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Zehn Jahre Rechtschreibreform - Wenn das Komma zur Überlebensfrage wird

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Seit zehn Jahren gilt die neue Rechtschreibung. Lange wurde mit viel Getöse über sie gestritten. Jetzt ist es still geworden. Liegt es daran, dass den Deutschen die Regeln egal sind und sie schreiben, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist? Oder hat sich die Reform bewährt?

Seit dem 1. August 2007 ist die neue Rechtschreibung für alle verbindlich. Zehn Jahre sind seitdem vergangen. Und? Haben die Deutschen die neuen Regeln jetzt drauf? Wir haben auf den Straßen von Berlin zum Diktat gebeten.

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"Vieles ist mit der Reform einfacher und liberaler geworden", sagt Lutz Kuntzsch von der Gesellschaft für deutsche Sprache und nennt als Beleg die Reduktion der Kommaregeln. Unverständlich geblieben seien einige Zusammen- und Getrenntschreibungen von Wörtern. Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, sieht hierzulande "die Fähigkeit, sich schriftlich auszudrücken, seit 20 Jahren schwinden". Heute werde viel weniger Wert auf Rechtschreibung gelegt als früher. Und es gebe bereits Kultusministerinnen wie die in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, die darin ein Problem erkannt hätten und auf Änderungen sännen. Der Reform aber will er für mangelnde Rechtschreibkenntnisse nicht die Schuld geben. Er sieht die Gründe dafür vor allem in den unterschiedlichen Unterrichtsmethoden beim Schrifterwerb und in der allgemeinen Tendenz, dass "heute weniger lange Texte geschrieben und gelesen" würden. Sicherheit in Regeln aber lasse sich nur durch Routine erreichen. Und Meidinger fürchtet "Kommunikationsprobleme, wenn die Regeln nicht mehr befolgt werden".

"Wir essen jetzt Opa"

In der Tat kann schon ein fehlendes Komma den Sinn eines Satzes völlig verändern. Aus dem Staub machen sollte sich der Großvater, wenn er liest: "Wir essen jetzt Opa", sich aber aufs Dinner freuen, wenn da steht: "Wir essen jetzt, Opa."

Methodisch fundierte Untersuchungen zur angeblichen Rechtschreibschwäche der Deutschen gibt es nicht. Nach wie vor, sagt Kathrin Kunkel-Razum, Chefin der Dudenredaktion, habe ordentliche Rechtschreibung "ein hohes Sozialprestige". Sie berichtet, dass die vielfältigen Serviceangebote ihrer Redaktion – ob on- oder offline – "sehr gut angenommen" würden. So werde beispielsweise die Rechtschreibprüfung emsig genutzt. Und nicht nur von Studierenden, die ihre Masterarbeit redigieren lassen, sondern auch von Menschen, die einen Liebesbrief fehlerlos an die Angebetete oder den Angebeteten schicken wollen.

Die Fremdspachenkompetenz nimmt zu

"Die Leute wissen, wie sie sich verhalten müssen, und unterscheiden, ob sie eine fehlerlose Bewerbung an ein Unternehmen schreiben oder eine Nachricht an den Kumpel in einem Kurznachrichtendienst oder einem Chat", sagt Kunkel-Razum.

Zudem sei die Fremdsprachenkompetenz heute viel höher als in der Vergangenheit. Damit einher gehe auch Verwirrung. Schreibt man die berüchtigten "fake news" im Deutschen wie in der englischen Vorlage oder in einem Wort? Der Rat für deutsche Rechtschreibung empfiehlt erstmal beides und beobachtet, welche Schreibweise sich durchsetzen wird.

Rechtschreibfehler sind nicht das Ende der Welt, aber ...

Konstanze Marx, Linguistin am Institut für Deutsche Sprache, kann in der häufig zu beobachtenden freihändig angewandten Orthografie in den Social Media nicht den beginnenden Untergang des Abendlandes erkennen. Solange die Bedeutung eines Wortes nicht verändert werde, also statt rund eckig geschrieben werde, wenn man rund meint, sei alles im Lot.

Trotzdem glaubt die Duden-Frau Kunkel-Razum, dass es die Verständigung einschränke, wenn wir einen Brief voller Rechtschreibfehler mühsam entziffern müssen. In der Folge würden wir den Absender eines miserabel geschriebenen Liebesbriefs womöglich dorthin wünschen, wo der Pfeffer wächst, aber nicht in unsere Arme. Auch das ist dann ein (Kommunikations)problem.

Behördensprache schlimmer als Vong-Sprüche

Selbst in Kunstsprachen wie die der sogenannten Vong-Sprache, die derzeit auf Facebook und Twitter grassiert, sieht die Linguistin Marx nichts anderes als eine Spielerei. Damit würden auf der einen Seite die relativ vielen Fehler in den Social Media verballhornt und andererseits auch jene Menschen auf den Arm genommen, die ständig und überall die Fehlerquote im Netz der Chats rügen. "Dass Gruppen ihren eigenen Jargon verwenden, ist kein neues Phänomen", sagt sie. Egal ob es Jugendliche, Mediziner oder Juristen seien. Ebenfalls ruhig bleibt bei dem Thema Lutz Kuntzsch von der Gesellschaft für deutsche Sprache. "Wir haben ganz andere Probleme mit der deutschen Sprache", sagt er.

Ein besonderer Dorn im Auge ist ihm die "verschwurbelte Behördensprache". Ihre Unverständlichkeit habe bisweilen weitreichende Folgen. So blieben Kommunen beispielsweise auf Fördergeldern sitzen, "weil die Menschen die Anträge nicht verstehen können und dann lieber auf die ihnen zustehende Unterstützung verzichten, als das Behördendeutsch zu enträtseln", sagt Kuntzsch. Der Rechtschreibreform aber könne man diesen Missstand nicht in die Schuhe schieben.

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