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Zum Tode Kardinal Lehmanns - Auf Augenhöhe mit der Welt

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Kardinal Lehmann war Kämpfer und Brückenbauer. Vermittler zwischen Kirche und Welt, die er immer versuchte, auf Augenhöhe zu halten. Ein Nachruf von ZDF-Chefredakteur Peter Frey.

Annette Schavan, Botschafterin Deutschlands beim Heiligen Stuhl, blickt auf das Vermächtnis von Kardinal Karl Lehmann. Er habe klar seinen Standpunkt vertreten.

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Auf den Tag fünf Jahre ist es her, da nahm er sich eine Stunde Zeit für den Reporter, kurz bevor die Tür sich hinter dem Konklave der Kardinäle verschloss. Ja, er verstand, wie Öffentlichkeit funktioniert - dass man auch kirchenpolitische Strömungen von innen heraus erklären muss. Für Karl Kardinal Lehmann musste die durch den historischen Rücktritt von Benedikt XVl. erzwungene Neuwahl des Papstes fast wie der Schlusskampf seines Ringens um den Kurs der Kirche sein.

Zuverlässiges Gespür

Öffnung oder Abschottung? Zuwendung zu den Menschen und ihrer Zeit oder weiter aus der Ferne des Vatikans die Welt beobachten und streng die Glaubensdoktrin bewachen? Das waren auch die Grundfragen, die sein theologisches und kirchenpolitisches Wirken bestimmten. Jedenfalls berichtete er in dieser letzten Stunde vor dem Konklave, wie der bis dahin eher unbekannte Kardinal aus Buenos Aires, Jorge Bergoglio, bei der vorausgegangenen Kardinalsversammlung mit seinem Beitrag zur Reformnotwendigkeit in der Kirche große Aufmerksamkeit errungen hatte: "Den Namen müssen Sie sich merken!" In seiner Stimme lag Bestimmtheit und Hoffnung.

Nachruf auf Kardinal Karl Lehmann

Nachruf auf Kardinal Karl Lehmann

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Dem Reporter nutzte dieser Hinweis. Kardinal Lehmann hatte Gespür bewiesen und die Stimmung des Kardinalskollegiums richtig eingeschätzt. Sein Favorit hatte sich durchgesetzt. Und der Reporter hatte, dank des exklusiven Briefings, schon ein paar Kenntnisse über den neuen Mann im Vatikan.

Franziskus - ein Papst nach Lehmanns Geschmack

Lehmann begrüßte Papst Franziskus mit Freude – und wahrscheinlich auch innerer Genugtuung nach den vielen Kämpfen, die er in Jahrzehnten mit Rom, der Kurie, dem abgetretenen deutschen Papst und auch in der deutschen Bischofskonferenz geführt hatte. Auf der letzten Strecke seines Wegs – das eigentliche Pensionsalter für Bischöfe hatte er schon überschritten – konnte er sich bestätigt fühlen. Ihm war es immer um eine Kirche auf Augenhöhe mit der Welt gegangen, eine Kirche, die in und mit der Gesellschaft lebt, sich nicht über sie erhebt, sie herausfordert. Dafür sollte jetzt der lateinamerikanische Jesuit endgültig sorgen.

Kardinal Lehmann war, vor allem als langjähriger Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz, zur Schlüsselfigur der deutschen Kirche nach dem 2. Vatikanischen Konzil geworden. Den Konservativen galt er als zu liberal. Das hatte offenbar auch dazu geführt, dass er - seinem Rang als Kirchenpolitiker und Theologen wenig entsprechend - erst spät die Kardinalswürde zugesprochen bekam. Er nahm das selbstbewusst und ohne Klagen hin – und trotzdem freute sich ganz Mainz, als ihm der Purpur endlich zuteilwurde.

In Mainz geliebt

Überhaupt, das Verhältnis zu seiner Stadt: Einer seiner bewegendsten Auftritte fand nicht im Dom statt, sondern als das neue Fußballstadion eingeweiht wurde. Drei Mal bekam "unser Kardinal" an diesem Samstagnachmittag großen Applaus – als er im Rollstuhl in die neue Arena hineingefahren wurde, dann nach seinem Einweihungsgebet, das er so nicht genannt hatte, sondern in eine Ansprache über Fairness und Sportlichkeit verpackt hatte, schließlich als er das Stadion wieder verließ. Weder der Oberbürgermeister noch der Ministerpräsident waren so empfangen worden, nicht einmal die Mannschaft. Die Mainzer liebten und verehrten ihn.

Doch Beliebtheit sollte man nicht mit Gefälligkeit verwechseln. Kardinal Lehmann konnte durchaus streng, fast schneidend – und wo nötig auch kritisch sein. Bei einer seiner Ansprachen beim Michaelsempfang der Deutschen Bischofskonferenz in Berlin legte er, als Beitrag zur Auseinandersetzung über die Wurzel des islamistischen Terrorismus, einmal den Unterschied zwischen muslimischer und katholischer Glaubensauffassung dar. Im Islam, so Lehmann, beziehe sich der einzelne Gläubige immer direkt auf den Glaubensstifter. Das erkläre den Hang zu Rigorosität, zu gerade in diesen Jahren sichtbarer fundamentalistischer Versuchung. Bei den christlichen Kirchen sei das anders: Trotz aller ihrer Defizite seien sie immer auch eine Vermittlungsinstitution zwischen dem einzelnen Gläubigen und ihrem Gott, Vermittler aber auch zwischen den Menschen und der Zeit, in der sie leben. Modernisierung, Verheutigung, Dialog als Kern – so grenzte Lehmann seine Kirche auch selbstbewusst ab.

Ein großer Denker

Am Ende seiner Amtszeit wirkte er durchaus erschöpft von den vielen Kämpfen. Fortschritt in den Fragen, die ihm wichtig waren, hatte er nur millimeterweise erlebt – dafür aber viele Auseinandersetzungen auch mit harten Bandagen führen müssen. Er bewegte die Dinge, wo er es konnte, zum Beispiel im ökumenischen Tandem mit dem EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber. Die Probleme der eigenen Diözese überließ der Mann, der immer groß dachte, zuletzt anderen. Trotz aller Bewunderung entstand so auch Abstand. Zeit für sich nahm sich Lehmann kaum. Zehntausende Bücher seiner immer wachsenden Bibliothek waren die treuesten Begleiter des Bischofs, der im Grunde seines Herzens immer Professor und Akademiker geblieben war.

Kardinal Lehmann lebte auf Augenhöhe, mit den Erkenntnissen und Methoden der Wissenschaft, mit der Welt, mit den Menschen. Nicht abzuheben, sich einzulassen, das konnte er – gleich, ob mit Fußballfans oder dem Bundeskanzler. Er erreichte die Herzen, obwohl er, mindestens intellektuell, auch immer Distanz hielt. Selbst Würdigungen zu persönlichen Anlässen blieben im Ton doch eher Vorlesungen. Er suchte Reibung – und das drückte ja auch seine Stimme aus, mit der er durch den Dom donnern konnte. Zuwendung zeigte sich eher in kleinen Gesten, in seinem Interesse, in der Präsenz im Gespräch oder darin, dass er in einer Tischrunde nicht die Hauptrolle spielen musste. Sie zeigte sich auch, wenn er lachte. Das tat er gerne. Tief, befreit, heiter – von innen heraus.

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