Sie sind hier:

WM-Investitionen in Russland - "Tolle Gelegenheit, Geld zu verschleudern"

Datum:

Die Fußball-WM soll Russland auch wirtschaftlich einen Schub geben. Auf ihrer Reise entlang der Wolga erfährt unsere Korrespondentin, wie das Ereignis ebenso für Frust sorgt.

Stadtansicht von Nischni Nowgorod
Nischni Nowgorod: Im Vordergrund die Mariae-Geburt-Kahedrale Quelle: reuters

Die Wolga: 3.500 Kilometer Mythos, die keinen Russen kalt lassen. Mama Wolga nennen sie den längsten Fluss Europas liebevoll. Er verbindet Russen und Tartaren, Christen und Muslime - entlang der Wolga zeigt sich die ganze Vielfalt Russlands. In gleich vier Städten entlang der Wolga wird in diesem Sommer die Fußball-Weltmeisterschaft ausgetragen: Wolgograd, Samara, Kasan - und Nischni Nowgorod.

Bunte Fassaden, nix dahinter

Die erste Großstadt nach der Quelle der Wolga ist Nischni Nowgorod. Von hier aus gingen im Mittelalter russische Pelze und Leder in alle Welt. Als Handelsstadt wurde sie reich. Goldene Zwiebeltürme und prächtige Kaufmannshäuser zeugen noch heute davon. In der Stadt wurde vieles für die WM renoviert - doch noch mehr ist beim alten geblieben. Bunte Fassaden, nix dahinter.

Die Bloggerin Maria macht das wütend. "Die WM war eine tolle Gelegenheit, Geld zu verschleudern oder in die eigene Tasche zu wirtschaften," ist die 23-Jährige überzeugt. "Da ging es nur um Korruption. Keiner hat doch irgendwelche Illusionen, dass wir jetzt Fußball-Hauptstadt werden."

Das Nischni-Nowgorod-Stadion wurde extra für die Weltmeisterschaft neu gebaut. 44.899 Zuschauer können die Spiele von den Rängen aus verfolgen.
Die neue Arena in Nischni Nowgorod hat 250 Millionen Euro gekostet. Quelle: ap

Nischni Nowgorods Fußballarena hat 250 Millionen Euro gekostet - viel mehr, als ursprünglich geplant. Sie bietet fast 45.000 Zuschauern Platz. Nach der Weltmeisterschaft wird der Lokalclub Olympijets Nischni Nowgorod hier spielen - ein Verin, dem in der vergangenen Saison selten mehr als 1.000 Fans zugejubelt haben. Die haben demnächst also viel Platz.

Nach der WM muss weiter Staatsgeld fließen

Neun der elf Austragungsstätten wurden extra für die Weltmeisterschaft neu gebaut. Und bei den meisten stellt sich die Frage, ob sie nach der Weltmeisterschaft wirtschaftlich sinnvoll genutzt werden können. Alexey Sorokin, der Cheforganisator der WM, zeigt sich optimistisch: Wenn sich erst mal alles eingespielt habe, werde sich jede Arena selbst finanzieren. Klar sei aber auch, fügt er hinzu, dass erstmal weiter staatliche Gelder fließen müssten, um die Stadien zu betreiben.

Viele Nischni Nowgoroder führt der Arbeitsweg täglich über die Wolga. Eine Seilbahn überspannt den Fluss: schwindelerregende 82 Meter Höhe, mit einer atemberaubenden Aussicht. Hier trifft man viele, die sich auf die Weltmeisterschaft freuen. Fragt man nach, erfährt man, dass sie selbst vielleicht eher Eishockey-Fans sind. Oder sich die Tickets gar nicht leisten können. Aber: sie sind stolz auf ihre Stadt, und wollen sie den internationalen Gästen präsentieren. Katerina empfiehlt ihnen einen Spaziergang durch Nischni Nowgorod, die Stadt sei so herrlich grün. "Das Gebäude meiner Uni wurde auch neu gestrichen," erzählt Katerina. "Das ist natürlich schön. Aber ich würde mir wünschen, dass man sowas auch mal für uns, die Bürger macht - und nicht nur für ein spezielles Ereignis."

Karte: Russland - Wolga - Nischni Nowgorod
Karte: Russland - Wolga - Nischni Nowgorod Quelle: ZDF

Bescheidenes Wirtschaftswachstum durch die WM

Die vielen Großbaustellen entlang der Wolga waren für das Geschäft von Juri Knyazevs gut. Der Kapitän ist seit 35 Jahren auf Europas wasserreichstem Fluss unterwegs. "Natürlich waren wir an den Vorbereitungen zur WM beteiligt", erzählt er in seiner Kajüte. "Wir transportieren ja Sand und Schotter. Güter, die für den Bau des Stadions gebraucht wurden. Für die Straßen drum herum und die restliche Infrastruktur."

Ökonomen haben vorgerechnet, dass Russlands bescheidenes Wirtschaftswachstum 2017 vor allem auf Projekte im Zusammenhang mit der Weltmeisterschaft zurückzuführen sei. In den nächsten Wochen wird Russland im Fokus stehen. Es lohnt sich, genau hinzuschauen, auch hinter die funkelnden Fassaden der Neubauten.

Hinweis

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.