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Winnenden - Die Lehren aus dem Amoklauf

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Zehn Jahre nach der Schul-Schießerei in Winnenden und Wendlingen: Was haben Politik, Polizei und Schulen aus dem Amoklauf gelernt?

Erinnern an die Opfer: Vor zehn Jahren stürmte Tim K. die Albertville-Realschule in Winnenden und erschoss 15 Menschen

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Der Amoklauf von Winnenden ist in Baden-Württemberg noch immer präsent - auch zehn Jahre nach der Tat. Sowohl bei Polizei und Politik, als auch in den Schulen. Ralf Kusterer, Vorsitzender der Polizei-Gewerkschaft Baden-Württemberg fasst es zusammen: "Es ist nichts mehr so, wie es vor dem Amoklauf einmal war." Sensibilisierung ist das Schlagwort nach der Tat - bis heute. Als Reaktion auf den Amoklauf sind viele verschiedene Maßnahmen ins Leben gerufen worden. Ein Überblick.

Der Rückblick

Am 11. März 2009 ereignete sich ein Amoklauf an der Albertville-Realschule in Winnenden und Umgebung. Der 17-jährige Täter tötete 15 Menschen und sich selbst, nachdem die Polizei ihn nach einer mehrstündigen Flucht gestellt hatte.

Die Polizei

Auf Bestreben des damaligen baden-württembergischen Innenministers Rech hat die Polizei eine sogenannte Amok-Ausrüstung erhalten. Sie besteht aus ballistischen Helmen und verbesserten Schutzwesten. "Nahezu jede Streife in Baden-Württemberg verfügt über diese spezielle Amok-Ausrüstung", erklärt Ralf Kusterer, Vorsitzender der Polizei-Gewerkschaft Baden-Württemberg. In anderen Bundesländern ist laut Kusterer die Ausrüstung der Polizei erst aufgrund von Terrorgefahr erweitert worden.

Winnenden hatte auch Auswirkungen auf die Aus- und Weiterbildung der Polizei. Spezielle Schulungen und Trainings sind fester Bestandteil geworden. Vor allem für Streifenbeamte, die als Erste am Einsatzort eintreffen. "Vor dem Amoklauf in Erfurt 2002 war es üblich, dass die Polizei Sperren errichtet und auf den Einsatz der Spezialkräfte wartet", erinnert sich Kusterer. Nach diesem ersten Schul-Massaker wurde die Einsatz-Strategie verändert. In Drei-Mann-Teams treten die Streifenbeamten als Vorhut an. "Das hat in Winnenden bereits Wirkung gezeigt", betont der Landes-Polizei-Gewerkschafter.

Die Opferhilfe

Der Weiße Ring hat als Reaktion auf Vorfälle wie in Winnenden ein Seminar zum Thema "Großereignisse" in sein Weiterbildungsangebot aufgenommen. "Hier werden vor allem die Großereignis-Koordinatoren unter unseren Ehrenamtlichen gezielt im Umgang mit den unmittelbaren Folgen von Amok und Terror geschult", erklärt Pressesprecher Dominic Schreiner.

Zeit ist in solchen Fällen ein entscheidender Faktor. Daher ist es laut Schreiner wichtig, dass jeder der rund 3.000 Ehrenamtlichen weiß, wie er sich zu verhalten hat. "So können wir schnell reagieren und den Opfern die bestmögliche Hilfe innerhalb kürzester Zeit zukommen lassen", fügt der Pressesprecher der Hilfsorganisation hinzu.

Die Schulen

Das Kultusministerium Baden-Württemberg hat eine Reihe von Maßnahmen getroffen, um die Schulen zu unterstützen. So sollen diese heute besser in der Lage sein, sich auf Krisensituationen und Gefahrenlagen vorzubereiten, um im akuten Fall schnell und angemessen reagieren zu können. Beispielsweise wurde die schulpsychologische Beratung ausgebaut. Früher musste sich ein Schulpsychologe um 36.000 Schüler kümmern. Heute liegt das Verhältnis bei eins zu 8.000 Schülern. Damit bewegt sich Baden-Württemberg bundesweit im oberen Mittelfeld. Daneben gibt es mittlerweile ein direktes Alarmierungssystem an vielen Schulen, das auf der Pager-Technologie basiert. Dieses besteht seit Ende 2011 und läuft vorerst bis April 2020. Zudem werden Schulleiter in Krisenpräventions-Themen geschult.

Auch arbeiten die Schulen enger mit der Polizei zusammen. "Hier wird viel Präventionsarbeit geleistet und die Sensibilität erhöht", erklärt Ralf Kusterer, Vorsitzender der Polizei-Gewerkschaft Baden-Württemberg. Die Beamten leisten unter anderem Aufklärungsarbeit, wie man sich in der Schule in Sicherheit bringen kann. Auch gibt es mittlerweile Räume in Schulen, die von außen ohne Schlüssel nicht zugänglich sind.

Die Prävention

Das Bundesforschungsministerium hat zeitnah nach dem Amoklauf in Winnenden das Projekt "NETWASS – Network against School Shootings" gefördert, welches bereits seit 2007 existiert. "Das war die Reaktion, um auf Basis wissenschaftlicher Kriterien solchen Phänomenen entgegen zu wirken", erklärt Herbert Scheithauer, Professor für Entwicklungspsychologie und Klinische Psychologie an der Freien Universität Berlin sowie Leiter des Projekts.

Was als Präventions-Projekt angefangen hat, setzt mittlerweile verstärkt im Bereich Bedrohungsanalyse und Bedrohungsmanagement an. "Heute treten wir nicht mehr gezielt gegen School Shootings oder schwere Gewalt an, sondern NETWASS ist ein Krisenpräventionsansatz für Schulen, um auf Schüler aufmerksam zu werden, die sich in krisenhaften Situationen befinden", betont Scheithauer. Denn aufgrund der langjährigen Erfahrung weiß er, dass ein einzelner Vorfall schlichtweg nicht vorhergesagt werden kann.

Die Risiko-Faktoren im Vorfeld von Vorfällen sind laut Herbert Scheithauer sehr unspezifisch, weshalb sich keine sicheren Vorhersagen machen lassen, ob es  tatsächlich zu einer Tat kommen wird. Die logische Folge wäre sonst, dass viele Schüler fälschlicherweise verdächtigt würden. "Die Gefährlichkeit, ob es zu solch einer Situation kommt oder nicht, hängt von situativen und anderen dynamischen - also veränderlichen - Faktoren ab. Deshalb erscheint eine Bedrohungsanalyse und -management als bester Weg", so Scheithauer.

Und das Ergebnis ist auch messbar: Neben einer belegten Wirksamkeit des NETWASS-Programms hat auch die Furcht vor Amok-Läufen in den Schulen abgenommen. "Wir konnten für ein verbessertes Sicherheitsgefühl und für mehr Sicherheit sorgen, was ich für sehr wichtig erachte", fügt Herbert Scheithauer abschließend hinzu.

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