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WM-Aus für Deutschland - Das historische Scheitern

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Die deutsche Nationalmannschaft verabschiedet sich erstmals in der Geschichte schon nach der Vorrunde von einer WM. Bundestrainer Joachim Löw lässt seine Zukunft selbst offen.

Titelverteidiger Deutschland ist bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland überraschend in der Vorrunde ausgeschieden. Im letzten Gruppenspiel unterlag das Team von Bundestrainer Löw Südkorea mit 0:2.

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Seitdem die WM 2018 auf russischem Boden lief, hat es eigentlich genügt, sich als Gast aus Deutschland zu erkennen zu geben. Wer aus "Germaniya" (Deutschland) stammt, eine Fan-ID oder Akkreditierung um den Hals hängen hat und sich dem Fußball zugehörig fühlt, der bekam zwangsläufig auf der Fußgängerzone oder im Taxi den erhobenen Daumen gezeigt. Gütesiegel deutscher Wertarbeit, der Fußball-Weltmeister. Und sogar den Namen Joachim Löw konnten die meisten Menschen zwischen Sotschi und Samara, St. Petersburg oder Kasan aussprechen. Der Bundestrainer. Noch so ein Qualitätsbegriff.

Doch nun wird die Geschichte dieses Turniers neu geschrieben. Aus dem Aushängeschild ist eine Lachnummer geworden. Die 0:2-Niederlage gegen Südkorea, wenn auch erst in der Nachspielzeit durch Tore von Jin-Hyeon Kim (90.+3) und Heung-Min Son (90.+6) besiegelt, hat ein historisches Fiasko besiegelt. Noch nie war eine DFB-Auswahl in der Vorrunde gescheitert. Nun ist das Debakel ausgerechnet Löw unterlaufen, der seit seiner Amtsübernahme 2006 bei jedem Turnier - von der EM 2008 bis zum Confederations Cup 2017 - immer mindestens bis ins Halbfinale gekommen war.

Rücktritt schließt Joachim Löw nicht aus

Der 58-Jährige reagierte einigermaßen gefasst, als die Frage in der Kasan-Arena aufkam, dass dem deutschen Fußball nun ein Kapitel der Finsternis bevorstehe. Löw kratzte sich am Kinn, ehe er antwortete: "Ich denke nicht. Bis zu diesem Turnier waren wir die konstanteste Mannschaft der letzten zehn, zwölf Jahre. Wir haben es für eine lange Periode immer geschafft – jetzt hat es uns getroffen. Wir haben schon auch junge, talentierte, entwicklungsfähige Spieler. Wir müssen nur daraus die richtigen Schlüsse ziehen." Bundestrainer inklusive.

Einen Rücktritt hat Löw nämlich nicht ausgeschlossen. "Ich bin der Erste, der sich jetzt hinterfragen muss. Das ist in meiner Verantwortung. Es ist zu früh für mich. Da muss ich eine Nacht drüber schlafen." Die Enttäuschung sei brutal in ihm drin, denn: "Das hätte ich mir so auch nicht vorstellen können." Die vielen Rochaden – etwa erneut fünf Wechsel gegen Südkorea – haben dafür gesorgt, dass die Mannschaft neben den Automatismen in der Vorrunde auch noch das Spielverständnis verloren hat. Das Pass- und Positionsspiel, vor vier Jahren auf dem Höhepunkt entwickelt, hat gelitten. Aber nicht nur: Auch die letzte Leidenschaft ging der aktuellen Generation ab.

Es fehlten Frische und Esprit

Es hatte den Anschein, als schleppte Löws Ensemble einen bleischweren Rucksack durch Russland herum. Die 100-prozentige Bereitschaft brachten die Spieler auch nicht mit. Viele von den mitgereisten deutschen Fans, die anfänglich auf der Tribüne noch brav ihre schwarz-rot-goldenen Fahnen geschwenkt hatten, vergossen nicht einmal Tränen ob der blutleeren Darbietung. Es fehlten Frische und Esprit.

Der erst kurz vor der WM genesen ins deutsche Tor zurückgekehrte Manuel Neuer drückte im ZDF-Interview schonungslos aus, wie wenig titeltauglich dieses Team gewesen ist: "Selbst wenn es geklappt hätte, wäre spätestens in der K.o.-Phase beim nächsten oder übernächsten Spiel Halt gewesen." Der 32-Jährige fand die Leistungen sogar "bitter und erbärmlich".  Und so stellt sich zwangsläufig die Frage, ob nicht auch Löw die fehlende Körperspannung mitverursacht hat.

Warnschüsse nicht gehört

Die schlappen Auftritte gegen Österreich und Saudi-Arabien hätte der letzte Warnschuss für den Weltmeister sein müssen. Auch hier kam Löws Einsicht zu spät: "Wir haben es nicht geschafft, den Schalter umzulegen. Wir waren überzeugt, dass es gut wird, wenn das Turnier losgeht, aber das war nicht so." Auf Knopfdruck hat bis heute kaum ein Kicker funktioniert.

Bereits am  Donnerstag um zwölf Uhr will eine vollends ernüchterte deutsche Delegation den Rückflug von Moskau nach Frankfurt antreten.  Und mit an Bord drängende Zukunftsfragen. "Wir fallen alle in ein Riesenloch", gab Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff noch zu. In seiner neuen Funktion als DFB-Direktor wird der 50-Jährige erstmals als Krisenmanager gefragt sein.

Özil-Gündogan-Affäre war auch eine Belastung

Zu den Missständen gehört auch die wenig geglückte Aufarbeitung der sportpolitischen Affäre um die Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan. Deren  umstrittener Besuch beim türkischen Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan wirbelte zu viel Staub auf, der sich wie ein Schleier auf die Mission Titelverteidigung legte. Auch weil der Deutsche Fußball-Bund nicht fähig war, die Spieler zu einem glaubhaften Bedauern zu bewegen, waren beide eher Ballast als Bereicherung.

Thomas Müller wies beim Abgang unverblümt darauf hin, dass die Störgeräusche um die beiden türkischstämmigen Nationalspieler geschadet haben: "Wenn du Weltmeister bist, dann stehst du unter Beobachtung und musst dich mit vielen Dingen auseinandersetzen, die gar nichts mit dem Fußball zu tun haben. Jetzt haben wir die Quittung bekommen." Fast die bitterste der eigentlich sehr erfolgreichen jüngeren Vergangenheit.

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