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Wütend auf Macron - Gelbwesten auf dem Land fühlen sich abgehängt

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In Paris gibt es immer wieder Krawalle. Auf dem Land halten sich die Protestlager. So diffus die Gelbwesten-Bewegung auch ist – sie alle eint ein Feindbild: Staatspräsident Macron.

Fanny Morlet ist seit mehr als vier Monaten bei den Gelbwesten in Montceau-les-Mines
Gelbwesten in Montceau-les-Mines
Quelle: ZDF

Eine gelbe Fahne flattert in der Frühlingssonne. An einem Partyzelt hängt ein handgemaltes Schild: "Fouquet’s", der Name des Luxusrestaurants, das bei gewalttätigen Protesten in Paris kürzlich in Flammen aufgegangen ist. Einige Männer und Frauen in gelben Westen stehen vor dem Zelt zusammen, diskutieren, lachen, trinken Kaffee aus der Thermoskanne.

Leise Rebellion auf dem Land

Weitab von den Krawallen in der Hauptstadt geht die leise Rebellion der Gelbwesten auf dem Land weiter. Fanny Morlet, arbeitslose Dekorateurin, trifft sich regelmäßig mit anderen Unzufriedenen im Protestlager in Montceau-les-Mines, um an der ganz großen Sache zu arbeiten. "Wir wollen die sechste Republik gründen", erklärt sie trotzig - um dann einzuräumen, dass viele Gelbwesten nicht einmal wüssten, wie die fünfte Republik, also die aktuelle, eigentlich funktioniere.

Seit Mitte November halten die Gelbwesten in Montceau-les-Mines im tiefsten Burgund, 300 Kilometer südöstlich von Paris, schon durch. Ein erstes Lager hat die Polizei mehrfach geräumt. Mittlerweile hat die Gemeinde ihnen einen Platz zugewiesen, wo sie sich mit Feuerstelle, alten Sofas und Spendenkasse eingerichtet haben. An den Zeltwänden hängen Parolen und Spruchbänder.

"Paris ist doch nicht Frankreich"

"Die Regierung verachtet die Menschen auf dem Land", beschwert sich Fanny Morlet. "Wir müssen mindestens 20 Kilometer zur Arbeit fahren, aber es gibt keine öffentlichen Verkehrsmittel", erklärt sie. Krankenhäuser und Ärzte gebe es auch nicht. Die Gesetze würden immer für die Großstädte gemacht. "Aber Paris ist doch nicht Frankreich", sagt Fanny Morlet.

Hinter dem Protestlager parken die Autos der Gelbwesten, überwiegend alte Diesel. Ohne Auto geht hier gar nichts. Es ist kein Zufall, dass die Protestbewegung in Orten wie Montceau-les-Mines entstanden ist. Hier gibt es viele, die sich abgehängt und vom Staat vergessen fühlen.

Die Forderungen der Demonstranten sind diffus

Die Regierung im fernen Paris hatte die Bedeutung des Autos für einen Großteil der Bevölkerung schlichtweg unterschätzt. Als sie Ende vergangenen Jahres die Steuer auf Treibstoff erhöhen wollte, wurde sie von der Protestwelle geradezu überrollt.

Gelbwesten in Montceau-les-Mines
In Montceau-les-Mines träumen die politikverdrossenen Gelbwesten von der "sechsten Republik".
Quelle: ZDF

Aber auch als die Steuer längst gekippt war und Präsident Emmanuel Macron Hilfen in Höhe von zehn Milliarden Euro versprochen hatte, ließen die Proteste nicht nach. Bei den Gelbwesten brach sich diffuser Unmut Bahn. Das Gefühl, seit Jahren vom Staat ausgenommen zu werden, schlug bei vielen in Wut auf den Präsidenten um. Randale und Gewalt galten zunehmend als einziges Mittel, um sich Gehör zu verschaffen.

Aber Gehör wofür? Das Problem der Gelbwesten ist es gerade, dass sie weder einheitliche Forderungen noch anerkannte Führer haben. Pläne, eine eigene Liste für die Europawahl aufzustellen, sind schnell gescheitert – in erster Linie wegen interner Streitigkeiten und mangelnder Politikerfahrung.

Doch der Zusammenhalt ist stark

"Wir müssen unsere Forderungen bündeln", meint Fanny Morlet. Die umstehenden Gelbwesten pflichten ihr bei. Mehr Kaufkraft, mehr Volksentscheide, ein anderes politisches System, eine sechste Republik. Eifrig zählen sie auf, was sie sich alles wünschen. Vier Monate nach Beginn der Revolte ist ihre Hoffnung auf einen Neuanfang noch erstaunlich ungetrübt.

Und sie sind stolz, dabei zu sein. Das Protestlager am Straßenrand ist zum neuen "Café de Commerce" geworden, zur Dorfkneipe, die den einen als Bühne dient und den anderen Geborgenheit vermittelt. So wie Yves Clarisse, der sich täglich die gelbe Weste überstreift und mit seinem Alzheimerkranken Vater im Lager vorbeischaut. Seine Bilanz monatelanger Gelbwesten-Revolte? "Ich habe hier neue Freunde gefunden", sagt er lächelnd und geht sich noch einen Kaffee holen.

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