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Abschied aus dem Bundestag - Bosbach und Ströbele: Noch lange nicht Schluss

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Wolfgang Bosbach und Hans-Christian Ströbele: Das sind zwei echte Typen in der Politik - Stars und gleichzeitig Außenseiter ihrer Parteien. Bei der Bundestagswahl treten sie nicht mehr an. In ihrer letzten vollen Sitzungswoche haben wir sie begleitet - und erfahren, wie es weitergeht.

Sie sind zwei der profiliertesten Innenpolitiker des Landes: Wolfgang Bosbach (CDU) und der Ur-Grüne Hans-Christian Ströbele. Zusammen kommen sie auf 44 Jahre im Bundestag. Mit Ende dieser Legislatur beenden beide ihre Karrieren als Abgeordnete.

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Eigentlich wollten sie ja cool bleiben. Auch in dieser Woche, wo es so viele letzte Male gibt: die letzte reguläre Fraktionssitzung; die letzte Sitzung des Innenausschusses; die letzte Rede vor dem Plenum. "Für Wehmut habe ich doch gar keine Zeit, ich arbeite in einer Sitzungswoche 14 Stunden pro Tag", sagt der eine, Hans-Christian Ströbele, 78 Jahre alt, Ur-Grüner. "Ich gehöre nicht zu denen, die sich für unverzichtbar halten", sagt der andere, Wolfgang Bosbach, 65 Jahre, Christdemokrat seit Jahrzehnten.

Und doch sind da diese Momente, in denen man spürt, wie groß der Kloß im Hals sein muss. Als Wolfgang Bosbach, der CDU-Innenpolitiker, am Mittwoch zum letzten Mal zum Innenausschuss eilt, erwartet ihn eine ehemalige Mitarbeiterin vor dem Sitzungssaal. Sie hat ein Abschiedsgeschenk dabei. Und er? Ist verblüfft und gerührt. Möglich, dass sich da sogar eine Träne in seinem Auge zeigt - so genau lässt sich das aus ein paar Metern Entfernung nicht sagen.

Ströbele, der Bürgerrechtsheld

Hans-Christian Ströbele geht es ähnlich. Eigentlich hält der Grüne ja nichts von Orden und Auszeichnungen, eigentlich sind ihm Ehrungen jeder Art zuwider. Doch am Dienstag dieser Woche sitzt er in seinem Büro, hat eine Medaille umgehängt und will sie selbst zum Fernseh-Interview nicht abnehmen. Es ist ein Orden, den ihm seine Fraktion zum Abschied verliehen hat: "Civil Rights Hero" steht drauf, Bürgerrechtsheld.

Erstmals überhaupt sei diese Auszeichnung verliehen worden, sagt Ströbele. Seinen Stolz kann er dabei nicht verbergen. Auch später nicht, als er die Medaille seinem Kollegen Bosbach zeigt - bei einem Treffen am Rande der Fraktionssitzungen. "Hier, diese Medaille habe ich von meiner Fraktion bekommen", sagt Ströbele. Und Bosbach antwortet: "Ist das nicht komisch? Sobald wir sagen, dass wir aufhören, werden die alle freundlich zu uns."

Gleichzeitig Stars und Außenseiter

Star der Partei zu sein - und gleichzeitig Außenseiter. Das ist ihr Schicksal, das beide allen Unterschieden zum Trotz verbindet. Bosbach und Ströbele: zwei Typen, wie es sie selten gibt in der Politik. Zwei, die auf ihre Weise das Parlament geprägt haben, in ihren gemeinsam 44 Jahren im deutschen Bundestag. Ströbele nervte noch jede Regierung, trieb die Aufklärung von Skandalen in immerhin fünf parlamentarischen Untersuchungsausschüssen voran.

Währenddessen profilierte sich Bosbach als konservativer Innenpolitiker der Union, später als Sprachrohr der Kritiker von Merkels Euro- und Flüchtlingspolitik. In den meisten Debatten standen die beiden sich diametral gegenüber: Der eine kämpfte, wollte die Sicherheitsbehörden ausbauen, der andere sie zurückdrängen. Der eine, Bosbach, wollte mehr Überwachung - der andere, Ströbele, genau das verhindern.

Mittwochabend, Thüringen. Die Kreis-CDU hält ihren Jahresempfang. Kein besonders bemerkenswerter Termin an einem Sommerabend wie diesem, und doch ist der Andrang so groß wie selten: "Wobo" kommt. Mitten in seiner letzten vollen Sitzungswoche nimmt Bosbach sich Zeit für die Basis, die wie üblich an seinen Lippen hängt. Und Bosbach genießt die Aufmerksamkeit, den Zuspruch. "Wenn ich das Gefühl hätte, ein Außenseiter in meiner Partei zu sein, dann wäre ich längst ausgetreten", sagt Bosbach.

Unrecht? Haben immer die anderen

Doch als der CDU-Politiker sich in der Euro-Krise ab 2011 öffentlich gegen die eigene Parteiführung stellt, wird er zum prominentesten Abweichler - und kaltgestellt. Statt Minister wird er nur Deutschlands ungekrönter Talkshow-König. Auch den Vorsitz des Innenausschusses gibt er ein paar Jahre später auf. Er wolle nicht mehr die Kuh im Stalle sein, die sich ständig querstellt, gibt er zu Protokoll. Ob er aus heutiger Sicht etwas bereut? Nein, sagt Bosbach, "ich lasse mich nicht verbiegen". Und überhaupt: Nicht er habe sich verändert, sondern seine Partei.

Unrecht, das haben bei Bosbach und Ströbele immer die anderen. Auch das haben sie gemein.

Ströbele, der grüne Alt-68er, wird schon früher als Abweichler berühmt, zur Zeit der rot-grünen Regierung unter Schröder. Ob Afghanistan-Einsatz oder Hartz-Gesetze: Ströbele stellt sich öffentlich dagegen. So sehr ihn die Basis dafür feiert, so genervt reagiert die Parteiführung. Bei der nächsten Listenaufstellung für den Bundestag verpasst Ströbele einen sicheren Platz. Mehr aus der Not heraus tritt er für ein Direktmandat an. Sein erster Sieg 2002 ist eine Sensation, die ihm über Jahre hinaus eine Freiheit sichert, von der viele Abgeordnetenkollegen nur träumen können. Noch heute sagt er: Das sei sein mit Abstand größter Erfolg.

In ihrem Alltag, auf ihren Veranstaltungen, erleben Bosbach und Ströbele beide fast nur Zuspruch. Dass Bürger sie um Selfies bitten, ist fast zur Gewohnheit geworden. Und doch wissen beide, wie sehr der Ruf der Politiker gelitten hat. Zu Recht, sagen beide am Ende ihrer aktiven Abgeordnetenlaufbahn. "Sehr viele Politiker haben ein gestörtes Verhältnis zur Wahrheit in der Politik", sagt etwa Ströbele. Und Bosbach: "Viele Menschen haben das Gefühl - und das ist nicht falsch -, dass die Parteien den Konflikt suchen nur um des Konfliktes willen."

Entzug von der Droge Politik

Dass sie jetzt aufhören, ist bei beiden kein vorrangig politisches Statement. Ströbele sagt, er halte in seinem Alter keine volle Legislaturperiode mehr durch. Bosbach leidet an Krebs, auch wenn man ihm das äußerlich nicht ansieht. Spätestens ab Herbst werden beide lernen müssen, mit der neuen Bedeutungslosigkeit umzugehen. Ohne Amt wird es weniger Anrufe geben, weniger SMS, weniger Interviews. "Das wird mir erstmal so gehen wie im Urlaub", sagt Bosbach und lacht. "Da will man seine Ruhe, stellt das Handy auf lautlos. Und nach einer halben Stunde schaut man drauf und ärgert sich: Es kann doch nicht sein, dass bisher noch niemand angerufen hat!"

Von einem kalten Entzug halte er ohnehin nichts, ergänzt Ströbele. Sein Rezept: einfach weitermachen mit der Politik. Er habe sich selbst einen Auftrag gegeben, der noch nicht erledigt sei. Erstaunte Nachfrage: Welcher Auftrag das sei? "Ganz einfach: die Welt zu verändern."

Dem Autoren auf Twitter folgen @fneuhann

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