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Kulturstaatsministerin Grütters im Interview - "Abgründe persönlichen Verhaltens gibt es überall"

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Über Optimismus und Enttäuschung: Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) spricht im ZDF-Interview über die Regierungskrise in Österreich, Kirchenstreiks und die Berlinale.

Monika Grütters, Regierungsbeauftragte für Kultur und Medien, spricht über Österreichs Regierungskrise, die Kirchenproteste "Maria 2.0" und Frauen in der Politik.

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5 min
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ZDF: Wenn Sie die Diskussion und die Situation in Österreich im Moment betrachten, gerade die Diskussion um Populisten und Meinungs- und Pressefreiheit: Könnte uns auch hier in Deutschland etwas Ähnliches drohen? 

Monika Grütters: Also Abgründe persönlichen Verhaltens gibt es überall auf der Welt und da ist vielleicht niemand vor gefeit. Aber ich finde das wichtig, dass Politiker, die eine Vorbildfunktion haben, dann auch in aller Härte die Konsequenzen ziehen. Das war überfällig und notwendig, dass Herr Strache zurückgetreten ist. Und dass es dort jetzt derartige Turbulenzen gibt, kann man verstehen nach solchen Erschütterungen.

ZDF: Darf ich Sie als Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken fragen: Maria 2.0 liegt hinter uns, die Woche der Streiks, der Kirchenstreiks von Katholikinnen. Glauben Sie, dass diese Streiks etwas bewirken werden? 

Die Diözesen müssten ihren Priestern die Lebensform freistellen und wir müssen viel mehr Frauen in die Kirchen, in die Weiheämter holen.
Monika Grütters, Kulturstaatsministerin (CDU)

Grütters: Zum einen bin ich froh, dass es diesen Streik und dieses sichtbare, auch sehr ungewöhnliche Format jetzt einmal gegeben hat. Zweitens bin ich enttäuscht, dass sich selbst der Münsteraner Bischof bei den streikenden Frauen nicht hat blicken lassen. Ob aus Feigheit oder, weil er sich der Debatte, jedenfalls öffentlich, nicht stellen möchte, sei dahingestellt. Ich hoffe nur, dass dieser Streik seine Wirkung nicht verfehlt. Denn wenn bei einer so wichtigen gesellschaftlichen Autorität wie der Kirche inzwischen das Fundament Risse bekommen hat, lohnt es sich, nicht mehr nur die Fassade zu streichen, sondern wir brauchen massive neue Maßnahmen. Die Diözesen müssten ihren Priestern die Lebensform freistellen und wir müssen viel mehr Frauen in die Kirchen, in die Weiheämter holen. Wer das noch nicht verstanden hat, befördert den Niedergang dieser wichtigen Institution Kirche.

ZDF: "Frauen jetzt auch in der Politik, die Hauptstadt ist weiblich." Das war ihr Slogan, als Sie den Vorsitz der Berliner CDU übernahmen. Jetzt sieht man ja, hat sich noch nicht all das getan, was Sie sich gewünscht haben. Haben Sie sich vielleicht zu früh vom Vorsitz zurückgezogen?

Grütters: Ich habe mich vor zweieinhalb Jahren, als meine Landespartei eine schwere Wahlniederlage hinter sich hatte, bitten lassen, und ich glaube, ihr auch auf dieser Weise gedient zu haben. Und damals habe ich meinen Landesvorstand mit der Hälfte der Positionen weiblich besetzt. Das gab es und gibt es in ganz Deutschland bisher nur in Berlin. Und ich hoffe, dass einige dieser Impulse auch auf meinen Nachgänger Wirkung tun.

Er hat sich auch bemüht, den jetzigen Landesvorstand mit mehr Frauen, jüngeren Leuten und auch Personen mit migrantischem Hintergrund zu besetzen. Diese Vielfalt spiegelt auch die Lebenssituation in Berlin und deshalb steht es der Berliner CDU gut an. Ich glaube, ich habe der Partei dadurch gedient, dass ich nicht nochmal kandidiert habe, um mir eine Zerreißprobe zwischen unterschiedlichen Lagern zu ersparen, und ich werde an entscheidender Stelle mitwirken, damit dieser Geist fortlebt, auch der weibliche.

ZDF: Jetzt noch eine Frage zur Kultur: Internationale Filmfestspiele Berlin - welche inhaltliche Orientierung oder auch Neuorientierung wünschen Sie sich vom neuen Führungsduo?

Und das Alleinstellungsmerkmal in Berlin ist, dass es ein Publikumsfestival ist, das 350.000 Menschen in zwölf Tagen tatsächlich in die Kinosäle bekommt.
Monika Grütters, Kulturstaatsministerin (CDU)

Grütters: Wir hatten 17 Jahre einen wirklich hervorragenden Festspielleiter in Dieter Kosslick, der vor allen Dingen eines geschafft hat: Die Berlinale unter den drei Top-A-Festivals weltweit unter den Filmfestivals zu positionieren. Und das Alleinstellungsmerkmal in Berlin ist, dass es ein Publikumsfestival ist, das 350.000 Menschen in zwölf Tagen tatsächlich in die Kinosäle bekommt. Ich wünsche mir von dem neuen Duo, dass es erstens diese Publikumsnähe behält, dass es also ein Angebot macht, dass es in der Breite wirkt. Und zweitens, dass es etwas mehr als bisher auch den kulturellen Aspekt herausstellt. Also auch mal kulturell sehr anspruchsvolle Filme bringt. So wird das Festival auch auf der künstlerischen Linie positioniert. Das ist anspruchsvoll, aber Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek traue ich das zu.

ZDF: Dann noch eine letzte Frage zum Thema politische Stiftung. Es ist jetzt fast zwei Jahre her, dass Altbundeskanzler Helmut Kohl gestorben ist. Die Republik wartet auf eine Bundeskanzler-Helmut-Kohl-Stiftung. Wie weit sind die Vorbereitungen und wann wird es sie geben?

Grütters: Als damals die Helmut-Schmidt-Stiftung eingerichtet wurde, ist zugleich die Voraussetzung geschaffen worden, auch eine analoge Helmut-Kohl-Stiftung zu errichten und zwar mit einer ähnlichen oder gleichen finanziellen Ausstattung: großzügig. Das Ganze kann aber natürlich nur unter zwei Bedingungen passieren. Erstens wollen wir das mit der Witwe zusammen entscheiden, wie diese Stiftung aussieht, wo sie sein wird, wie wir mit den Hinterlassenschaften Helmut Kohls umgehen, damit sie diesen Menschen und diesen großen europäischen Politiker, den Vater der deutschen Einheit, auch angemessen würdigt. Und zweitens muss dann der deutsche Bundestag einen entsprechenden Beschluss fassen, dass wir diese Stiftung dann jetzt so ins Leben rufen. Aber die Voraussetzungen, auch finanziell, sind dafür gegeben.  

Das Interview führte Susanne Gelhard, Leiterin des ZDF-Landesstudios Rheinland-Pfalz.

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