Sie sind hier:

Gespräch über erzwungene Rückkehr - Jörg Brase: Die Türkei schadet sich selbst

Datum:

"Ich werde weiter über die Türkei berichten", verspricht ZDF-Korrespondent Jörg Brase im Gespräch über seine vom Erdogan-Regime erzwungene Rückkehr.

Nach dem Entzug der Arbeitserlaubnis, muss Korrespondent Jörg Brase Istanbul verlassen. Vor seiner Abreise sagt er: "Die Entscheidung schadet der Türkei mehr, als sie dem ZDF schadet".

Beitragslänge:
1 min
Datum:

heute.de: Normalerweise würde ich sagen: Schön, dass Sie wieder da sind. Aber das passt jetzt nicht so richtig. Oder?

Jörg Brase: Normalerweise bestimme ich den Zeitpunkt meiner Ein- und Ausreisen lieber selbst. Nun aber war ich gezwungen, das Land zu verlassen, und Zwangsmaßnahmen sind etwas, das niemand gerne erleiden will. Es ist schön, mal wieder in Deutschland zu sein, aber ich bin nicht freiwillig hier und das stört mich sehr. 

heute.de: Das ZDF berichtet seit Jahrzehnten aus Istanbul. Haben Sie inzwischen eine Begründung bekommen oder zumindest einen Verdacht, warum man Ihre Akkreditierung nicht verlängert hat?

Brase: Eine offizielle Begründung gibt es nicht. Ich bekam am Freitag, den 1. März um kurz vor halb sechs nachmittags eine kurze, knappe E-Mail. Darin stand, dass mein Antrag auf Verlängerung der Pressekarte abgelehnt sei. Punkt. Im Gegensatz zu anderen Kollegen, denen man in den vergangenen Jahren nie eine Entscheidung zukommen ließ, deren Antragsverfahren ewig weiterliefen, bis die Kollegen schlicht ausreisen mussten, weil das Visum abgelaufen war, haben wir nun etwas Schriftliches. Das gibt uns die Möglichkeit, zu protestieren und Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

ZDF-Journalist muss Türkei verlassen - Bellut: Werden weiter aus Türkei berichten

Der Leiter des ZDF-Studios in Istanbul, Jörg Brase, hat die Türkei verlassen. Seine Pressekarte war von der Türkei ohne Begründung nicht verlängert worden.

heute.de: Wie geht es jetzt weiter? Werden Sie rechtlich gegen das Arbeitsverbot vorgehen?

Brase: Es gibt viele Juristen, die denken, dass die Verwaltungsanordnung aus dem vergangenen Jahr, die die Ablehnung des Antrags auf Verlängerung der Arbeitserlaubnis ohne Angabe von Gründen erlaubt, gegen die Normenhierarchie, also ein Pressegesetz und letztlich auch gegen die türkische Verfassung verstößt. Wir werden also eine Verwaltungsklage anstrengen. Das Verfahren, so es denn angenommen und eröffnet wird, kann sich aber lange hinziehen. Wir versuchen aber, durch publizistischen Druck, eine Rücknahme der Entscheidung zu erreichen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.  Auch Politiker wie der deutsche Außenminister Heiko Maas haben sich eingeschaltet und gegen die Entscheidung protestiert, in der Hoffnung, die türkische Regierung überdenke ihren Schritt.

heute.de: Was heißt das für die ZDF-Zuschauer? Gibt es ab jetzt keine Berichte mehr aus der Türkei?

Brase: Nein, das heißt es natürlich nicht. Ich werde weiter über die Türkei berichten, nur halt nicht mehr aus dem Land selbst. Das ist natürlich suboptimal, aber leider nicht anders möglich, solange ich keine gültige Arbeitserlaubnis habe. Mein Studio-Team, die Techniker und Producer, die haben oder werden ihre Pressekarten bekommen und können mir Material zuliefern, das ich dann in Deutschland oder Teheran schneide. Aber natürlich fehlt diesen Berichten die eigene Anschauung, und das ist für einen Reporter nie befriedigend.

heute.de: Haben Sie so etwas schon einmal erlebt?

Brase: Natürlich habe ich in all den Jahren immer wieder Behinderungen meiner Arbeit erfahren. Da wurden Dreherlaubnisse nicht erteilt oder wieder einkassiert. Da wurden wir trotz Dreherlaubnis an der Arbeit gehindert. Wir wurden physisch bedroht, abgedrängt und während meiner Zeit in Afrika auch mal rausgeschmissen. In Äquatorialguinea wurden wir zeitweise festgesetzt, unser Material wurde beschlagnahmt, und wir wurden ins Flugzeug zurück nach Nairobi gesetzt. Aber dass ich oder mein Sender zum erklärten Feind einer Regierung erklärt und mir die Arbeitserlaubnis entzogen wird, das fehlte mir noch in meiner Sammlung.

heute.de: Viele Ihrer türkischen Kollegen sind kurzerhand verhaftet worden. Hätte Ihnen das auch passieren können?

Brase: Um eine Inhaftierung zu rechtfertigen, braucht es zumindest den Verdacht einer Straftat. Man müsste mir nachweisen, dass ich zum Beispiel aktiv mit der als Terrororganisationen eingestuften PKK oder dem Gülen-Netzwerk zusammen gearbeitet habe. Wo die türkische Justiz solche Beweise herzaubern will, ist mir schleierhaft. Aber man sollte der Fantasie in der heutigen Türkei keine Grenzen setzen. Meinem Kollegen Thomas Seibert vom Tagesspiegel, der gemeinsam mit mir rausgeschmissen wurde, versuchte man eine aktive Gülen-Konspiration anzuhängen, weil einige seiner Artikel für die "Arab News" von einer Gülen-Zeitung nachgedruckt worden waren. Ohne sein Wissen und Zutun. Wenn man Gründe braucht, um sich öffentlich zu rechtfertigen, werden notfalls solche Gründe konstruiert.

ZDF-Intendant Thomas Bellut nennt die Ausweisung von Korrespondent Jörg Brase "gänzlich unverständlich". Das ZDF werde auch weiterhin in vollem Umfang über die Türkei berichten.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

heute.de: Mit Ihnen muss, wie eben erwähnt, "Tagesspiegel"-Korrespondent Thomas Seibert das Land verlassen, auch Mitarbeiter von "Süddeutscher Zeitung", BBC und anderen Medien sind betroffen. Jetzt sind offenbar westliche Journalisten dran. Ist das der nächste Schritt in Erdogans Feldzug gegen die freie Presse? Wohin führt das?

Brase: Wir vermuten, dass dies der tatsächliche Grund für unseren Rauswurf ist. Der neue starke Mann im türkischen Presseamt, Fahrettin Altun, will offensichtlich ein Zeichen der Stärke setzen und versucht, mit solchen Einschüchterungsmaßnahmen das internationale Pressekorps zu verunsichern. Viele meiner KollegInnen warten immer noch auf ihre Pressekarten. Nachdem die nationale Presse bereits weitgehend mundtot gemacht oder einfach von regierungsnahen Unternehmen aufgekauft wurde, nimmt man nun die internationale Presse ins Visier.

heute.de: DJV-Sprecher Hendrik Zörner hat im "Tagesspiegel" von "purer Schikane" gesprochen. Ist es das oder steckt mehr dahinter? Welches Interesse kann die Türkei an diesem Eklat haben?

Brase: Der Plan ist, wie oben beschrieben, die internationalen Medien zu domestizieren. Dieser Plan ist dumm und wird nicht aufgehen. Im Gegenteil, der Schuss geht nach hinten los. Der Presseattaché der türkischen Botschaft in Berlin, Refik Sagokoglu, wurde zum Tagesspiegel und zum ZDF geschickt, mit einem Vorschlag: Die Türkei sei bereit, den Antrag eines anderen Korrespondenten anzunehmen zu prüfen. Diese Chuzpe muss man erst mal haben. Darauf darf und wird sich niemand einlassen. Über den ZDF-Korrespondenten in der Türkei wird nicht in Ankara entschieden.

heute.de: "Reporter ohne Grenzen" führt eine Rangliste der Pressefreiheit. Da steht die Türkei  eh schon ziemlich weit unten - nämlich auf Platz 157 von 180 Ländern. Geht es weiter abwärts?

Brase: Weiter abwärts als oben beschrieben kann es kaum noch gehen. Aber wer weiß. Viele Journalisten sitzen in türkischer Haft. Die Arbeit von Nichtregierungsorganisationen wird massiv behindert. Regierungskritiker wie der Philanthrop Osman Kavala sitzen in Haft. Kritische Wissenschaftler erwarten jahrelange Haftstrafen, weil sie einen Friedensappell unterzeichnet haben.

Statt einer Mäßigung nach der Präsidentschaftswahl im vergangenen Sommer, verfolgt die Staatsmacht Kritiker noch heftiger als vorher. Die Folge ist eine Verunsicherung und große Angst bei vielen JournalistInnen. Sie haben die Schere im Kopf, und das ist sehr, sehr bitter.

heute.de: Erdogan ist eigentlich angetreten, die Türkei zu modernisieren. Der andere Erdogan zeigte spätestens mit dem gewaltsamen Vorgehen gegen die Gezi-Proteste 2013 sein Gesicht. Was ist von den ursprünglichen Ideen noch übrig?

Brase: Die türkische Regierung begreift Modernisierung nicht als Liberalisierung. Im Gegenteil. Klar, es wurde die Infrastruktur in den vergangenen zwei Jahrzehnten massiv modernisiert. Es wurden neue Straßen, Flughäfen, Brücken, Tunnel, Bürotürme gebaut. Die Türkei ist ein hochindustrialisiertes, modernes Land geworden. Aber der Preis dafür ist hoch. Viele der Megaprojekte wurden auf Pump finanziert.

Natürlich war der Putschversuch ein nationales Trauma, aber die Paranoia, die seitdem das Handeln der Mächtigen bestimmt, führt dazu, dass sich das Land zunehmend zu einer Autokratie entwickelt, die jeden Widerstand im Keim ersticken will und dabei über das Ziel des legitimen Staatsschutzes hinaus schießt. Das Ergebnis ist ein großer Vertrauensverlust auch bei ausländischen Investoren. Der Wechselkurs und die zweistellige Inflationsrate sprechen ihre eigene Sprache. Die Wirtschaftsdaten des Landes sind nicht so positiv, wie es uns der Finanzminister glauben machen will.

heute.de: Welchen Schaden kann die Türkei von solchen Aktionen nehmen?

Brase: Wenn es die Türkei nicht schafft, verlorenes Vertrauen zurück zu gewinnen, wird sich die wirtschaftliche Lage weiter verschlechtern. Maßnahmen, wie sie jetzt gegen mich und andere Medienleute ergriffen wurden, helfen dabei nicht. Im Gegenteil, sie zerstören mühsam wieder aufgebautes Vertrauen. Ich bin Opfer eines internen Machtkampfes innerhalb der türkischen Führung, und es scheint, dass den Herren völlig egal ist, wie viel Porzellan dabei zerschlagen wird.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.