgt, dass die Erde bebt. Aber es ist wieder mal ein kleiner Schritt, den wir machen.

Das Interview führte Korbinian Bauer.

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