Sie sind hier:

Was im Schulsystem schief läuft - Blauer Brief für die Schule

Datum:

Neues Schuljahr, alte Probleme: Integration, Inklusion und Ganztag sind große Herausforderungen. Lehrer fühlen sich allein gelassen und klagen über eine Kultur des Gegeneinanders.

Das Klima im Klassenzimmer wird rauer. Kinder zappeln, schreien und buhlen um Aufmerksamkeit, der Unterricht wird oft zur Nebensache. Es gibt viele neue Herausforderungen.

Beitragslänge:
28 min
Datum:

Erst fällt nur ein Stuhl, dann folgen Tritte und Gerangel. Ein Kind heult ununterbrochen, und am anderen Ende des Klassenzimmers zerreißt ein Junge dem Klassenkamerad absichtlich das Matheheft. Es ist eine heftige Mathestunde in einer der dritten Klassen der Gießener Georg-Büchner-Schule. Doch heftige Mathestunden gibt es hier jeden Tag.

Wie an vielen anderen Brennpunktschulen sind die Lehrer hier froh, wenn überhaupt planmäßiger Unterricht stattfinden kann: "Solche Situationen sind typisch. Es geht nicht um Inhalte, sondern um das Sozialverhalten und die emotionale Bedürftigkeit der Kinder. Und da haben wir heute als Grundschullehrerinnen und -lehrer so viel mehr Aufgaben zu lösen, als das früher der Fall war", ordnet Harriet Kühnemann, Leiterin der Grundschule in der mittelhessischen Universitätsstadt, die Situation ein.

Hunderte Hilferufe aus den Schulen

Ganztag, Inklusion und Integration haben das Schulleben in den letzten Jahren ziemlich auf den Kopf gestellt. Familienstrukturen haben sich stark verändert. Da die Kinder bis nachmittags in der Schule bleiben, werden auch die sozialen Konflikte und Probleme vermehrt hier ausgetragen. Die Klassen sind sehr bunt zusammengesetzt; in so gut wie jeder Klasse gibt es Kinder, die kaum Deutsch verstehen, und außerdem Kinder, die früher eine Förderschule besucht hatten.

Das Problem: Die Lehrer sind gar nicht oder nur unzureichend ausgebildet, um solche Klassen unterrichten zu können. Und sie fühlen sich allein gelassen: "Unsere Lehrkräfte sind schon oft am Ende ihrer Kräfte", sagt Schulleiterin Harriet Kühnemann.

Überall in Deutschland klagen Schulen über die gleichen Probleme. Doch Schulen, die sich trauen, öffentlich auf Missstände aufmerksam zu machen, müssen häufig auch noch mit Gegenwind aus den Ministerien klarkommen, berichten betroffene Schulleitungen.

Experte beklagt "Kultur des Gegeneinanders"

Schüler gegen Lehrer, Lehrer gegen Schüler, Ministerien gegen Schulleitungen. "Ein Grund für den Stress in den Schulen ist sicherlich darin zu sehen, dass wir im deutschen Schulsystem eine Kultur des Gegeneinanders und nicht des Miteinanders pflegen", erläutert Schulpädagoge Klaus Zierer, Professor an der Uni Augsburg. Statt auf Misstrauen solle man daher auf Kooperationen, Miteinander und eine Kultur des Vertrauens setzen, rät der Schulentwicklungsexperte.

Welche Erfolge eine solche Haltung hervorbringen kann, zeigt sich am Beispiel der Gemeinschaftsschule auf dem Campus Rütli in Berlin-Neukölln. Innerhalb von zehn Jahren hat sie sich von Deutschlands bekanntester Problemschule zum Vorbild gemausert, mit Unterstützung der Politik.

Die Lehrer wurden gestärkt, die Schule umgebaut und verstärkt multiprofessionelle Teams aus Sozialarbeitern, Psychologen und Pädagogen etc eingesetzt. "Wir haben auf Schulterschluss und Zusammenarbeit gesetzt", beschreibt Schulleiterin Cordula Heckmann die Reformen an ihrer Schule.

Deutschland bleiben die Lehrer weg

Wenn Deutschland nicht die Lehrer ausbleiben sollen, muss aber unbedingt auch an anderen Schulen etwas passieren. Hierzulande fehlen laut Lehrerverband in diesem Schuljahr rund 35.000 Lehrer, was die Situation und den Unterrichtsausfall an den Schulen noch verschärft.

Klassenregelen als Bilder an der Wand im Klassenzimmer einer Schule
Klassenregeln sind oft nur Bilder an der Klassenwand. Kinder zappeln, schreien und buhlen um Aufmerksamkeit, der Unterricht wird zur Nebensache. Quelle: ZDF


Die Schülerzahlen sollen in Zukunft ansteigen - doch die Politik wirkt machtlos. In Bundesländern wie Sachsen ist der Mangel derart groß, dass mittlerweile jede zweite Lehrerstelle von Quer- oder Seiteneinsteigern besetzt wird, die nicht auf Lehramt studiert haben.

Dabei werden gerade für die Riesenherausforderungen Integration, Inklusion und Ganztag sehr gut ausgebildete Lehrer in ausreichender Zahl und multiprofessionelle Teams gebraucht: "Hier ist keine vorausschauende Politik betrieben worden", räumt der zuständige Präsident der Kultusministerkonferenz Helmut Holter ein.

Die Politik habe in dem Sinne versagt, dass sie zu spät begonnen habe, auf diese Herausforderung zu reagieren. Ein Politiker, der das Versagen des Schulsystems wenigstens zugibt. Ein erster Schritt.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.