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Zehn Jahre nach Abzug der Briten - Nordirland: "Waffenstillstand, kein Frieden"

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Vor zehn Jahren endet die "Operation Banner", der Einsatz der britischen Armee in Nordirland, nach einem Bürgerkrieg mit Tausenden Toten. Wie hat sich das Land seitdem verändert? Ein Blick nach Belfast.

In Nordirland wird heute ein neues Parlament gewählt. In einer Region, die der Brexit besonders hart treffen wird. Denn wenn Nordirland nicht mehr zur EU gehört, wird die Grenze zur Republik Irland zur Außengrenze. Das hat schwere wirtschaftliche Folgen, …

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"Niemand will zurück in die Zeit der 'Troubles', das wäre doch Irrsinn", erklärt Chris Bennett. Er ist der Mann für fast alles im Titanic Quarter von Belfast. Dort, wo vor mehr als 100 Jahren die Titanic gebaut wurde, betreibt er ein Café. Er fährt die Touristen auf einem Nachbau der Original-Tram auf den Spuren des Unglücksschiffs durch das Hafenviertel. Und fast nebenbei, obwohl es sein eigentlicher Job ist, ist er der örtliche katholische Pfarrer.

Chris Bennett steht wie kaum ein anderer für die Wiederauferstehung von Belfast. "Was wir in den letzten Jahren erreicht haben, ist phänomenal. Millionen Touristen haben die Stadt besucht. Dort, wo früher Häuserwände voller Einschusslöcher waren, überall Narben von Bombenexplosionen, wird jetzt gebaut, entsteht bescheidener Wohlstand", erzählt er.

Dunkle Wolke Brexit

Sie nennen es hier die Friedensdividende. Die 'Troubles', wie der Bürgerkrieg etwas verharmlosend bezeichnet wird, wurden mit dem Karfreitag-Abkommen von 1998 beendet. Die Irish Republican Army (IRA), die Untergrund-Armee der Katholiken, die für die Vereinigung mit der Republik Irland kämpfte, ist entwaffnet. Die paramilitärischen Gruppen der Unionisten, die für den Verbleib Nordirlands als Teil des Vereinigten Königreichs zu den Waffen griffen, sind neutralisiert, die Kampfverbände des britischen Militärs abgezogen.

In diesen Tagen wird überall gebaut, Belfast ist eine kleine Boom-Town. Die meisten Touristen kommen, um sich auf die Spuren der Titanic zu begeben. Sogar große Kreuzfahrschiffe machen nun regelmäßig halt. Der Handel mit Irland und dem Rest Großbritanniens floriert, es herrscht Aufbruchstimmung. Wäre da nicht die dunkle Wolke am Horizont - der nahende Brexit.

"Wirtschaftlich ist das völliger Unfug", sagt Chris Bennett, "es läuft gerade so gut. Freier Warenverkehr, das Versprechen von mehr Wohlstand durch grenzenlosen Handel, das wird hier schon irgendwie eingelöst." Doch wenn der harte Brexit kommt, dann wird es eine Grenze zwischen Nordirland und Irland geben müssen. Eine Grenze wie früher, vor dem Friedensabkommen, fürchtet Chris. Das weckt ungute Erinnerungen. Die erneute, sichtbare Teilung der irischen Insel - vielleicht ein Grund für neue Gewalt.

"Nordirland will den in London gemachten Brexit nicht"

"Es herrscht Waffenstillstand in Nordirland, kein Frieden", erklärt John Kelly vom Free Derry Museum, der Gedenkstätte für den Bloody Sunday im Januar 1972. Damals erschossen britische Soldaten im nordirischen Derry 13 Menschen, unter ihnen Johns Bruder Michael. Es war der Auslöser für noch mehr Gewalt. Die Getöteten wurden zu Märtyrern, die IRA erstarkte. Die Paramilitärs der Unionisten rüsteten auf. Bürgerkrieg.

"Wir vergessen nicht, aber wir arrangieren uns", so der ehrenamtliche Museumsführer Kelly. Dabei spielt die EU eine Rolle. "Geld aus Brüssel hat dieses Museum erst möglich gemacht. Sonst würden wir heute hier nicht sitzen. So viel Geld und guter Wille kommen von der EU, nicht nur für unser Museum, für viele Initiativen im Land. Durch den Brexit könnte das verloren gehen."

Irland und Großbritannien in der EU - auch ein Garant dafür, dass Gewalt Vergangenheit und es in Nordirland ruhig geblieben ist. "Die Entscheidung, uns aus der EU rauszureißen ist falsch", so Kelly. "78 Prozent in Derry, die Mehrheit  in Nordirland will den in London gemachten Brexit nicht. Es erzeugt sehr viel Aufruhr."

Brexit wirbelt Gleichgewicht durcheinander

Nicht nur in Nordirland - der Brexit hat auch in London für Aufruhr gesorgt. Im Juni wurde neu gewählt, eine Wahl im Zeichen des Brexits. Theresa May wollte eine satte Mehrheit für ihren Kurs, nun ist sie im Parlament angewiesen auf die Stimmen der nordirischen Unionisten, der DUP. Das kostet mehr Geld für den nordirischen Landesteil - und bedeutet Chaos in Sachen Brexit.

"Die britische Position war bislang: Raus aus der Zollunion, dem gemeinsamen Markt, keine Zuständigkeit mehr für den Europäischen Gerichtshof", erläutert Brian Feeney, Historiker an der St. Mary’s Universität Belfast. "Für diesen harten Brexit gibt es im britischen Unterhaus nach der Wahl keine Mehrheit mehr, und die DUP wird den harten Brexit keinesfalls unterstützen."

Der Brexit-Kurs unklar, die DUP in London mitregierend - das gefährdet auch die Machtbalance zwischen der DUP und Sinn Fein in Nordirland, zwischen Protestanten und Katholiken. "Die Regierung verliert aber damit ihren Status als unabhängiger Schiedsrichter im nordirischen Friedensprozess", fürchtet der ehemalige Minister für Nordirland-Angelegenheiten, Peter Hain. "Das ist ein sehr hoher Preis."

Zwischen Skepsis und Optimismus

"Wie instabil die Region ist", meint Museumsführer John Kelly, würden Politiker, die im fernen London und Brüssel über den Brexit entschieden, erst verstehen, wenn es in Derry wieder zu Gewalt und Blutvergießen kommen sollte.

Nur einer bleibt optimistisch. Chris Bennett, der gute Geist des Titanic Quarters in Belfast. "Viel zu viele Nordiren wissen noch, wie es vor dem Frieden hier aussah. Die große Mehrheit wird es nicht zulassen, dass alles, was wir gemeinsam aufgebaut haben, uns wieder genommen wird." Und bevor sich eine leichte Skepsis in seiner Stimme breit machen kann, ergänzt er, der Pfarrer des Viertels: "Amen."

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