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ZDFzoom zu #MeToo - Zwischen Anmache und Machtmissbrauch

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Was mit dem Tweet der Schauspielerin Alyssa Milano begann, wurde zur weltweiten Debatte über den Umgang miteinander. Schnell wurde klar: Sexuelle Belästigung betrifft uns alle.

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz haben mindestens 50 Prozent aller Beschäftigten in Deutschland erlebt. Die #Metoo-Debatte hat vielen Mut gemacht, ihr Schweigen zu brechen; doch manche bleiben stumm – aus Angst.

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Auf einem Bildschirm der Firma Talkwalker in Frankfurt zeigt die Social-Media-Expertin Anke Grünhaupt die Verbreitung des Hashtags #MeToo:  Wie Fliegenschwärme vermehren sich Punkte auf einer Weltkarte. Sie symbolisieren die Tweets, die bereits innerhalb der ersten 48 Stunden nach dem Start von #MeToo die Millionengrenze übersteigen. Die Mitteilungen zeigen: Sexuelle Belästigung trifft nicht nur Schauspielerinnen, sondern "auch die Kollegin, die Nachbarin - und das alles wird online diskutiert", erklärt Anke Grünhaupt.

Opfer und Mitwisser haben lange geschwiegen

Im Fall des Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein, den zahlreiche Schauspielerinnen der sexuellen Nötigung und sogar der Vergewaltigung bezichtigten, war es nicht nur der mutmaßliche Machtmissbrauch, der verstörte. Es war auch die Tatsache, dass so viele Opfer, aber auch Mitwisser und Zeugen so lange geschwiegen haben. Aus Angst die einen, aus falscher Loyalität mit dem Täter die anderen. Nun aber ist alles anders, so scheint es. Hollywood-Schauspielerinnen machten den Anfang, viele andere folgen.

Frauen finden den Mut, ihr Schweigen zu brechen und sie berichten über das, was sie erlebt haben. Im Rückblick meint Teresa Bücker, Chefredakteurin des Online-Magazins Edition F: #MeToo "war für Frauen auch der Punkt, wo sie (...) für sich einordnen konnten: Was mir passiert ist, das war nicht normal. Bei uns haben viele ältere Frauen angerufen, die das Jahre oder Jahrzehnte mit sich herum getragen haben."

Hälfte der Beschäftigten hat Belästigung am Arbeitsplatz erlebt

Wie sieht es in der Arbeitswelt aus? Auch in Deutschland, so eine Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, hat die Hälfte der Beschäftigten bereits sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz miterlebt, bei sich oder bei anderen. Dabei sind Unternehmen verpflichtet, ihre Mitarbeiter vor Übergriffen zu schützen, so schreibt es das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz AGG vor. Doch vier Fünftel aller Beschäftigten kennen ihre Rechte nicht, so ein weiteres Ergebnis der Studie.

Sozialarbeiterin Jenny fühlte sich machtlos, als ihr Chef sie in ihrem Anerkennungsjahr bedrängte und verlangte, dass sie bei einer Freizeit für Kinder mit ihm das Zimmer teilen sollte. Jenny weigerte sich, ohne Erfolg. "Und dann hat er gegrinst und gesagt: Gut, dann ist das jetzt eine Dienstanweisung und du musst jetzt mitfahren", erinnert sie sich. Jenny lässt sich krankschreiben und kündigt ihren bereits unterschriebenen Arbeitsvertrag nach dem Anerkennungsjahr. Dem übergriffigen Chef geschieht nichts, denn seine Vorgesetzte deckt ihn. Er sei zu wertvoll für den Betrieb gewesen, vermutet Jenny.

Betroffene erfahren wenig Rückendeckung

Jenny ist kein Einzelfall. Auch Selina Juana verlor ihren Job bei einem mittelständischen Unternehmen, weil sie die Avancen ihres Chefs zurückwies. Gerade bei kleineren Unternehmen gibt es oft keinen Ansprechpartner, geschweige denn ein Beschwerdemanagement, das im Fall einer sexuellen Belästigung greift. Besonders schwierig wird es für Opfer sexueller Belästigung, wenn der Chef selbst der Verursacher ist. Die Suche nach Positivbeispielen gestaltet sich schwierig. Viele Unternehmen ignorieren das Thema sexuelle Belästigung einfach. "Ist auch keine schöne Außenwerbung, das muss man sagen, aber indem man es ignoriert (…) stellt man auch keine Transparenz her. Das macht das Thema häufig für die Betroffenen nur noch schlimmer und es führt auch häufig zu einem schlechten Betriebsklima", kritisiert Elke Hannack vom DGB.

Chefs müssen sich für ein respektvolles Klima einsetzen

Warum drücken sich so viele Arbeitgeber vor ihrer Verantwortung? Eigentlich müssten sie selbst ein Interesse haben, sexuelle Belästigung in ihren Betrieben zu verhindern. Nur wenn Mitarbeiter und Vorgesetzte respektvoll miteinander umgehen, können alle zu 100 Prozent ihr Know-how und ihre Kompetenz einbringen, weiß Unternehmensberater Peter Modler. Er bietet Frauen in Führungspositionen Seminare an, in denen sie lernen, Übergriffe abzuwehren. Im Kern, so Modlers These, gehe es in betrieblichen Übergriff-Situationen um Macht, nicht um Sex: "Der Machtübergriff wird sexuell maskiert. Aber tatsächlich geht es um eine Machtauseinandersetzung."

Sexuelle Belästigung hat mit harmlosen Flirtversuchen nichts zu tun. Die #MeToo-Debatte hat bewirkt, dass sexuelle Belästigung nicht mehr als individuelles und unvermeidliches Schicksal hingenommen wird. Nicht nur Frauen, auch Männer sind betroffen, wenngleich die Zahl der betroffenen Männer viel kleiner ist. Es ist Sache der Unternehmen, sexuelle Übergriffe zu verhindern und - wenn es doch dazu kommt - die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Es ist Sache aller, nicht wegzusehen und nicht länger zu schweigen.

TV-Tipp: ZDFzoom

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