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Bildungskurse für Arbeitslose - "Jeder sollte dann eine Murmelbahn bauen"

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Mehr als eine Milliarde Euro geben Jobcenter im Jahr für Hartz-IV-Bildungskurse aus. Ein gutes Geschäft auch für private Bildungsträger. Mit teilweise zweifelhaften Ergebnissen.

Teilnehmerin an einem Programmierkurs. Archivbild
Teilnehmerin an einem Programmierkurs (Archiv):
Quelle: Britta Pedersen/zb/dpa

Susanne Zechmeister muss heute noch lachen, wenn sie sich daran erinnert: "Unsere Dozentin kam rein, stellte vorne was hin: Pappe, Buntstifte. Es war eine Gruppenarbeit. Jeder sollte dann eine Murmelbahn bauen." Susanne Zechmeister ist Hartz IV-Empfängerin und war von ihrem Jobcenter aufgefordert worden, an einer sogenannten Bildungsmaßnahme teilzunehmen. Dass die gelernte Köchin dann eine Murmelbahn bauen sollte, konnte sie kaum glauben.

Bildungskurse ohne Sinn?

So geht es vielen Arbeitslosen: Von etwa 1,5 Millionen Hartz IV-Empfängern musste etwa die Hälfte im vergangenen Jahr an solchen Kursen teilnehmen. Mehrere hundert Millionen Euro geben die Jobcenter für diese so genannten "Maßnahmen bei Trägern" aus. Tatsächlich herrschen in den Kursen aber häufig katastrophale Zustände. Das berichten Arbeitslose, Jobcenter-Mitarbeiter und Insider aus Bildungsunternehmen.

Susanne Zechmeister ist gelernte Köchin. Sie wurde krank und rutschte vor sieben Jahren in die Arbeitslosigkeit. Sie hatte gehofft, die Maßnahme helfe ihr, eine neue Arbeit zu finden. Stattdessen sollte sie Mandalas ausmalen und basteln. Wirklich hilfreich fand sie das nicht: "Den ersten Tag hab‘ ich einen Mathetest gekriegt: Frau Zechmeister, setzen Sie sich mal hin, machen Sie den Mathetest. Wieviel ist eins plus ein und sechs mal sechs? Textaufgaben waren dabei. Als ob ich im Kindergarten angefangen habe oder in der Vorschule." Das zuständige Jobcenter Hannover verteidigt Angebote wie eine Murmelbahn bauen oder Mandalas malen "als therapeutische Beschäftigung, die in jedem Alter sehr entspannend wirkt und Spaß macht." Zudem kontrolliere man die Qualität der Maßnahme fortlaufend.

Das Ziel von Hartz IV: Fördern und fordern

Mit der Einführung von Hartz IV sollten Arbeitslose "gefordert und gefördert" werden. Das Fordern mündet seitdem immer häufiger in kurzfristigen Weiterbildungsmaßnahmen. Langzeitarbeitslose sollen in maximal zwölf Wochen für den Arbeitsmarkt fit gemacht werden.

Selbst der Bundesrechnungshof kritisiert, dass ein Großteil dieser Maßnahmen die Eingliederung der Erwerbslosen nicht fördere, sondern gar behindere. Anstatt sich um einen Job zu kümmern, raubten die Kurse Zeit und Energie, kritisieren Experten. Dennoch steigen die Teilnehmerzahlen seit Beginn des Jahrzehnts immer weiter an. Und das, obwohl es immer weniger Arbeitslose gibt.

Verfehlte Förderpolitik

Für Stefan Sell von der Hochschule Remagen ist dies das Ergebnis einer vollkommen verfehlten Förderpolitik. Denn während immer mehr Erwerbslose scheinbar sinnlose Kurse besuchten, bekämen immer weniger Erwerbslose Weiterbildungen mit anerkannten Abschlüssen: "Die wirkungsvollsten Maßnahmen für diese Arbeitslosen - nämlich Umschulungsmaßnahmen, die zu einem neuen Berufsabschluss führen - die sind in den vergangenen Jahren radikal gekürzt worden", sagt Professor Sell.  Und den Grund dafür glaubt er auch zu kennen: Der Staat spare damit Geld, denn die kurzfristigen Maßnahmen seien wesentlich günstiger als eine monatelange Weiterbildung.

Eine Arbeit hat Susanne Zechmeister bis heute nicht gefunden. Das Jobcenter wollte stattdessen, dass sie abermals eine Bildungsmaßnahme besucht, erzählt sie: "Sie haben mir eine neue Maßnahme gegeben. Das wäre wieder das Gleiche gewesen wie damals. Und da hab‘ ich gesagt: Das mache ich nicht. Einmal reicht und nicht nochmal." Die SPD möchte Hartz IV jetzt gerne hinter sich lassen. Aber an dem umstrittenen System der Bildungsmaßnahmen soll offensichtlich weiter festgehalten werden.

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