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WSI-Verteilungsbericht - Vermögen ist ein gutes Ruhekissen

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Vermögen erlaubt Luxus, vor allem aber birgt es Sicherheit. Diejenigen, die keins haben, schlafen weniger ruhig. Dieses Schicksal trifft inzwischen ein Drittel aller Haushalte.

Sparschwein
Sparschwein Quelle: hf

Stellen Sie sich vor, ihr laufendes Einkommen bricht plötzlich weg. Kein Gehalt, kein Lohn, keine Rente, kein Arbeitslosengeld. Wie lange könnten Sie von Ihrem Ersparten noch die Miete zahlen, den Strom, die Kindergartengebühren und die Lebensmittel?

Alleinerziehende trifft es besonders hart

Anita Tiefensee, Wissenschaftlerin am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, hat sich diese Frage für ganz Deutschland gestellt und dazu Daten des neusten Sozio-oekonomischen Panels ausgewertet. Ihr Befund: Ein Drittel aller deutschen Haushalte übersteht eine Zeit ohne laufendes Einkommen nur wenige Wochen, denn sie besitzen wenig bis nichts oder sind sogar verschuldet. Fünf Prozent der Haushalte dagegen können mindestens 20 Jahre ohne laufende Einnahmen überleben, ohne den Gürtel enger schnallen zu müssen. Sie verfügen laut WSI-Bericht über ein mittleres Haushaltsvermögen von knapp 500.000 Euro, nach Abzug von Verbindlichkeiten. Damit zeigt sich erneut, wie ungleich die Vermögen hierzulande verteilt sind und welche Folgen das hat. Denn wer über Vermögen verfügt, kann sich nicht nur Wohnungen und Häuser, Reisen und Autos kaufen, sondern ist auch sozial besser vor einem Absturz geschützt.

Besonders hart trifft es Alleinerziehende und ihre Kinder. "Rund 40 Prozent von ihnen verfügen über kein Vermögen", sagt die Forscherin Tiefensee. Sie hätten kaum Chancen, eine längere finanzielle Durststrecke zu überbrücken, geschweige denn Vermögen überhaupt zu bilden. Allerdings gebe es auch unter den Älteren, die in der Regel in ihrer Lebenszeit Vermögen bilden konnten, dennoch "mehr als 20 Prozent, die höchstens wenige Wochen von ihren Vermögen leben könnten", ergänzt Tiefensee. Auch die Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland sind eklatant: Im Durchschnitt können Haushalte in den neuen Ländern nur halb so lange wie Westdeutsche ihren Konsum und ihre Mieten aus dem Ersparten finanzieren.

Der Gürtel schließt schon auf dem letzten Loch

Und selbst der Rat, in Notzeiten sparsamer zu leben, um besser über die Runden zu kommen, greift bei der Mehrheit der Haushalte nicht. Tiefensee hat berechnet, was passieren würde, wenn in allen Haushalten 1.110 Euro pro Kopf und Monat ausgegeben würden. "Dann ändert sich für 60 Prozent der Haushalte nichts", sagt die Forscherin, "weil ihre realen Ausgaben heute schon nahe an oder sogar deutlich unter diesem Niveau liegen". Reiche Haushalte dagegen könnten von ihrem Vermögen noch viel länger zehren als im Verteilungsbericht berechnet. Was auch zeigt, dass sie heute schon mehr als 1.110 Euro pro Person und Monat ausgeben und trotzdem viel länger ohne laufende Einnahmen leben können als die Besitzlosen.

"Erwerbseinkommen aus ordentlich bezahlter Arbeit und eine wirkungsvolle soziale Sicherung" seien für die meisten Menschen in Deutschland "unerlässlich", analysiert die WSI-Direktorin Anke Hassel zusammenfassend. Deswegen sei es auch "ein massives Problem", wenn der Niedriglohnsektor in Deutschland weiterhin größer als in vielen anderen europäischen Ländern ist, das Rentenniveau zu stark sinkt und wichtige Lebensrisiken, wie Arbeitslosigkeit oder Krankheit,  weder staatlich noch privat wirklich abgesichert sind. Das staatliche Sicherungssystem sei mittlerweile sehr lückenhaft, führe bei Arbeitsplatzverlust rasch in Harzt-IV nach Liquidierung des privaten Vermögens.

Staatliche Förderung für Immobilienkredite empfohlen

Als Therapie empfiehlt das WSI unter anderem die Zugangsvoraussetzungen für die öffentliche Erwerbsminderungsrente zu erleichtern, die kostenlose Betreuung für Kinder auszubauen, in Ballungsgebieten stärker in den öffentlichen Wohnungsbau zu investieren und die Tarifbindung in den Unternehmen zu stärken. Darüber hinaus sollten Menschen, die von Harzt-IV leben, ein größeres Schonvermögen behalten können als heute. Und da man auch durch den Kauf einer Immobilie Vermögen bilden kann, empfiehlt das WSI, eine staatliche Förderung für untere und mittlere Einkommensgruppen bei der Vergabe von Immobilienkrediten.

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