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Projekt "ZDF in ..." Mannheim - Wenn das Geld kaum reicht

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Ein Reporter, ein Kameramann, vier Wochen: Ein ZDF-Team sucht das Gespräch mit Mannheimern. Gleich Thema am ersten Tag: Die Schere zwischen Arm und Reich.

Wir sind im Stadtteil Waldhof, vor einem der Häuser, die sie in Mannheim als Benz-Baracken bezeichnen. Häuser in unmittelbarer Nähe zum heutigen Daimler-Werk - daher der Name. Einst war das hier eine Arbeitersiedlung. Heute haben viele, die hier wohnen, keine Arbeit. Und wenig Geld. Das Gebiet gilt als sozialer Brennpunkt.

Eva Katins und ihre Schwester sind hier aufgewachsen. Sie nehmen uns mit in den Garten hinter dem Mehrfamilienhaus, in dem beide wohnen. Schnell schaffen sie eine Tischdecke herbei - für das kleine Gartentischchen, das da steht. Sie bieten Getränke an. Gastfreundschaft, obwohl das Geld knapp ist. Eva Katins kommt gerade vom Grundsicherungsamt zurück, war heute für ihren Vater dort. "45 Jahre hat der auf dem Bau geschuftet, hat sei Kreuz kaputt gearbeitet. Jetzt kriegt er nur eine kleine Rente und noch 50 Euro Wohngeld." Nun sei die Betriebskostenabrechnung gekommen, 300 Euro Nachzahlung. Zu viel, um es einfach so aufbringen zu können.

Seit eineinhalb Jahren Hartz IV

Ich würde gerne mal mit einem Politiker tauschen. Der kriegt einen Monat mein Geld und ich schaue ihm zu, wie er damit zu Recht kommt. Nämlich gar nicht.
Eva Katins, Putzfrau in Mannheim

Auch bei ihr ist das Geld knapp. Seit ihr Mann vor eineinhalb Jahren krank wurde, nicht mehr arbeiten kann, leben sie von Hartz IV, erzählt Eva Katins. Sie hat zwar noch einen 450-Euro-Job, geht putzen. Aber trotzdem reiche das Geld hinten und vorne nicht: "Wenn Du nichts gelernt hast, Kinder großgezogen hast, Hausfrau und Mutter warst, dann hast Du verloren. Dann kannst Du nur noch putzen gehen. Und vom Putzen ist noch keiner reich geworden."

Nirgendwo in Baden-Württemberg sind so viele Menschen auf Hartz IV angewiesen wie im Stadtkreis Mannheim, sagt der Armutsbericht der baden-württembergischen Landesregierung von 2015. Besonders betroffen: Kinder. Im Markthaus gibt es speziell für sie einen eigenen Bereich: Mit Puzzles, Puppen und anderem Spielzeug. Das Markthaus: ein Second-Hand-Kaufhaus in Mannheim. Auch Klamotten, Haushaltswaren und Möbel haben sie im Sortiment. Alles gebraucht, alles gespendet. Und für kleines Geld zu kaufen.

Second-Hand-Kaufhaus als Begegnungsort

Rund 50 Prozent der Kunden kommen, weil sie wenig Geld zur Verfügung haben. "Die sollen genauso ihr Einkaufserlebnis haben und genauso das Gefühl haben ich gehe jetzt shoppen, wie jeder andere auch", sagt Geschäftsführer Thomas Weichert. "Wir wollen aber auch einen Beitrag leisten, dass Menschen miteinander in Kontakt kommen und sich begegnen, die sich normalerweise nicht begegnen würden." Deshalb kann hier jeder einkaufen - unabhängig davon, ob sozial bedürftig oder nicht.

Karte von Deutschland
In der Industrie-, Handels- und Universitätsstadt Mannheim leben etwa 320.000 Einwohner.

Nicht nur bei den Kunden setzt das Markthaus auf Integration, auch bei den Mitarbeitern. Da geht es den Betreibern um die Integration in den Arbeitsmarkt: Menschen mit Behinderung und Menschen, die lange arbeitslos waren, sollen hier Arbeit finden. Auch ein wichtiger Baustein gegen Armut. Denn in Deutschland sind vor allem Arbeitslose, behinderte Menschen, chronisch Kranke und Geringverdienende armutsgefährdet.

Nicht nur bei den Kunden setzt das Markthaus auf Integration, auch bei den Mitarbeitern. Da geht es den Betreibern um die Integration in den Arbeitsmarkt: Menschen mit Behinderung und Menschen, die lange arbeitslos waren, sollen hier Arbeit finden. Auch ein wichtiger Baustein gegen Armut. Denn in Deutschland sind vor allem Arbeitslose, behinderte Menschen, chronisch Kranke und Geringverdienende armutsgefährdet.

Hintergrund

ZDF in Mannheim
Das "ZDF in ..." ist ein Bürgerprojekt des ZDF, das im Mai gestartet ist. Ein ZDF-Team wohnt, lebt und arbeitet vier Wochen lang in einer Stadt in Deutschland. Mannheim ist die zweite Stadt nach Cottbus. Im Fokus des Projektes: die Themen, die die Menschen vor Ort beschäftigen. Das Team ist vor Ort ansprechbar und auch per Mail zu erreichen: zdfin@zdf.de

"Ich würde gerne mal mit einem Politiker tauschen"

Zurück bei Eva Katins im Garten hinter dem Mehrfamilienhaus. Je 379 Euro Hartz IV bekommen sie und ihr Mann pro Monat. Große Sprünge sind da nicht drin. "Es gibt in Deutschland keine Mittelschicht mehr", meint sie, "nur noch Arm und Reich. Selbst wenn Mutter und Vater arbeiten gehen, reicht es vielen Leuten nicht." Von der Politik fühlt sie sich vergessen. Vor allem, seit so viele Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind. Denen müsse zwar auch geholfen werden, sagt sie, findet aber, dass Probleme von Menschen wie ihr seither mehr und mehr in den Hintergrund getreten sind. "Ich würde gerne mal mit einem Politiker tauschen. Der kriegt einen Monat mein Geld und ich schaue ihm zu, wie er damit zu Recht kommt. Nämlich gar nicht."

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