Sie sind hier:

Warentransport per Lkw - Miserable Bedingungen in der Truckerbranche

Datum:

Auf deutschen Straßen fahren täglich hunderttausende Lkw. Viele Fahrer kommen aus Osteuropa. Sie bringen Waren und Rohstoffe von A nach B - oft zu miserablen Bedingungen.

Von wegen Verkehrswende: Über 72 Prozent aller Waren werden in Deutschland per Lkw bewegt, Millionen Fernfahrer sind dafür hierzulande auf den Straßen - fast alles Diesel.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

Das Führerhaus ist vollgestopft: Zwei Tomaten, eine halbe Paprika und Möhren liegen dicht an dicht neben zwei Schnapsgläsern, Tassen, einer Zigarettenschachtel - daneben das Smartphone-Ladekabel und Instantgerichte in Tüten. Am Fenster der Tachograf, im Fußraum eine große Schüssel mit Suppe nach polnischem Rezept. In diesem Durcheinander lebt Krys. Er will seinen vollständigen Namen nicht veröffentlicht sehen. Aber er will über die Härten reden, die sein Leben als Lkw-Fahrer mitbringt.

Sub-Sub-Sub-Dienstleister

Krys, Anfang 50, groß, kurzes graues Haar und grau-grüne Augen, fährt für eine polnische Firma durch Westeuropa. Immer im Auftrag westlicher Firmen, als Sub-Sub-Sub-Dienstleister, bei dem die Order am Ende landet. Im Moment bringt er ein riesiges Stahlgewinde aus Frankreich zu einem deutschen Autobauer. "Der einzige Kontakt, den ich bei der Arbeit nach Polen habe, ist mein Disponent - alles andere läuft hier im Westen", sagt er.

Krys hat für die Fahrten in Deutschland eigentlich Anspruch auf den deutschen Mindestlohn. Doch er verdient nur knapp über dem polnischen Mindestlohn, umgerechnet 535 Euro im Monat. Dazu kommen 58 Euro Spesenpauschale pro Tag im Lkw. Auf die Pauschale zahlt die Firma keine Sozialabgaben, Krys zahlt keine Steuern und erwirbt keine Rentenansprüche.

Leben im Truck aus Geldmangel

Aus Krys' Perspektive als polnischer Fahrer, der pro Stunde circa 8,50 Euro erhält, ist das immer noch viel Geld - nichtsdestotrotz ist die Praxis illegal. Krys sieht aber keine Alternative: "Ich muss eine Familie ernähren, ich muss Geld nach Hause schicken und brauche diesen Job - da kann ich mir die Bedingungen nicht aussuchen." Wenn er nicht fährt, bekommt er gar kein Geld, erzählt er. Auch das wäre illegal, denn ein Grundgehalt müsste er immer bekommen.

Um möglichst wenig Geld zu verlieren, kocht Krys oft Suppe neben seinem Truck, auch all seine Pausen verbringt er im oder neben dem Truck. Dabei müsste er eigentlich laut Gesetz einmal die Woche eine lange Pause außerhalb verbringen. "Und wer bezahlt das, wenn ich ins Hotel will? Dafür bekomme ich vom Chef ja kein Extrageld", sagt er.

Osteuropäische Fahrer sind billiger

Aus diesen Gründen kostet ein osteuropäischer Fahrer aus Polen, Rumänien oder Bulgarien seine Spedition laut einer französischen Studie pro Jahr nur etwa die Hälfte eines westeuropäischen Fahrers. "In dieser Branche findet systematische Ausbeutung osteuropäischer Fahrer statt", sagt Michael Wahl, Logistikexperte beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB).

Das setzt auch die Löhne westeuropäischer Trucker unter Druck. Der Binnenmarkt macht es möglich: Innerhalb der Europäischen Union können Firmen Arbeitnehmer grundsätzlich auch in anderen Mitgliedsländern einsetzen, man spricht von Arbeitnehmerentsendung. Dafür gilt prinzipiell die Entsenderichtlinie. Diese sah bisher vor, dass zumindest gewisse Minimalstandards wie der Mindestlohn des Einsatzlandes eingehalten werden müssen. Seit ihrer jüngsten Reform geht die Entsenderichtlinie noch weiter: Entsandte Arbeitskräfte sollen ab 2020 dasselbe branchenübliche Lohnniveau wie Einheimische erreichen. So soll Sozialdumping verhindert werden. Doch für den Transportsektor hat die EU auf Druck einiger osteuropäischer Staaten Ausnahmen festgelegt. So werden weiterhin die billigsten Arbeitskräfte genutzt.

Spesen als Mittel zum Lohndumping

Und wie in Krys' Fall wird oft mit Spesenzahlungen gearbeitet. "Dass die osteuropäischen Fahrer mit Spesen hingehalten werden, ist Gang und Gäbe auf Deutschlands Straßen - und die deutschen Auftraggeber schauen lieber nicht so genau hin, was ihre Subunternehmer machen", sagt Wahl.

Frank Huster, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Speditions- und Logistikverbandes, widerspricht: "Die Einhaltung sämtlicher gesetzlicher Bestimmungen liegt in der Verantwortung des jeweiligen Arbeitgebers, in dem Fall beim beauftragten Transportunternehmen. Auftraggebende Speditionen fordern von ihren Transportdienstleistern stets durch klare vertragliche Regelungen, dass sämtliche gesetzliche Bestimmungen eingehalten werden." Er ergänzt: "Werden Verstöße festgestellt, wird das Vertragsverhältnis in der Regel gekündigt."

Kontrolleure stoßen an ihre Grenzen

Verstöße festzustellen, dafür wäre prinzipiell der Staat zuständig. Doch bei den Kontrollen gibt es ein Problem: Es lässt sich auf den Rastplätzen anhand der vorhandenen Papiere nur mühsam feststellen, ob ein Verstoß vorliegt oder nicht. "Das ist wirklich ein großes Problem, bei diesen Lohnmodellen blickt ja kein Mensch mehr durch - es müsste deshalb meiner Meinung nach ganz normal der deutsche Mindestlohn gezahlt werden", sagt der für Verkehr zuständige CDU-Europa-Abgeordnete Dieter-Lebrecht Koch. Michael Wahl vom DGB glaubt, dass der Zoll auch aufgrund der Sprachbarriere oft nicht versteht, in welchen Konstruktionen die Fahrer eigentlich arbeiten.

Das für die Zollkontrollen übergeordnet zuständige Finanzministerium widerspricht dem Eindruck, die Kontrollen seien wirkungslos: "Im Jahr 2017 wurden bezogen auf die Branche 3.416 Strafverfahren eingeleitet, hauptsächlich wegen des Verdachts des Betruges oder des Vorenthaltens und Veruntreuens von Arbeitsentgelt, hinzu kommen 1.310 Bußgeldverfahren, vor allem wegen Verdachts auf Verstoß gegen das Mindestlohngesetz."

Mobilitätspakt statt Entsenderichtlinie - Skepsis bleibt

Als Alternative zur Entsenderichtlinie arbeitet die EU gerade am sogenannten Mobilitätspaket. Es sieht künftig etwa für ausländische Fahrer den branchenüblichen Lohn eines Gastlandes vor, wenn sie ausschließlich dort fahren. Zudem sollen digitale Tachographen gefahrene Routen und Lenkzeiten transparenter machen. Allerdings soll es auch weitreichende Ausnahmen von der Regel "gleicher Lohn für gleiche Arbeit" geben: Der muss etwa nicht gezahlt werden, wenn von einem Land in ein anderes geliefert wird (Import-Export). Auf diesem Weg dürfen zudem bis zu zwei weitere Transporte durchgeführt werden.

Europa-Politiker Dieter-Lebrecht Koch (CDU) hält das für einen guten Kompromiss: "Sonst hätten wir die anderen Verbesserungen nicht durchbekommen gegen die osteuropäischen Mitgliedstaaten", sagt er. Der DGB dagegen ist skeptisch: "Das wird am Ende niemand mehr kontrollieren können, ob der Fahrer jetzt das Lohnniveau des Gastlandes bekommen müsste oder nicht - Arbeitsrechtsverstöße können dann noch schlechter geahndet werden", sagt Wahl.

Zudem sollen die wöchentlichen Ruhezeiten für Trucker liberalisiert werden. Für Trucker Krys könnte das bedeuten, dass er noch weniger Pause hat und noch mehr Zeit im Truck verbringen muss.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um Ihnen ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier können Sie mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.