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Vorhersage-Modell prophezeit - Der perfekte Zecken-Sommer

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Mehr als doppelt so viele Zecken wie 2017 sollen in diesem Sommer im Grünen hocken und auf vorbeilaufende Wirte warten. Damit steigt die Gefahr, sich mit Erregern zu infizieren.

Archiv: Eine Zecke krabbelt über den Arm einer Person am 11.09.2017 in Sieversdorf (Brandenburg)
Zecke Quelle: dpa

"Die Gefahr aus dem Gestrüpp", "Rekordjahr für Zecken", "So viele Mini-Vampire wie nie" – es liegt ein Hauch von Panik in der Sommerluft, wenn man die Schlagzeilen verfolgt. Gewissermaßen Schuld daran ist unter anderem Gerhard Dobler. Gemeinsam mit seinem Team hat der Wissenschaftler am Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr, einem Partnerinstitut des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung, ein Modell veröffentlicht, das für diesen Sommer besonders viele Zecken prophezeit. Genauer gesagt: 443 Zecken pro standardisierter Fläche von 100 Quadratmeter. Das ist die höchste gefundene Zeckenzahl seit Beginn der Untersuchungen vor zehn Jahren.

Dass es tatsächlich so kommen wird, ist durchaus wahrscheinlich. Für den vergangenen Sommer hatten die Wissenschaftler 187 Zecken pro standardisierte Fläche vorhergesagt, gefunden haben sie 180. "Die Zahlen von Mai und Juni zeigen uns, dass wir auch dieses Jahr richtig liegen", sagt Dobler.

Die Buchenmast ist ausschlaggebend

Möglich wird eine derart präzise Vorhersage der Zeckenpopulation dank eines neuen Modells, dass die Münchner Forscher gemeinsam mit Kollegen an der Veterinärmedizinischen Universität Wien entwickelt haben. Die Münchner sammeln bereits seit zehn Jahren standardisiert jeden Monat Zecken auf einer mehreren hundert Quadratmeter großen Fläche im Landkreis Amberg. Ihr eigentliches Interesse gilt dem FMSE-Virus, das die Frühsommer-Meningoenzephalitis auslösen kann. Diese Hirnhautentzündung kann schwere neurologische Schäden beim Menschen verursachen und auch tödlich enden.

Über die Jahre haben sie so eine beachtliche Menge an Daten gesammelt und besitzen nun die weltweit längste Sammlung von Zecken auf einem Areal.

Davon hat der Klimatologe und Epidemiologe Franz Rubel von der Veterinärmedizinischen Universität Wien gehört. Er hat verschiedene klimatische Parameter darüber laufen lassen, die der Deutsche Wetterdienst den Wissenschaftlern zur Verfügung stellt. "Wir haben die Buchenmast im Jahr 2016 berücksichtigt. Wenn die Buchen viele Früchte tragen, vermehren sich die Mäuse explosionsartig und ermöglichen damit vielen Zeckenlarven das überleben. Dadurch hatten wir 2017 viele Zeckenlarven, die in diesem warmen Jahr auch gute Überlebenschancen hatten und sich im Herbst zu Nymphen entwickelten", erklärt Rubel.

Durch den milden Winter 2017/2018 überlebten wiederum viele dieser Nymphen, die dann 2018 nach großen Tieren und dem Menschen Ausschau halten, um eine Blutmahlzeit zu nehmen. "Dieser Prozess ist durch das großräumige Klima synchronisiert und determiniert die Zeckenhäufigkeit in ganz Mitteleuropa. Damit konnte bereits im Februar 2018 eine saisonale Zeckenprognose erstellt werden, die sich jetzt als zutreffend erwiesen hat", sagt Rubel.

Das FSME-Virus ist sehr stabil

Das neue Vorhersagemodell funktioniert. Jetzt lautet das Ziel: detaillierter werden. "Dafür sammelt die deutsche Zeckencommunity an 100 verschiedenen Standorten in Deutschland monatlich Zecken, das ist derzeit die weltweit größte Feldstudie dieser Art", sagt Rubel. Die gefundenen Spinnentiere werden auch auf die verschiedenen Krankheitserreger hin untersucht.

Besonders das FSME-Virus steht im Fokus der Forscher. Bisher haben sie den extrem komplexen ökologischen Mechanismus, den der Infektionsweg über Zecke, Maus und Zecke – vereinfacht gesprochen – darstellt, noch immer nicht komplett verstanden. Das allerdings wäre die Voraussetzung dafür, dass man den Zyklus mit natürlichen Faktoren stören und so die Herde löschen kann. "Was wir wissen ist, dass das Virus sehr stabil ist, anders als zum Beispiel das Influenzavirus. Die Mutationsrate liegt gerade einmal bei etwa 0,05 Prozent", sagt der Münchner Mikrobiologe Dobler.

Mehr Zecken bedeuten auch ein höheres Risiko, sich mit einem Krankheitserreger zu infizieren. Am bekanntesten sind das FSME-Virus und die Lyme-Borrelien. Beide Erreger werden von der Schildzecke Gemeiner Holzbock übertragen, die in unseren Gefilden den Menschen am häufigsten befällt. Die Münchner DZIF-Forscher haben gezeigt, dass die Durchseuchung mit dem FSME-Virus relativ konstant ist, unabhängig von der Zeckenzahl in einem Jahr.

Bei Nymphen beträgt sie etwa 0,5 bis 1 Prozent, bei adulten Tieren 2 bis 4 Prozent. Das bedeutet, dass jede 50. bis 100. Zecke das FSME-Virus trägt. Anders sehen die Zahlen bei der Lyme-Borreliose aus: Experten zufolge ist jede dritte bis vierte Zecke mit Borrelien infiziert. Schätzungen zufolge erkranken jährlich zwischen 60.000 und 200.000 Menschen in Deutschland an Lyme-Borreliose, die Zahlen variieren so stark, weil die Krankheit nicht in allen Bundesländern meldepflichtig ist.  

Hintergrund und Service zu Zeckenbissen

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