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Kaum Fehlentscheidungen - Die WM-Schiedsrichter: Besser als ihr Ruf

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Bisher gibt es überwiegend Lob für die Schiedsrichter bei dieser WM. Auch der Videobeweis erfüllt seinen Zweck, weil die FIFA nicht die Fehler aus der Bundesliga wiederholt.

Schiedsrichter Andres Cunha am 20.06.2018 während der FIFA WM in Russland
Schiedsrichter Andres Cunha Quelle: reuters

"Start list" nennt sich das Papier, das vor jeder WM-Partie in Umlauf kommt. Der Spielberichtsbogen, auf dem alle Protagonisten aufgeführt sind. Eine Rubrik ist gegenüber früher immens angewachsen: Nie hat es für ein einziges Spiel so viele Regelhüter gebraucht wie bei der WM 2018 in Russland. Am Beispiel der Partie Spanien gegen Iran (1:0) sei die Manpower der Referees in ihrer Vielfalt namentlich genannt.

An der Spitze stand der Schiedsrichter Andrés Cunha (Uruguay), dem seine Landsleute Nicolas Taran und Mauricio Espinosa an den Linien assistierten. Anwesend am Spielfeldrand der Kasan-Arena auch der Reserve-Referee Christian Schiemann (Chile), der vierte Offizielle Julio Bascunan (Chile) und als eine Art Aufsichtsperson, genannt Match commissioner, Stefano Pucci (Italien).

Sie erhielten Unterstützung aus dem fernen Kontrollraum in Moskau durch ein vierköpfiges Team der Videoassistenten (VAR). Als Chef Mauro Vigliano (Argentinien), sein Assistent Wilton Pereira Sampaio (Brasilien) plus der für Abseitsentscheidungen zuständige Alexander Guzman (Kolumbien) und der im Support tätige Massimiliano Irrati (Italien). Summa summarum: elf Herren aus sechs Nationen. Die dritte Elf. Sie hat zumindest schon einen Teilerfolg erzielt: Bislang blieb die WM im ersten Drittel von allzu groben Schiedsrichterfehlern verschont.

Nationaltrainer sind positiv angetan

Der südamerikanische FIFA-Referee Cunha gibt deshalb ein besonders gutes Beispiel ab, weil er zweimal in diesem Turnier mit technischer Hilfe richtig entschied. In der Begegnung Frankreich gegen Australien (2:1) setzte der 41-Jährige erstmals in der WM-Geschichte den Videobeweis ein, weil Vigliano ihm den Hinweis gab, dass der Franzose Antoine Griezmann leicht am Fuß getroffen wurde.

Zwar schimpfte der australische Coach Bert van Marwijk, dass nur sieben von zehn Leuten auf Elfmeter entscheiden würde und der Referee beim Betrachten der Szene in der Kontrollzone unsicher gewesen sei. Aber Cunha lag genauso richtig wie beim Spiel Spanien gegen Iran (1:0), als ihm wieder der argentinische Helfer aus der mehr als 1.000 Kilometer entfernten Hauptstadt darin bestätigte, einen vermeintlichen Ausgleichstreffer Irans wegen Abseits abzuerkennen. Erstaunlich die Reaktion des betroffenen Nationaltrainers Carlos Queiroz: "Für die Glaubwürdigkeit des Fußballs ist der Videobeweis gut. Er kommt nur zehn Jahre zu spät."

Nicht die Fehler aus der Bundesliga

Besser spät als gar nicht. Die FIFA zeigte sich in einer ersten Mitteilung "extrem zufrieden mit dem Niveau der Schiedsrichter und der erfolgreichen Einführung des Systems der Video-Assistenten, die insgesamt sehr positiv aufgenommen" worden sei. "Es ist anerkannt, dass es weiterhin Diskussionen und geteilte Meinungen um bestimmte Entscheidungen geben wird."

Standardsituationen, also vom Schiedsrichter verhängte Ecken, Freistöße und Elfmeter, werden immer wichtiger für die Torerzielung. Nach den ersten 23 WM-Spielen fielen 21 der 51 Treffer nach ruhenden Bällen, zehn davon per Elfmeter. Insofern beruhigend, dass der Weltverband FIFA unter dem Vorsitzenden der Schiedsrichterkommission, Pierluigi Collina, die Schiedsrichter besser auf eine Linie gebracht hat als befürchtet.

Der VAR-Projektleiter Robert Rosetti wiederholte nicht die Fehler, die in der Bundesliga am Anfang gemacht wurden. Die Aufgabenverteilung zwischen den vier Videoassistenten ist transparent kommuniziert. Auch für die Zuschauer auf den Videowänden. Chaotische Züge nahm die deutsche Pilotphase am Anfang vor allem deswegen an, weil die aus Köln agierende Kontrollinstanz sich als eilfertiges Korrektiv begriff. Es stand sogar der Vorwurf im Raum, Projektleiter Hellmut Krug - inzwischen abgelöst - habe persönlich das letzte Wort gehabt. Und im Stadion wusste oft niemand Bescheid.

Im Moskauer Kontrollraum sind die Zuständigkeiten klar

13 Schiedsrichter wie der Berliner Felix Zwayer werden bei der WM ausschließlich als Video-Spieloffizielle eingesetzt. Die erste Phase ist fast reibungslos gelaufen; mal davon abgesehen, dass der brasilianische Verband nach dem 1:1 gegen die Schweiz einen dreiseitigen Brief an die FIFA und ihren Präsidenten Gianni Infantino sandte, weil sie die Herausgabe der aufgezeichneten Kommunikation zwischen dem Schiedsrichter Cesar Ramos (Mexiko) und Video-Assistent Paolo Valeri (Italien) verlangten. Ein sinnfreier Vorstoß.

Die meisten Nationen äußern bislang auffallend viel Lob für die Schiedsrichterleistungen. "Der Videobeweis macht für den Referee das Leben leichter", sagte Dänemarks Nationaltrainer Age Hareide. Bei der WM soll augenscheinlich jeder auffällige Aktionismus vermieden werden. Motto: Lieber einmal zu wenig einschreiten als einmal zu viel.

Bloß kein voreiliges Lob

Collina wird sich hüten, an seine Gilde voreilige Lobeshymnen auszusprechen. Eine einzige krasse Fehlentscheidung kann die Wahrnehmung eines ganzen Turniers trüben. Wie vor acht Jahren bei der WM in Südafrika, als Jorge Larrionda aus Urguay im Achtelfinale Deutschland gegen England (4:1) einem schweren Wahrnehmungsfehler unterlag und nicht sah, wie der von Frank Lampard geschossene Ball hinter die Linie prallte.

Sein damaliger Assistent war übrigens der jetzt wieder eingesetzte Schiedsrichterassistent Mauricio Espinosa, der niemals mehr einen solchen  Fehler befürchten braucht. Dafür gibt es ja die seit der WM 2014 eingesetzte Torlinientechnologie, die schon gar nicht mehr Gegenstand irgendwelcher Debatten ist.

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