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Wo Schweinswale und Seehunde "Moin" sagen

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ZDF in Wilhelmshaven - Wo Schweinswale und Seehunde "Moin" sagen

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Viele Nordseestrände sind in den Sommermonaten überlastet. Wilhelmshaven, bislang strukturschwach, könnte zum Touristenmagneten werden - sofern die Stadt an sich selber glaubt.

Wilhelmshaven ist ein Phänomen: Im Norden Niedersachsens am Jadebusen gelegen, besitzt die Stadt den einzigen Nordseestrand mit Südlage. Das Wattenmeer hier zählt zum Unesco-Weltnaturerbe. Schweinswale stecken im April ihren Kopf aus dem Wasser und ein zutraulicher Seehund namens Brille trieb am Strand bereits sein freundliches Unwesen. Diese Geschichten erzählen mir die Wilhelmshavener nicht ohne Stolz.

Nur wenige haben an die Stadt geglaubt

Doch es hat bis zum Jahr 2019 gedauert, dass die Stadt Wilhelmshaven ein Tourismus-Konzept erstellen ließ. Um Infrastruktur, ein eigenes Profil Wilhelmshavens als Hafenstadt und um Digitalisierung geht es da unter anderem. So richtig an eine Touristenstadt Wilhelmshaven geglaubt haben in den vergangenen Jahrzehnten bislang nur wenige, ist mein Eindruck als ich mich zu zwei Hauptattraktionen aufmache: dem Marinemuseum mit jetzt schon jährlich über 100.000 Besuchern und dem Südstrand. Ich muss einen Kilometer von der nächsten Bushaltestelle laufen, momentan gibt es keinen direkten Linienverkehr zu Strand und Museum.

Ich höre mich in einem der Cafés auf der Südstrandpromenade um, in denen Touristen gerne Cappuccino schlürfen und Labskaus verspeisen - ein beliebtes Kartoffelgericht in Norddeutschland, das unter anderem aus Rindfleisch, Matjes und Roter Bete besteht. In den vergangenen Jahrzehnten habe sich die Stadt eher auf die Marine als größten Arbeitgeber konzentriert, erfahre ich. Ab 2012 sei es hier fast ausschließlich um den neuen Jade-Weser-Port, das Containerterminal, gegangen, erzählt mir Olaf Stamsen. Er führt zwei kleine Hotels plus Restaurant an der Südstrandpromenade.

Gastronomie findet kein Personal

Es ist ein richtiger neuer Wettbewerb entstanden zwischen den Gastronomie-Betrieben, die kämpfen um Köche.
Hotelier Olaf Stamsen

Nicht nur in Wilhelmshaven, in vielen touristischen Orten in Deutschland - vor allem im ländlichen Raum und vor allem auch auf den Nordseeinseln - fehlen Fachkräfte. "Massiv ist das Köche-Problem", erzählt Stamsen, der in Wilhelmshaven auch Erster Vorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes ist. "Es ist ein richtiger neuer Wettbewerb entstanden zwischen den Gastronomie-Betrieben, die kämpfen um Köche."

Auch Serviceaushilfskräfte und Teilzeitangestellte fehlen. Im Wilhelmshavener Umland sind mehr als 1.000 Stellen frei. Stamsen behilft sich, indem er Migranten aus Osteuropa und Flüchtlinge anlernt: einen Koch aus Kroatien, einen aus Nepal, sein Kellner ist aus dem Iran - ganze 14 Nationalitäten arbeiten in seinen Hotels. "Ich glaube, ich muss noch einige Volkshochschule-Kurse besuchen, um Sprachen zu lernen", scherzt er.

Hunde und Radfahrer auf dem Deichweg

Ich laufe durch die zahlreichen Strandkorb-Reihen am Südstrand, die Sonne brennt, T-Shirt-Wetter. Ungewöhnlich für einen Badestrand: Die Körbe vermieten nicht die Hotels oder andere Privatunternehmer, sondern die Stadt. Direkt an den Strandkörben führt die Promenade vorbei. Trotz Verbotsschildern fahren hier Radfahrer den Deich entlang und, wie ich mit Staunen sehe: Ein Hundesitter führt verbotenerweise sage und schreibe zehn Vierbeiner aus.

ZDF-Reporterteam in Wilhelmshaven
ZDF-Reporterteam in Wilhelmshaven
Quelle: ZDF

Langjährige Strandkorbmieter wie das Ehepaar Erber, das ich in ihrem Korb treffe, fühlen sich davon belästigt. Kontrolliert von Seiten des Ordnungsamts werde hier kaum, kritisiert Dieter Erber. Seine "Initiative der Strandkorbmieter" hat bereits 300 Unterschriften gesammelt gegen die Öffnung des Deichsicherungsweges. Der Strand sei über drei Zugänge aus für jedermann zugänglich.

Ich höre viel Unmut heraus, auch weil der andere einzige Sandstrand der Stadt dem Jade-Weser-Port weichen musste. Auch wenn das nun schon sieben Jahre her ist. Ob sich das Ehepaar Erber nicht über die Touristen freue, die Geld in die Stadt bringen, will ich wissen. "Wir wollen natürlich, dass die Leute in der Stadt bleiben, aber nicht nur auf diesen 400 Metern", ist die einstimmige Antwort. Die Südstrandpromenade ist in Wilhelmshaven zum Politikum geworden.

Streetart zieht Künstler aus dem Ausland an

Ich laufe weiter am Jadebusen entlang, vorbei am "Fliegerdeich", einem neuen hippen Vier-Sterne-Hotel und -Restaurant. Es tut sich etwas in der Stadt. Jungunternehmer investieren. Vor kurzem wurden zwei ehemalige Minenlagerhäuser für mehrere Millionen Euro gekauft, um sie zu Hotels umzubauen. Im Rahmen ihres Tourismus-Konzepts will die Stadt nun überprüfen, wie viele Hotels die Stadt auf lange Sicht verkraftet.

Streetart in Wilhelmshaven
Streetart in Wilhelmshaven
Quelle: ZDF

Michael Diers, Chef der "Wilhelmshaven Touristik und Freizeit", einer 100-prozentigen Tochterfirma der Stadt, war hier federführend. Er hat einen bunten Ideenstrauß in das Konzept geschrieben: Einen Campingplatz, eine Jugendherberge brauche die Stadt dringend, vielleicht beim Banter See. Hausboote, Baumhäuser, einen Jules-Verne-Brunnen, den Deich mit Terrassen anlegen und auch Streetart. Er habe Streetart nach Wilhelmshaven geholt, erzählt Diers nicht ohne Stolz. Überall in der Stadt sind Hauswände, aber auch Trafohäuschen mit kunterbunten Motiven bemalt. Ein internationales Streetart-Festival zieht jedes Jahr Künstler aus dem Ausland an.

"Ich glaube, dass wir in den letzten Jahren da ein bisschen geschlafen haben und jetzt aber vielleicht merken: Tourismus ist eine der großen Chancen für Wilhelmshaven", so Diers. Er geht davon aus, dass die Stadt ihre Übernachtungszahlen von derzeit 350.000 in den nächsten zehn Jahren verdoppeln kann. Dass der Tourismus - vor allem von Seiten der Stadtpolitik - bislang eher stiefmütterlich behandelt worden sei, liegt laut Diers daran, "dass wir zu viele Fraktionen sind, die sich über die Jahre aneinander abgearbeitet haben und sich sehr in diese vereinzelte Diskussion hinein begeben." Wilhelmshaven stellt die Weichen für mehr Tourismus.

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