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ZDF-Politbarometer - Deutsche sehen EU so positiv wie nie

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Drei Monate vor der Europawahl ist das Bild der Deutschen von der EU so gut wie noch nie: Für 56 Prozent überwiegen die Vorteile. Die Gründe entbehren nicht einer gewissen Ironie.

Politbarometer: Die EU-Mitgliedschaft bringt der Bevölkerung in Deutschland eher ...
Quelle: ZDF

Drei Monate vor der Europawahl ist die Sicht der Deutschen auf die Europäische Union so positiv wie noch nie. 56 Prozent der Befragten gaben beim ZDF-Politbarometer an, dass die EU-Mitgliedschaft den Deutschen mehr Vorteile als Nachteile bringt, nur 12 Prozent sehen unterm Strich eher Nachteile für Deutschland (Vor- und Nachteile ausgeglichen: 30 Prozent, "weiß nicht": zwei Prozent). Noch im Juni 2018 hatten nur 45 Prozent der Befragten vor allem Vorteile durch die EU gesehen. Seit Frühjahr 2010 (21 Prozent) ist dieser Wert mit kleinen Rückschlägen kontinuierlich gestiegen. Damals hatten noch 36 Prozent der Befragten vor allem negative Auswirkungen einer EU-Mitgliedschaft gesehen.

Grafik: Bringt die EU-Mitgliedschaft der deutschen Bevölkerung eher ...
Quelle: ZDF / Politbarometer

"Ein Teil dieser Entwicklung ist sicherlich damit erklärbar, wie sich die USA unter Donald Trump gegenüber Deutschland und Europa benehmen", sagt Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen. Viele Deutsche seien deshalb der Meinung, dass Europa seine Probleme selbst lösen müsse und dass das am besten gemeinsam gehe. So würden bei Umfragen dazu, gegen wen sich Deutschland international wehren müsse, als erstes die USA, erst danach China und Russland genannt. "Das wäre vor ein paar Jahren noch unvorstellbar gewesen", so Jung.

Grafik Gegen welche Weltmacht muss sich Europa künftig stärker zur Wehr setzen ...
Quelle: ZDF / Politbarometer

US-Präsident Donald Trump droht immer wieder mit Strafzöllen auf europäische Produkte. Dabei scheint er vor allem Deutschland als Gegner ausgemacht zu haben und kritisiert die Bundesrepublik für ihre hohen Handelsüberschüsse. Zuletzt drohte er damit, Zölle auf deutsche Autos einzuführen. Ein weiterer Grund der neuen EU-freundlichen Stimmung könnte in der Flüchtlingskrise liegen, seit der die europafreundliche Entwicklung in den Umfragen deutlich geworden ist. Denn auch bei Problemen zum Themen Asyl suchen die Staaten vor allem auf europäischer Ebene nach Antworten.

Interesse für Europawahl gestiegen

Überraschenderweise könnte neben der America-First-Politik von Trump noch eine weitere national ausgerichtete Politik für eine positivere Sicht der Deutschen auf die EU gesorgt haben: "Durch die Diskussion um den Brexit werden die Vorteile der EU für viele vielleicht etwas sichtbarer", sagt Jung. Was es bedeutet, den Zugang zum Binnenmarkt der EU und die Freizügigkeit zwischen den Mitgliedsländern zu verlieren, werden die Briten demnächst wohl erfahren. Manch Deutschem mögen diese Vorteile dabei gerade erst richtig bewusst werden. Das chaotische Bild, das die Brexit-Verhandlungen der Regierung May liefern, tut sicher auch sein Übriges.

Grafik Interesse an Europawahl
Quelle: ZDF / Politbarometer

Dass der Aufschwung europaskeptischer Parteien hierzulande, also insbesondere der AfD, deshalb vorbei ist, bedeuten die neuen Beliebtheitswerte der EU aber wohl nicht. Denn immer noch halten zwölf Prozent der Befragten die Nachteile der EU für größer. Viel entscheidender sei ohnehin, dass bei der Europawahl für die Wähler vor allem die nationale Politik einer Partei ausschlaggebend ist, nicht so sehr die Europapolitik. Obwohl sich das aber laut Jung gerade etwas ändert.

Zu den höheren Beliebtheitswerten der EU passt auch, dass das Interesse der Deutschen für die Europawahl gestiegen ist. Laut Politbarometer sagen 44 Prozent aller Befragten, dass sie sich sehr stark oder stark für die Europawahl interessieren. Dieser Wert ist heute um 17 Prozentpunkte höher als noch vor fünf Jahren.

Wähler der Grünen am europafreundlichsten

Bei der Bewertung der EU gibt es derweil große Unterschiede zwischen Ost und West. Während in den ostdeutschen Bundesländern 47 Prozent der Befragten vor allem Vorteile der EU sehen, sind es in den westdeutschen Bundesländern 58 Prozent ("eher Nachteile": 20 gegenüber zehn Prozent). Am europafreundlichsten sind laut Politbarometer-Umfrage mit Abstand die Wähler der Grünen, gefolgt von Linken, CDU/CSU, SPD und FDP. Diejenigen, die derzeit die AfD wählen würden, sind dabei mit Abstand am EU-kritischsten: Nur zwölf Prozent sehen eher Vorteile durch die EU, 40 Prozent dagegen vor allem Nachteile.

Politbarometer: Die EU-Mitgliedschaft bringt der Bevölkerung in Ost-/West-Deutschland eher ...
Quelle: ZDF

Wenn am vergangenen Sonntag schon Europawahl gewesen wäre, wäre die Union auf 33 Prozent gekommen, die SPD auf 18 Prozent und die Grünen auf 19 Prozent, die Linke auf acht Prozent, die AfD auf zehn Prozent und die FDP auf sechs Prozent. Auf die anderen Parteien würden zusammen sechs Prozent der Stimmen entfallen.

Grafik Projektion Europawahl
Quelle: ZDF / Politbarometer

Das negative Image, dass die EU eine große Bürokratie ist, gibt es immer noch, sagt Matthias Jung. "Aber es wird im Moment dadurch ergänzt, dass viele die existenziellen Vorteile sehen, die Deutschland in der globalen Auseinandersetzung durch Europa bekommt." Damit wären es am Ende gerade nationale Tendenzen in den USA und Großbritannien, die dazu beigetragen haben, dass die Deutschen das vereinte Europa nun noch etwas mehr lieb gewonnen haben.

Methode der Umfrage

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