Sie sind hier:

Wohnungsverband-Chefin Maren Kern - Entmietung "ist schlicht eine Ausnahme"

Datum:

"Mietexplosion" und "gierige Konzerne"? In der hitzigen Berliner Enteignungsdebatte mahnt Wohnungsverband-Chefin Maren Kern im heute.de-Interview mehr Sachlichkeit an.

Mietshäuser mit Protestplakaten in der Karl-Marx-Allee in Berlin
Mietshäuser mit Protestplakaten in der Karl-Marx-Allee in Berlin.
Quelle: dpa

heute.de: Die Vorwürfe der Bürgerinitiative "Deutsche Wohnen & Co. enteignen" sind massiv und vielfältig. Welche davon können Sie persönlich nachvollziehen?

Maren Kern: Ich kann vor allem die Sorge der Mieter nachvollziehen, dass sie künftige Mieten nicht mehr bezahlen können und dass sie keine Wohnungen mehr finden. Unser Verbandsziel ist es deshalb auch, dass die Mieten günstig sind. Die durchschnittliche Bestandsmiete der Unternehmen, die wir vertreten, liegt bei 5,98 Euro pro Quadratmeter. Bei Neuvermietungen liegt die Miete im Schnitt bei 7,45 Euro pro Quadratmeter und ist damit vergleichsweise niedrig. Das sind die Fakten. Dagegen ist meine große Sorge, dass die Stimmung – losgelöst von diesen Fakten – immer weiter aufgeheizt wird.

heute.de: Der Protest richtet sich vor allem gegen die "Deutsche Wohnen", deren Vorstandschef Michael Zahn jüngst Fehler im Umgang mit Mietern eingeräumt hat. Sind Sie überrascht, wie stark sich der Mieterfrust jetzt Bahn bricht?

Kern: Überrascht bin ich nicht, aber die Massivität finde ich erschreckend. Deshalb mahnen wir, dass man sich in der Debatte sachlich auseinandersetzt und echte Lösungen sucht. Um den Markt zu entspannen, haben wir als erste in Berlin schon im April 2010 den Wohnungsneubau gefordert. Damals gab es dort noch Leerstände von mehr als 100.000 Wohnungen und ich bin für verrückt erklärt worden. Heute bräuchten wir mindestens 20.000 neue Wohnungen pro Jahr. Da fehlt es aber einerseits am klaren Willen von Politik und Verwaltung.

Andererseits sind da die "Nimbies", die sagen "not in my back yard", also bitte keinen Neubau in meinem Hinterhof. Da erleben unsere Mitglieder, darunter auch kirchliche und genossenschaftliche Wohnungsunternehmen, die wirklich preiswerten, bezahlbaren Wohnraum schaffen wollen, dass sich die Leute über Bauvorhaben aufregen.

heute.de: Sie meinen, da stößt die Solidarität trotz Wohnungsknappheit an ihre Grenzen?

Kern: Ja, da hat die Solidarität ganz schnell ihre Grenzen. Ich erlebe leider immer häufiger, dass Leute sagen, dass eben der Zuzug nach Berlin gestoppt werden müsse. Oder Leute regen sich darüber auf, dass sie wegen eines geplanten Neubaus nicht mit ihrem Hund auf der gewohnten Strecke Gassi gehen könnten. Oder nehmen wir das Beispiel Tempelhofer Feld: Die Randbebauung des ehemaligen Flughafens ist verhindert worden, obwohl dort kommunale Baugesellschaften und Genossenschaften preiswerten Wohnraum errichten wollten. Auf der Elisabeth-Aue sollten 5.000 Wohnungen entstehen für 10.000 bis 15.000 Menschen. Die Pläne sind per Koalitionsvertrag auf Eis gelegt worden.

heute.de: Die Initiative "Deutsche Wohnen enteignen" richtet ihren Blick vor allem auf bereits bestehende Wohnhäuser und kritisiert überzogene Mieterhöhungen nach Modernisierungen und hohe Renditen auf Kosten der Mieter. 

Kern: Die Deutsche Wohnen hält sich an Recht und Gesetz. Demnach kann sie nach einer Modernisierung nur einen Teil der Kosten auf die Mieter umlegen. Seit dem 1. Januar können auch nicht mehr elf Prozent der Kosten umgelegt werden, sondern nur noch acht Prozent, und ich weiß auch, dass das Unternehmen da oft auch noch drunter bleibt und Härtefälle berücksichtigt. Aber in den Medien wird es häufig so hochgepusht, dass die Leute denken, es wären wirklich nur noch Miet-Haie unterwegs. Fakt ist dagegen, dass auch die Durchschnittsmiete der Deutschen Wohnen mit 6,71 Euro sogar am unteren Rand des von Stadtentwicklungssenatorin Lompscher als gemeinwohlorientiert definierten Mietenbereichs zwischen 6,50 und unter zehn Euro liegt. Aber die Stimmung ist so, als würden sie irgendwelche Mondmieten verlangen. Das ist einfach nicht der Fall.

heute.de: Was kritisieren Sie da konkret?

Kern: Es werden häufig Fälle aufgezeigt, wo schwarze Schafe am Werk waren. Aber schwarze Schafe bilden bekanntermaßen nicht die Mehrzahl einer Herde. Es werden aber immer wieder diese Fälle hergenommen und damit die Angst in der Bevölkerung geschürt. Ich selbst bin auch schon mal entmietet worden. Ich weiß also, wie schlecht sich das anfühlt. In meinem großen Bekanntenkreis ist aber noch nie jemandem so etwas widerfahren. Es ist schlicht eine Ausnahme.

heute.de: Die Ziele der Aktivisten kritisieren Sie als "Enteignungsfantasien ohne Fundament". Warum?

Kern: Mit einer Vergesellschaftung würde keine einzige neue Wohnung entstehen! Außerdem wäre dieser Schritt neben vielen anderen hochproblematischen Aspekten ein riesiges finanzielles Abenteuer. Mit geschätzt 36 Milliarden Euro für die Entschädigung ließe sich auch der Bau von 300.000 neuen Wohnungen fördern, um sie den Mietern für 6,50 Euro pro Quadratmeter anbieten zu können. Ein von uns beauftragtes Gutachten des ehemaligen Verfassungsgerichtspräsidenten des Landesverfassungsgerichts Berlin kommt außerdem zu dem eindeutigen Ergebnis, dass eine Enteignung weder mit dem Grundgesetz noch mit der Berliner Landesverfassung vereinbar wäre.

Das Interview führte Marcel Burkhardt

Demonstration gegen steigende Mieten in Berlin

Mietwohnungen in Berlin - Enteignungsdebatte: Um was es geht

Mieter in Berlin beklagen die Ungleichheit der Wohnverhältnisse in der Stadt, eine Initiative fordert die Enteignung der Deutsche Wohnen - Fragen und Antworten zum Fall.

von Marcel Burkhardt
Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um Ihnen ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier können Sie mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.