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Von wegen Fairplay - WM der Fouls und Provokationen

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Trainer relativieren Kriegsverbrechen, Spieler lehnen den Trikottausch ab - und der Fairplay-Gedanke wird mit Füßen getreten. Bei der WM setzt sich ein gefährlicher Trend fort.

Mladen Krstajic
Mladen Krstajić sorgt mit seinen Äußerungen für Kritik. Quelle: epa

Mladen Krstajić, 243-facher Bundesliga-Spieler und seit Herbst 2017 Nationaltrainer Serbiens, setzte dem Gruselkabinett der verbalen und gestischen Unrühmlichkeiten bei dieser Fußball-Weltmeisterschaft die vorläufige Krone auf. Als er einen Tag nach der unglücklichen 1:2-Niederlage seiner Elf gegen die Schweiz nach der Leistung des deutschen Schiedsrichters Felix Brych gefragt wurde, lieferte der 44-Jährige eine Antwort, die wenig Spielraum für Missverständnisse ließ. "Ich würde ihm weder Gelb noch Rot geben, sondern ihn nach Den Haag schicken. Damit sie ihm den Prozess machen, wie sie ihn uns gemacht haben", stellte der frühere Verteidiger von Werder Bremen und Schalke 04 klar.

Schiedsrichter und Kriegsverbrecher gleichgesetzt

Es sind Worte, die betroffen machen - völlig unabhängig davon, wie viel persönliche Befangenheit man Krstajić unterstellen mag. Hat sich hier gerade der Trainer eines WM-Teilnehmers angemaßt, einen Unparteiischen wegen eines nicht gegebenen Elfmeters mit Kriegsverbrechern gleichzusetzen, die sich von 1993 bis Ende 2017 für Zehntausende Tote, Geschädigte und Vertriebene vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien verantworten mussten?

Ja. Der nächste Prozess steht jetzt Krstajić selbst bevor - ein vergleichsweise harmloser, wohlgemerkt: Der Fußball-Weltverband FIFA hat Ermittlungen gegen den Double-Sieger von 2004 aufgenommen. Kristajic darf sich auf eine Geldstrafe, wahrscheinlich sogar auf eine Sperre gefasst machen. Und doch: Der Tabubruch bleibt. Das vermeintlich Unsagbare steht im Raum - ganz im Stile des Zeitgeists. Rechtspopulistische und nationalistisch gesinnte Politiker in aller Welt bedienen sich dieser Taktik schon seit längerem mit Erfolg.

Shaqiri und Xhaka drohen Strafen

Granit Xhaka jubelt mit seinen Teamkollegen nach dem Treffer zum 1:1
Granit Xhakas Jubel: der albanische Doppeladler. Quelle: dpa

Dass Krstajićs Unmut auch auf gegnerische Provokationen zurückzuführen sein dürfte, macht die Sache nicht besser. Im Gegenteil. Denn auch die Torjubelgesten der aus dem Kosovo stammenden Schweizer Nationalspieler Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri - das händische Nachstellen des albanischen Doppeladlers als Antwort auf Schmährufe und Pfiffe serbischer Zuschauer - hatten nichts anderes als eine Provokation im Sinn. Eine solche sieht laut Artikel 54 des FIFA-Disziplinarreglements (FDC) eine klar definierte Strafe vor. "Wer während einer Partie die Zuschauer provoziert, wird mit mindestens zwei Spielsperren und einer Geldstrafe von mindestens 5.000 Schweizer Franken belegt", heißt es darin.

Der Weltverband ermittelt gegen beide Spieler - und es ist gut möglich, dass die FIFA ihren 2007 beschlossenen Passus in Bezug auf das "Aufweisen von politischen, religiösen oder persönlichen Botschaften" alsbald präzisieren muss. Die durchaus prominente FIFA-Regel 4 untersagt entsprechende Botschaften lediglich auf der "vorgeschriebenen Grundausrüstung", sprich: auf Trikot, Hose, Stutzen, Schuhen und Schienbeinschonern.

DFB-Rangelei noch harmlos

Gefordert sollte sich die FIFA allerdings auch auf ethischer Ebene fühlen. Die ersten zwei Vorrundenspieltage – sie umfassen immerhin 32 der 64 WM-Begegnungen – haben verdeutlicht: Es braucht nicht immer einen politischen oder justiziablen Hintergrund, damit Spieler, Trainer und Verantwortliche ihre Vorbildfunktion für Millionen Kinder und Amateurfußballer vor den Bildschirmen mit Füßen treten. Verstöße gegen den von der FIFA so inflationär beworbenen Fairplay-Gedanken finden in unregelmäßigen Abständen, aber mit einer Zuverlässigkeit statt, die die Beteiligten nachdenklich stimmen sollte.

Tumult bei WM Spiel Deutschland Schweden
Unruhen nach dem Sieg für Deutschland. Quelle: imago sportfoto

Neymars bisweilen peinliche Versuche, einen Elfmeter zu schinden, muss der Zuschauer wohl als Teil des Spektakels akzeptieren – zumindest, solange die FIFA mit der bestehenden (In-)Konsequenz gegen Schwalbenkönige vorgeht. Die Rangelei zwischen deutschen und schwedischen Funktionären direkt nach dem Schlusspfiff geht dagegen noch als unschönes Hochkochen der Emotionen durch, zumal sich der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hinterher persönlich und via Twitter beim schwedischen Fußballverband entschuldigte.

Es scheitert am Grundsätzlichen

In anderen Fällen scheitert es jedoch schon am vermeintlich Selbstverständlichen – wie dem Gratulatieren des siegreichen Gegners oder dem Trikottausch. Der Kroate Ante Rebic hatte sich vor dem 3:0-Erfolg gegen Argentinien Großes vorgenommen: einem Shirtwechsel mit Weltfußballer Lionel Messi, was branchenintern als Exklusivität gilt. "Ganz ehrlich, ich habe vorher geplant, das Shirt von Messi zu besorgen. Für einen guten Freund, der ein großer Bewunderer von ihm ist", erklärte Eintracht Frankfurts Pokalheld gegenüber dem kroatischen Fußballportal "goal.hr": "Aber die Argentinier haben einen solch schlechten Eindruck hinterlassen, dass ich das Trikot nicht mehr haben wollte." Großes vollbrachte Rebic so "nur" sportlich - mit seinem sehenswerten Treffer zur 1:0-Führung.

Auf der Facebook-Seite des Fachmagazins "kicker" kommentierte ein User eine entsprechende Zitatgrafik mit einem süffisanten, aber bedenklichen Unterton. "Scheint ein generelles Problem zu sein, dass Gegner Rebic nicht zum Sieg gratulieren wollen ...", schrieb Jan M. - und spielte auf das fragwürdige Verhalten der Spieler des FC Bayern nach dem 3:1-Sieg der Eintracht im DFB-Pokalfinale an. Nur eine knappe Hand voll Münchner Akteure war auf dem Platz geblieben, um den Frankfurtern zu ihrem Sensationserfolg zu gratulieren. Deutet sich hier ein Trend an, der das Verhalten des schlechten Verlierers am Ende des Tages nachvollziehbar und salonfähig macht? Es wäre ein gefährlicher, dem nur die Hauptdarsteller entgegensteuern können.

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