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#ZDFcheck17 - Wahlkampfthema Bildung - Chancen für Ganztagsbetreuung

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Gleiche Bildungschancen von Anfang an, Sprachförderung in der Kita, bessere Vernetzung der Schulen - Forderungen, die im Wahlkampf der Bundestagswahl von den etablierten Parteien thematisiert werden. Fest verankert in ihren Wahlprogrammen fordern Union, SPD, die Grünen und die LINKE einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung von Grundschulkindern.

Stundenausfall und Zusammenlegung von Klassen ist an der Siedlungs-Grundschule in Bad Dürrenberg seit Monaten der Normalfall. Grund ist, dass wegen einer Haushaltssperre zu wenig Lehrer eingestellt wurden.

Beitragslänge:
2 min
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Doch wie sähe es in der "Bildungsrepublik Deutschland" aus, wenn der Rechtsanspruch auf Grundschulbetreuung gesetzlich verankert würde?

Könnten alle Grundschulkinder tatsächlich in der nächsten Legislaturperiode ganztags betreut werden?

Die Ganztagsbetreuung im #ZDFcheck17

Erziehermangel bereits im Kindergarten

Seit August 2013 gibt es bereits einen gesetzlichen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz für Kinder unter drei Jahren bis zur Einschulung in die Grundschule. Doch mancherorts konnte dieser Rechtsanspruch bis heute nicht vollständig umgesetzt werden. Die Personalnot in den Kindertagesstätten und Betreuungseinrichtungen verschärft sich. Das wirkt sich massiv auf den Betreuungsschlüssel aus. Immer häufiger müssen Erzieher- und Erzieherinnen immer mehr Kinder betreuen. Die unterschiedliche Betreuungsqualität in Kitas ist bundesweit nach wie vor immens.

In einer Studie der Bertelsmann-Stiftung kommen Bildungsexperten zu folgendem Ergebnis: Im Idealfall sollte sich eine Vollzeitkraft maximal um drei Krippenkinder unter drei Jahren kümmern. Bei den Kindergartenkindern im Alter von drei bis sechs Jahren sollte der Betreuungsschlüssel bei 7,5 Kindern liegen.

Doch die Realität sieht anders aus. Beim Vergleich der Bundesländer herrscht ein starkes Ost-West-Gefälle. In Baden-Württemberg kümmert sich eine Erzieherin idealerweise gerade mal um drei Kleinkinder unter drei Jahren, während in Sachsen der Betreuungsschlüssel bei 6,4 Kindern liegt. Eklatant wird es bei den Kindern ab drei Jahren bis zur Einschulung. Während sich in Mecklenburg-Vorpommern eine Erzieherin um mindestens 14 Kinder kümmern muss, übersteigen die westdeutschen Bundesländer den von Experten vorgeschlagenen Betreuungsschlüssel von 7,5 Kindern nur geringfügig (im Durchschnitt 8,6).

Deutschlandweit fehlen 107.000 Erzieher

Allein in der Regierungsmetropole Berlin und Umgebung bleiben Kita-Plätze frei. Um die Gruppen überschaubar und optimaler zu betreuen, werden freie Plätze in den Kindergärten nicht mehr vergeben, da keine Erzieher dafür vorhanden sind.

Bundesweit, so die Studie, fehlen allein bis zur Einschulung in die Grundschule 107.000 fachlich qualifizierte Erzieher-und Erzieherinnen. Investitionen von 4,8 Milliarden Euro wären notwendig.

Eine halbe Million Grundschüler ohne Ganztagsbetreuung

Der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz konnte bis heute nicht vollständig umgesetzt werden. Umso schwieriger könnte ein Rechtsanspruch auf eine Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder werden. Neueste Studien zeigen, dass in vielen Grundschulen eine Nachmittagsbetreuung längst nicht Standard ist. Nicht nur im Kindergartenbereich fehlen qualifizierte Betreuer, auch für Kinder im Grundschulbereich zwischen 6 und 10 Jahren gibt es kein ausreichendes ganztägiges Betreuungsangebot.

Laut einer Studie der Prognos AG in Kooperation mit dem Institut für Demoskopie in Allensbach leben ca. 2,8 Millionen Grundschulkinder in Deutschland. Für viele Eltern bedeutet die Einschulung ihres Kindes, dass eine belastende Betreuungslücke entsteht, wenn die Schule mittags endet.

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass für die rund 2,8 Millionen Grundschulkinder bundesweit ca. 560.000 zusätzliche Plätze und ergänzende Angebote fehlen. Ganztagsangebote, so die Experten der Studie, erleichtern den Müttern den Wiedereinstieg ins Berufsleben oder das gewünschte Niveau zu halten bzw. auszuweiten.

Schülerzahlen steigen an – Lehrermangel bleibt

In Deutschland gehen nach einer neuesten Studie der Bertelsmann-Stiftung bis 2030 viel mehr Kinder zur Schule als bislang von der Kultusministerkonferenz angenommen. Länder und Kommunen müssen sich entgegen der bisherigen Entwicklung auf deutlich steigende Schülerzahlen einstellen. Laut der Bertelsmann-Studie sind die Schulen auf diesen Schülerboom nicht vorbereitet.

Die Berechnungen der Kultusministerkonferenz der Länder basieren auf Zahlen aus dem Jahr 2012. Seitdem ist aber die Geburtenrate fünfmal in Folge gestiegen, und der Flüchtlingsstrom hat bis zu 300.000 zusätzliche Schüler nach Deutschland gebracht. Laut Studie werden 2030 von Grundschule bis zum Abitur etwa 28.100 zusätzliche Klassen und 42.800 zusätzliche Vollzeitkräfte benötigt.

Aktuell fehlen über 6.200 Grundschullehrer bis 2020

Gerade der Grundschulbereich ist vom Lehrermangel besonders hart betroffen. Bis 2020, so die Studie, fehlen dort bundesweit schätzungsweise 6.266 Lehrer - darunter auch Pädagogen für die Ganztagsbetreuung der Grundschulkinder. Bis 2025 sind es sogar mehr als 24.000 Grundschullehrer.

Die sächsiche Kultusministerin Kruth entschuldigte sich bereits für den Lehrermangel im kommenden Schuljahr in Sachsen. "Es ist bisher seit 1990 das schwierigste Schuljahr, was wir vorzubereiten haben", so die Ministerin. Kruth weiter: "Man findet auf dem Arbeitsmarkt einfach nicht genügend grundständig ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer." Stellen und Bewerber gingen weiter auseinander als in den Vorjahren.

Das #ZDFcheck17-Fazit

ZDFcheck: Falsch

Es ist davon auszugehen, dass die im Bundestag vertretenen Parteien ihre Forderung aus ihren Wahlprogrammen nach einem Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung auf den Weg bringen werden.

Aufgrund der fehlenden Fachkräfte im Grundschulbereich und der ohnehin schon existierenden Probleme der Ganztagsbetreuung im Kindergartenbereich ist es aber unrealistisch, dass eine ganztägige Betreuung in der nächsten Legislaturperiode bundesweit und überall in gleicher Qualität umgesetzt werden kann.

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