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Wohnungsnot - Ohne Bleibe in Deutschland

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Verbände schlagen Alarm: In Deutschland fehlen eine Million Wohnungen. Immer mehr Menschen haben Angst, ihre Bleibe zu verlieren. Die Politik müsse dringend gegensteuern.

Archiv: Eine Suchanzeige für eine "Bezahlbare Wohnung" hängt in Frankfurt am Main
Suchanzeige für eine "Bezahlbare Wohnung" in Frankfurt am Main.
Quelle: dpa

Familien, die auf dem Marktplatz campen, Rentner, die vor ihrem Wohnblock in der Badewanne sitzen: In Fotos geronnene Zukunftsängste der Deutschen. Bilder, mit denen der Deutsche Caritasverband die krasse Wohnungsnot in Deutschland illustriert - zum Start der Kampagne "Jeder Mensch braucht ein Zuhause".

Wie groß die Sorgen sind, zeigt eine repräsentative Umfrage des Verbandes. Drei von vier Menschen in Deutschland (74 Prozent) sehen die Gefahr, durch hohe Mieten ihre Wohnung zu verlieren. Vier von fünf Befragten (79 Prozent) sehen das Risiko, wegen der steigenden Mieten in Armut zu geraten. Für fast zwei Drittel (61 Prozent) sind immer höhere Miet- oder Kaufpreise für Wohnraum inzwischen eine Bedrohung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Bezahlbares Wohnen - der Umfrage zufolge eines der zentralen Themen, mit denen sich die Politik beschäftigen sollte. Peter Neher, Präsident des Deutschen Caritasverbandes, sagt, bezahlbarer Wohnraum sei mittlerweile Mangelware. Eine Million Wohnungen fehlten in Deutschland.

Mieterbund: "Schwere Krise"

Von dieser Zahl spricht auch der Deutsche Mieterbund. Ulrich Ropertz sieht eine "schwere Krise auf dem Wohnungsmarkt". Besonders in Großstädten und Universitätsstädten steige der Druck. München führt aktuell das Ranking der Städte mit den höchsten Mietpreisen. Gefolgt von Frankfurt am Main und Stuttgart.

Über Jahre habe es eine verfehlte Politik gegeben. "Man dachte, Deutschland schrumpft - die Annahme war falsch", sagt Ropertz. Inzwischen ist klar: Die Einwohnerzahl wächst und mit ihr die Zahl der Haushalte. Außerdem führe die Binnenwanderung aus den Landkreisen in die Städte zu einer stärkeren Nachfrage und - bei fehlendem Angebot - zu "drastisch steigenden Preisen".

Problem Sozialer Wohnungsbau

400.000 neue Wohnungen müssten jährlich gebaut werden, fordert der Mieterbund, die Hälfte davon Mietwohnungen und davon wiederum 80.000 Sozialmietwohnungen. Zahlen, denen die Bundesregierung nicht widerspricht. Im Gegenteil. Bauministerin Barbara Hendricks (SPD) hat gefordert, dass mindestens 350.000 Wohnungen pro Jahr neu gebaut werden, davon 80.000 Sozialwohnungen.

Bisher hinkt die Realität allerdings den Zielen hinterher. 2016 wurden rund 278.000 Wohnungen neu gebaut, 2015 waren es nur 248.000. Gerade im sozialen Wohnungsbau klafft eine Lücke: Nur 24.550 Sozialwohnungen wurden 2016 gebaut. Ein Riesenproblem. Denn pro Jahr, sagt der Mieterbund, gingen bis zu 60.000 Sozialwohnungen verloren. Der Grund: Die Sozialbindung laufe nach einer bestimmten Zeit aus. Während es Anfang der 90er Jahre noch rund vier Millionen sozial gebundene Wohnungen gegeben habe, seien es heute nur noch 1,25 Millionen.

Ropertz fordert von der Politik, Anreize für den Wohnungsbau zu setzen. Es werde nicht ausreichen, dass sich nur kommunale Wohnungsunternehmen verantwortlich sähen. Auch private Investoren müssten angesprochen werden. Außerdem hätten die Kommunen in den vergangenen Jahren zu wenig Baugrundstücke ausgewiesen.

Mitte der Gesellschaft erreicht

Dabei hat das Problem "die Mitte der Gesellschaft erreicht", konstatiert Neher vom Caritasverband. Nicht nur Menschen mit niedrigen Einkommen hätten große Probleme, eine adäquate Wohnung zu finden. Inzwischen seien etwa auch Polizisten, Pfleger, Krankenschwestern und Erzieherinnen betroffen.

"Viele Haushalte finden keine Wohnung mehr, weil es ein Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage gibt", erklärt Ulrich Ropertz. Wohnungen würden immer teurer - in den vergangenen Jahren stiegen sie bei Neuvermietungen im Schnitt um sechs Prozent. Das führe zu einer Preisspirale, die sich auch auf bestehende Mieten auswirke. Der Gesetzgeber habe zwar mit einer Mietpreisbremse reagiert, die funktioniere aber nicht und müsse "nachgeschärft werden". Hinzu kämen hohe Preisaufschläge bei Modernisierungen - hier müsse die Umlage gesenkt werden, von elf auf vier Prozent.

Wohnungslosigkeit nimmt drastisch zu

Ein Indikator für die Wohnungsnot in Deutschland sei die steigende Zahl der Wohnungslosen. "Das ist die Spitze des Eisbergs", sagt Ropertz. Alarmierende Zahlen dazu hat die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosigkeit (BAGW) vorgelegt. 860.000 Menschen hatten 2016 weder feste Bleibe noch Mietvertrag, darunter auch 32.000 Kinder und Jugendliche, deren Eltern keine Wohnung mehr hatten. Insgesamt sei das ein Anstieg um etwa 150 Prozent seit 2014. Die BAGW schätzt, dass sich die Zahl der Wohnungslosen bis 2018 auf 1,2 Millionen erhöhen wird. Genaue Zahlen fordert der BAGW von der Politik: eine gesetzliche Wohnungsnotfallstatistik sei ebenso nötig wie konkrete Maßnahmen gegen die Wohnungslosigkeit.

Dabei lebt nur ein kleiner Teil der Wohnungslosen auf der Straße. Viele kommen in kommunalen Heimen unter. Es trifft mehr Frauen als früher, mehr Jüngere, Ältere und nicht nur Singles. Gut die Hälfte der Wohnungslosen sind Flüchtlinge, die in Notunterkünften leben.

Die Bleibe verlieren - diese Gefahr sei heute realer als noch vor etwa zehn Jahren, sagt Thomas Specht von der BAGW. Gründe gebe es viele: fehlendes Einkommen nach einer Scheidung, der Tod des Partners, Kredite, die abgezahlt werden müssten. "Da können sich relativ zügig Mietschulden aufbauen. Und bei zwei schuldigen Monatsmieten kann die Räumungsklage eingereicht werden." Dabei sei ein entscheidender Faktor für die Wohnungsnot ein langfristiger Trend hin zu Ein-Personen-Haushalten.

Neher sieht gesellschaftliches Konfliktpotenzial

Grundsätzlich entwickele sich Wohnungslosigkeit immer in Beziehung zur allgemeinen Wohnungsnot. Specht spricht von einer Krise, die den Höhepunkt noch nicht erreicht habe. Neben langfristigen Entwicklungen wie Landflucht, Gentrifizierung, den Folgen der Finanzkrise und der wachsenden Trennung zwischen Arm und Reich sei der drastische Verlust von Sozialwohnungen ein zentraler Grund.

Hier fordert die BAGW, dass der Bund auch über 2019 hinaus mehr Verantwortung in der Wohnungspolitik übernimmt. Solange stehen den Ländern Mittel zur sozialen Wohnraumförderung aus dem Bundeshaushalt zu - aktuell sind es 1,5 Milliarden Euro pro Jahr.

Eine Forderung, der sich Neher anschließt. Er setzt auch auf die Kommunen, die entscheiden könnten, was wo und wie gebaut würde. Günstiger Wohnraum müsse das Ziel sein. Neher hofft auf einen gesellschaftlichen Diskurs, denn in der zunehmenden  Wohnungsnot sieht er ein gesellschaftliches Konfliktpotenzial. Wenn der Geldbeutel bestimme, wie sich Stadtteile entwickelten, könne das weitreichende Konsequenzen haben und den gesellschaftlichen Zusammenhalt bedrohen, sagt er. Ob Familie, Rentner oder Single - eine Wohnung zu haben, sei ein Menschenrecht.

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