ZDFheute

Spurensuche - 30 Jahre nach dem Mauerfall

Sie sind hier:

WISO vor Ort - Spurensuche - 30 Jahre nach dem Mauerfall

Datum:

Wo steht der Osten Deutschlands 30 Jahre nach dem Mauerfall? ZDF-WISO begibt sich für eine Antwort dorthin, wo es vor 33 Jahren schon einmal war.

Metallschild mit Aufschrift: "und dann passierte folgendes"
Metallschild mit Aufschrift: "und dann passierte folgendes"
Quelle: ZDF

1986 sendete WISO als erstes Westformat direkt aus der DDR. Kurz darauf war die Welt eine andere. Mit Auswirkungen bis heute.

Wo steht der Osten, 30 Jahre nach dem Mauerfall? Die Antworten sind schwierig zu finden - und könnten unterschiedlicher nicht ausfallen: "Meine Prognose ist, dass wir vor einer längeren Krise stehen", sagt der Wirtschaftswissenschaftler Gunther Schnabl. "Also, du kannst praktisch alles machen, du kannst nichts machen. Du hast alle Möglichkeiten", sagt dagegen Martin Böhringer, CEO des Start-ups "Staffbase". Das junge Unternehmen hat Standorte auf der ganzen Welt, aber seinen Hauptsitz in Chemnitz. Dort, wo einst zu DDR-Zeiten die Zentrale des sächsischen Kombinates "Textima" war, jenes volkseigenen Betriebes, den WISO 1986 und noch einmal 1987 besuchte.

Mit dem Mauerfall wurde alles anders. Heute ist davon nichts mehr da, außer den beeindruckenden Werkhallen. Erst kam die Wende, dann die Treuhand, dann die Abwicklung. Aus dem volkseigenen Betrieb wurde eine Brache, aus Beschäftigten Arbeitslose. "Man hatte ja die Hoffnung, dass Leistung bezahlt wird. Aber alles im Westen ist auch nicht gut", sagt ein ehemaliger Textima-Mitarbeiter.

Altes Textilwerk in Chemnitz
Teil des alten Kombinates "Textina" in Chemnitz
Quelle: ZDF

Soziologen wie der Berliner Professor für Makrosoziologie, Steffen Mau, sprechen von einer "frakturierten Gesellschaft". Es gibt nicht "den Osten", ebenso wenig wie es "den Westen" gibt. Es gibt die, deren Biographie einen schweren Bruch in der Wende- und Nachwendezeit erhalten hat, und es gibt die, denen die Zeit neue Chancen, Ideen und Energien eröffnete.

WISO macht sich auf die Suche nach jenen Menschen, die in den späten Achtzigern dabei waren, als WISO in die (und aus der) DDR kam. Eine Spurensuche. Wo hat ihr Weg sie hingeführt? Wem eröffneten die Ereignisse neue Chancen und Horizonte? Wer wurde in ein tiefes Loch gestoßen? Herausforderung für die Elterngeneration, Startschuss für die Jungen? Wer ist geblieben, wer gegangen? Und warum?

Begegnungen

Im Jahr 2019 begibt sich WISO wieder an die Orte von damals. Und trifft auf Menschen, die besser verstehen lassen, wie es damals war - und heute ist. Menschen wie Daisy Nestler. Heute eine Professorin am Leichtbau-Exzellenz-Cluster der TU Chemnitz - aber bis dort hin war es ein weiter Weg.

Warum muss ich 30 Jahre nach der Wende noch Unterschiede von 3,50 Euro machen? Es ist demütigend.
Daisy Nestler aus Chemnitz

Eigentlich war ihr Weg vorgezeichnet. Ende der 80er ist sie studiert, promoviert - und auf dem besten Weg, beim Kombinat Textima eine leitende Funktion zu übernehmen. Dann kommt die Wende - und nichts ist mehr wie vorher. Mit vier Kindern ist sie plötzlich "schwer vermittelbar". Auf dem Arbeitsamt empfiehlt man ihr, doch einfach "ihr Arbeitslosengeld zu nehmen". Für Nestler ist es der Beginn schwerer Zeiten. Zeitweise weiß sie nicht einmal mehr, wie sie ihre Kinder satt kriegen soll. Wenig Geld, kein Job - und das demütigende Gefühl, ein Mensch zweiter Klasse zu sein. Ein Gefühl, das bis heute manchmal anhält, obwohl sie Jahre später ihre Chance ergriffen hat. Noch immer ist ihr Einkommen geringer, als es bei einer vergleichbaren Position im Westen wäre. "Warum muss ich 30 Jahre nach der Wende noch Unterschiede von 3,50 Euro machen? Es ist demütigend. Kann ich alles wirtschaftlich erklären, warum das so ist. Aber für die Seele ist das eine Demütigung", sagt Nestler.

Ihre Arbeit trägt heute dazu bei, Chemnitz zum Leichtbauzentrum Deutschlands zu machen. Eine entscheidende Zukunftstechnologie: Mobilität der Zukunft, Automobilbau, Energie-Effizienz und Klimaschutz - Leichtbau spielt überall eine entscheidende Rolle.

Nur dass kaum jemand weiß, welche entscheidende Rolle Chemnitz dabei spielt. Ein Problem - und ein gutes Beispiel. Vieles läuft im Osten richtig gut, bleibt aber unter dem Radar.

Erfolge unter dem Radar

Erfolge wie der der jungen Firma "Saralon". "Für meine Eltern war es schwierig, für mich eine Riesenchance", sagt Gründer Steve Paschky über die Wendezeit.

Paschky hat an der TU Chemnitz studiert - und ist geblieben. Zusammen mit Kollegen hat er dann die Firma gegründet. Sie entwickeln eine Elektronik, die einfach aufgedruckt werden kann. Sie bringen Verpackungen zum Leuchten, machen Batterien zu druckbaren, ökologisch fast unbedenklichen Produkten oder Bluttests für die dritte Welt zu einem Massenprodukt aus der Druckerpresse.

Oder eben der Erfolg von "Staffbase", die Kommunikations-Tools für Unternehmen programmieren. Mit Standorten auf der ganzen Welt - aber einer Firmenzentrale in Chemnitz.

Vor mehr als 30 Jahren sendete WISO live aus dem Textilkombinat TEXTIMA. Jetzt kehrt WISO zurück!

Beitragslänge:
41 min
Datum:

Miteinander reden

Aus diesen Begegnungen und Beobachtungen hat sich die Idee einer WISO-Sondersendung ergeben: Diese Menschen zusammenbringen - und mit ihnen reden. Jene, für die die Wende ein Einschnitt in ihr Leben war, und die, die heute in Chemnitz leben und arbeiten. Welche Probleme hat der Osten Deutschlands? Und welche Verzerrungen gibt es?

In die Textima-Werkhallen sind jetzt kleinere Unternehmen gezogen. Handwerksfirmen, Zulieferer, Dienstleister, Gastronomie-Betriebe. Die Welt ist eine andere -  aber die Spuren und Auswirkungen der Vergangenheit sind allgegenwärtig.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.