Sie sind hier:

"World Vision"-Kinderstudie - Teilen, damit alle gut leben können

Datum:

Einer "World Vision"-Studie zufolge tun fast jedem Kind in Deutschland geflüchtete Kinder leid. Gleichzeitig warnen die Autoren vor einer "fremdenfeindlichen Atmosphäre".

Archiv: Kinder nehmen am 26.10.2017 am Musikunterricht im Rahmen des Projekts "Musaik" in Dresden-Prohlis (Sachsen) teil
Archiv: Kinder nehmen am 26.10.2017 am Musikunterricht im Rahmen des Projekts "Musaik" in Dresden-Prohlis (Sachsen) teil
Quelle: dpa

Majed kam mitten im Schuljahr in seine neue Klasse. Die Kinder einer Mainzer Grundschule wussten von dem langen Weg, den der achtjährige Syrer mit seiner Familie hinter sich hatte. "Viele schauen 'logo!' und sprechen mit ihren Eltern über politische Ereignisse", sagt die Lehrerin Tanja Pastor-Hißnauer. "Die Kinder waren einfühlsam, aber auch zurückhaltend - es wusste ja niemand, was der Junge erlebt hatte."

Kinder mit Empathie und Sympathie für Geflüchtete

Majed ist eines von circa 212.000 schulpflichtigen Flüchtlingskindern, die im Zeitraum von 2015 bis Mitte 2017 in Deutschland angekommen sind. Fast überall in der Republik stehen Schulen vor der Aufgabe, Kinder aus Kriegs- und Konfliktregionen ins deutsche Bildungssystem und in die Gesellschaft zu integrieren.

Wie Kinder in Deutschland zur Aufnahme geflüchteter Menschen stehen, hat nun eine großangelegte Studie der Hilfsorganisation World Vision untersucht, die heute in Berlin unter dem Titel "Kinder in Deutschland 2018" veröffentlicht wurde. Bemerkenswert sei vor allem die grundsätzlich hohe Empathie der Kinder mit geflüchteten Menschen, heben die Studienautoren hervor.

Größte Barriere: mangelnde Deutschkenntnisse

Demnach zeigten 82 Prozent der befragten Kinder im Alter zwischen sechs und elf Jahren Mitleid mit geflüchteten Kindern und 85 Prozent sprachen sich dafür aus, "dass jeder von uns etwas abgibt, damit auch geflüchtete Kinder in Deutschland zur Schule gehen und gut leben können". Als größte Barriere, um miteinander besser in Kontakt zu kommen, erkannten die Kinder fehlende Deutschkenntnisse der Neuangekommenen.

Nur 27 Prozent der Kinder verweisen auf häufigen Streit und jedes zehnte Kind meint, dass geflüchtete Kinder eigentlich nicht nach Deutschland gehörten. Auffällig ist, dass mit 32 Prozent deutlich mehr Kinder in Westdeutschland als in Ostdeutschland (19 Prozent) berichten, etwas mit geflüchteten Kindern zu unternehmen. Im Westen gehören bei 20 Prozent aller Sechs- bis Elfjährigen geflüchtete Kinder zum eigenen Freundeskreis, im Osten nur bei zehn Prozent. Darauf, dass sich bisher keine Kontakt-Gelegenheit ergeben habe, verweisen hingegen mit 13 Prozent und 14 Prozent in etwa gleich viele.

Studienautoren warnen vor "fremdenfeindlicher Atmosphäre"

Dabei spiegelten sich "bereits belegte Ost-West-Unterschiede aus der Erwachsenenwelt", schreiben die Studienautoren, und warnen: "Hier zeigt sich, wie früh eine fremdenfeindliche Atmosphäre auf die jüngsten Mitglieder der Gesellschaft abfärbt." Auch der "sozioökonomische Status" der Eltern spiele eine Rolle beim Blick auf Geflüchtete: "Kinder aus der unteren Mittelschicht sind häufiger skeptisch als ihre Altersgenossen."

Bei Kindern aus der "untersten Schicht" werde dieser Effekt durch den höheren Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund kompensiert. Kindern mit Migrationshintergrund bescheinigt die Studie insgesamt eine Schlüsselrolle bei der sozialen Integration geflüchteter Altersgenossen: Sie unternehmen deutlich häufiger etwas mit geflüchteten Kindern und sind ihnen gegenüber noch einmal positiver eingestellt als andere Kinder.

Integration von geflüchteten Kindern nicht "mal eben nebenbei"

"Kinder mit Migrationshintergrund erfüllen hier augenscheinlich eine wichtige Rolle als Türöffner, Brückenbauer und somit als Integrations-Beschleuniger, die zwischen den neu in Deutschland angekommenen Kindern und der deutschen Gesellschaft instinktiv zu vermitteln im Stande sind", so die Forscher. Ihr Fazit lautet deshalb: "Je mehr Kontakt zwischen den Kindern und geflüchteten Menschen stattfindet, desto positiver ist die Einstellung."

Dass aus guten Kontakten aber noch nicht automatisch Freundschaften zwischen einheimischen und geflüchteten Kindern entstehen, zeigen hingegen zahlreiche Praxisbeispiele. Auch Grundschullehrerin Tanja Pastor-Hißnauer berichtet von Hürden. "Es braucht viel Zeit, Einfühlungsvermögen und zusätzliche Manpower, um Flüchtlingskinder richtig zu integrieren", sagt sie. "Das ist bei vielen Kindern mit schwerer Vorgeschichte keine Aufgabe, die mal eben nebenbei zu lösen ist."

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.