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Turbulenzen um Wirecard-Aktie - Zocken auf den Absturz

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Finanzaufseher haben Wetten auf den Kursverfall von Wirecard-Aktien verboten. So genannte Leerverkäufe sind bis April nicht mehr möglich. Wie schädlich sind solche Spekulationen?

Handy mit Wirecard wird an EC-Terminal gehalten
Handy mit Wirecard wird an EC-Terminal gehalten
Quelle: Reuters

Bis 18. April herrscht nun erst einmal Flaute für diejenigen, die auf weitere Kursstürze der Wirecard-Aktien wetten wollten. Denn so lange gilt das von der Bafin verhängte Verbot von Leerverkäufen der Wirecard-Papiere. Die Finanzaufseher hegen den Verdacht, dass Wirecard Opfer von "Short-Attacken" sein könnte. Damit sind Wetten auf fallende Kurse gemeint, die man durch so genannte Leerverkäufe eingehen kann.

Leerverkäufe – Wetten auf den Kursverfall

Bei einem Leerverkauf leiht sich ein Investor Aktien von einem anderen Aktienbesitzer für einen bestimmten Zeitraum. Für die "Miete" der Aktien bezahlt er eine Gebühr. Zu Beginn des Zeitraums verkauft er die geliehenen Aktien zum Marktpreis. Fällt der Kurs, kann er sie sich hinterher billiger zurückkaufen - und hat damit Profit gemacht.

Bei Wirecard haben sich Leerverkäufer eine goldene Nase verdienen können: Denn innerhalb weniger Wochen ist der Kurs dieser Papiere von rund 170 auf zeitweise unter 100 Euro eingebrochen - ein Minus von 40 Prozent. Vernichtet wurde ein Börsenwert in mehrfacher Milliardenhöhe. Leerverkäufer hätten mit diesem Verfall Millionen machen können - und haben dies vielleicht auch getan.

Leerverkäufe – nicht immer schädlich

Schädlich und verboten sind Leerverkäufe natürlich, wenn die derart spekulierenden Investoren zu ihren Geschäften passende, aber unwahre Gerüchte streuen oder gar falsche Anschuldigungen erheben. So hatte vor zehn Jahren die Deutsche Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) vor "Unregelmäßigkeiten" bei Wirecard gewarnt. Am Ende stellte sich heraus, dass der damalige Chef der SdK auf einen fallenden Aktienkurs des Unternehmens gewettet hatte. Es folgte ein Gerichtsurteil wegen Kursmanipulation.

Grundsätzlich aber haben Leerverkäufe auch eine positive Funktion. Denn über sie können sich Investoren auch gegen Verluste absichern. "Zum anderen sehe ich die Funktion von Leerverkäufern auch in ihrer Funktion, den Markt zu bereinigen", sagt Klaus Nieding. Er ist Aktionärsschützer bei der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. "Das ist wie bei einigen Tierarten, die in der Natur als Gesundheitspolizei unterwegs sind. Leerverkäufe gehen auch in Werte rein, wo Schwachstellen da sind. Sie helfen also mit, diese Schwachstellen aufzudecken."

Verdacht gegen Journalisten der FT

Eine der Schwachstellen von Wirecard machen manche Beobachter darin aus, dass das Unternehmen von außen nicht einfach zu durchschauen ist. Zudem sind die Geschäftsprozesse nicht einfach zu verstehen - auch das trägt zur Unsicherheit bei. "Es kann aber auch sein, dass das Management - ich sage mal - zumindest im kommunikativen Bereich entsprechenden Nachholbedarf hat. Und man diese Schwäche entsprechend ausnutzt", meint Klaus Nieding.

Auch in diesem Fall ist noch nicht ganz klar, was wirklich vorgefallen ist. Doch es gibt wieder einmal Hinweise darauf, dass Wirecard einmal mehr ins Fadenkreuz von Spekulanten geraten sein könnte. So hat die Staatsanwaltschaft München ihre Ermittlungen wegen des Verdachts der Marktmanipulation ausgeweitet. Aufgrund einer Strafanzeige gegen einen Journalisten der "Financial Times" werde dieser nun als Beschuldigter geführt. Die Zeitung hatte Ende Januar und danach Artikel veröffentlicht, in denen über Fehlverhalten von Wirecard-Mitarbeitern in Singapur geschrieben wurde. Daraufhin krachte der Börsenkurs in den Keller.

Bisher wenig dran an Negativ-Gerüchten

Zu dem bereits gesammelten Material der Staatsanwaltschaft zähle auch die Aussage eines Aktien-Kaufinteressenten. Der habe von einem der "Financial-Times"-Berichte bereits vor dessen Veröffentlichung erfahren, sagte eine Behördensprecherin. Damit wäre zwar der Verdacht gegen Wirecard in Singapur nicht vom Tisch. Aber sollte sich der Verdacht erhärten, würde sich der Fokus auf die "Financial Times" lenken. Die müsste dann zumindest erklären, warum jemand im Umfeld der Aktienmärkte im Voraus von dem Bericht und seinem Erscheinungstermin Kenntnis hatte.

Anfällig scheint Wirecard für derartige Vorwürfe auch aufgrund der eigenen Geschichte zu sein. In seinen Anfängen regelte Wirecard den Zahlungsverkehr von Internetseiten etwa im Bereich Pornografie oder Glücksspiel. Bisher allerdings haben sich die meisten Vorwürfe und Gerüchte als unhaltbar erwiesen. Das könnte auch dieses Mal so sein. "Wenn ein Unternehmen nach solchen wiederholten Anschuldigungen alles übersteht wie Wirecard, spricht viel dafür, dass da wenig dran ist", meint Technologie-Experte Christoph Schmidt, Analyst bei Fegra Capital.

Ausgang der Bafin-Untersuchung noch ungewiss

Der Ausgang der Untersuchung der Bafin zu möglichen Marktmanipulationen steht übrigens durch das nun erlassene Verbot von Leerverkäufen von Wirecard-Aktien noch nicht fest. "Unsere Marktmanipulations-Untersuchung läuft nach wie vor", sagte eine Bafin-Sprecherin. Die Aufsichtsbehörde ist eingeschritten, weil sie durch die drastischen Kursschwankungen bei Wirecard eine Bedrohung für die Finanzstabilität und das Marktvertrauen in Deutschland ausgemacht hat.

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