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Vor dem Brexit - Briten: Wut, Sorge und schwarzer Humor

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Ende März will Großbritannien die EU verlassen - einen geordneten Plan dafür gibt es immer noch nicht. Die Briten selbst gehen mit dieser Ungewissheit auf ihre Weise um.

Anti-Brexit Demonstranten in London am 14.2.2019
Anti-Brexit Demonstranten in London am 14.2.2019
Quelle: ap

Von Karl Marx stammt der Satz, dass sich Geschichte oft wiederholt: das erste Mal als Tragödie, das zweite Mal als Farce. Viele Briten haben im Moment das Gefühl, sich in einem Theater zu befinden, wo beides gleichzeitig aufgeführt wird: Beim Abschied ihres Landes aus der Europäischen Union wechseln sich tragische und absurd-komische Elemente ab.

Neue Pässe werden im Ausland gedruckt

Drei Beispiele: Die britische Regierung vergab einen Auftrag für die Versorgung von Schiffen in Not an ein Unternehmen, das keine Schiffe besitzt. Die europäischen Pässe sollen durch neue Ausweise in britischem Blau ersetzt werden - der Auftrag dafür ging an ein französisch-dänisches Unternehmen. Und von dem Versprechen neuer Handelsabkommen mit 73 Ländern wurden gerade eine Handvoll umgesetzt - etwa mit den Färöer Inseln.

Nahezu jeder im Vereinigten Königreich stellt der konservativen Regierung für den Umgang mit dem Brexit ein desaströses Zeugnis aus. Doch leider ist das so ziemlich die einzige Sache, in der sich die gespaltene Nation einig ist. In knapp sechs Wochen will Großbritannien die EU verlassen. Ein Abkommen über die Rahmenbedingungen ist noch nicht in Sicht. Bei Befürwortern wie Gegnern des Brexits wächst die Sorge.

Mays Deal mit EU im Unterhaus durchgefallen

EU-Anhänger im Land fürchten, dass die Briten damit das Recht verlieren, in den 27 anderen Staaten der Union zu leben und zu arbeiten. Und sie haben Angst vor einem Zusammenbruch, wenn ihr Land die EU ohne ein Austrittsabkommen verlässt, das die schlimmsten Folgen abfedert. Brexit-Befürworter dagegen ärgern sich, dass ihr Traum von einem Austritt von bürokratischen Scharmützeln verzögert wird. Sie befürchten, dass Großbritannien durch die Vorgaben der EU womöglich für immer eingeschränkt bleiben könnte.

Mehr als zweieinhalb Jahre ist es her, dass die Briten mit 52 zu 48 Prozent für einen EU-Austritt gestimmt haben. Ein mühsam von Premierministerin Theresa May mit Brüssel ausgehandelter Deal fiel im vergangenen Monat im britischen Parlament durch. Dort ist man genauso in Pro- und Contra-Brexit-Lager gespalten wie im Rest des Landes. Ob es May gelingt, ein neues Abkommen bis zum Stichtag am 29. März durch das Parlament zu bekommen, ist äußerst fraglich.

Fernfahrer in Existenznot

Die Unsicherheit bremst die britische Wirtschaft. Im letzten Quartal 2018 sank das Wachstum auf nur noch 0,2 Prozent, der vierte Rückgang hintereinander. Wichtige politische Entscheidungen werden aufgeschoben. Auch die Gesetzesänderungen für den Brexit sind noch nicht durch das Parlament gekommen. Rod McKenzie, Politdirektor bei dem Fernfahrer-Verband Road Haulage Association, spricht von "purem Ärger" über die Regierung. Diese habe jegliche Planung versäumt und lasse die Fernfahrer in der Ungewissheit, ob sie nach dem 29. März überhaupt noch durch die EU fahren dürften.

Man habe ihnen gesagt, sie benötigten eine europäische Erlaubnis für die Fahrt durch EU-Länder, falls Großbritannien die Union ungeordnet verlasse. Mehr als 11.000 Anträge habe es dafür gegeben, bislang hätten aber weniger als 1.000 die Papiere erhalten. "Das wird die Menschen aus dem Geschäft ziehen", warnt McKenzie. Es wäre ein katastrophaler Prozess für seine Branche, deren Verdienst es sei, "dass Großbritannien mit nahezu allem Essenziellen versorgt wird".

Unternehmen füllen die Lager

Mit seiner Sorge vor Engpässen steht er nicht alleine da. Sowohl die Regierung als auch Unternehmen haben für den Fall eines ungeordneten Brexits bereits ihre Lager mit den wichtigsten Gütern gefüllt. Einige der Brexit-Befürworter wie Charles Moore, früherer Herausgeber der Tageszeitung "Daily Telegraph", plädieren für einen klaren Schnitt, auch wenn das vorübergehend schmerzhaft werden könnte. "Vielleicht ist es Zeit für ein Brexit-Rezeptbuch im Stil jener Bücher, in denen die Rationierungen in Kriegszeiten mit vielen bunten Ideen für einfache Dinge angenehmer gemacht wurden", schrieb er in einem Beitrag für das konservative Magazin "The Spectator". Mit einer kräftigen Prise britischen Humors bot er zudem an, nach Frankreich überzusetzen und dort Bohnen, Orangen und Zitronen für den Schwarzmarkt zu organisieren.

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