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Namensstreit um Mazedonien - Mehr als 100.000 Griechen demonstrieren in Athen

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Mazedonien soll bald Nord-Mazedonien heißen - zum Unmut zahlreicher Griechen: Mehr als 100.000 haben in Athen gegen die Pläne protestiert. Dabei kam es auch zu Ausschreitungen.

Einsatzkräfte der Polizei und Demonstranten prallen am 20. Januar 2019 bei einer Demonstration in Athen aufeinander.
Einsatzkräfte der Polizei und Demonstranten prallen bei der Demonstration in Athen aufeinander.
Quelle: ap

Ein Meer blau-weißer griechischer Fahnen, dazwischen prominente Politiker, Akademiker aus der nordgriechischen Hafenstadt Thessaloniki, Landwirte von der griechisch-mazedonischen Grenze, Familien aus dem südlichen Kreta: Mehr als 100.000 Griechen haben am Sonntag gegen das Namensabkommen Athens mit dem Nachbarland demonstriert. Anarchisten und Hooligans randalierten - wie bei griechischen Demos üblich. Die Polizei setzte am Rande der ansonsten friedlichen Demonstration Tränengas ein, weil die Extremisten versuchten, das Parlament zu stürmen.

Der Protest richtet sich gegen den Namenskompromiss Athens mit dem Nachbarland, das künftig Nord-Mazedonien heißen soll. Mit Bussen, per Fähre und Flugzeug waren viele Zehntausende Griechen aus dem ganzen Land nach Athen gereist, um dagegen zu demonstrieren. Während die Polizei die Zahl der Teilnehmer mit 100.000 bezifferte, gingen griechische Medien von gut 150.000 Demonstranten aus.

Historischer Streit um Erbe des historischen Makedoniens

Die Leidtragenden der Ausschreitungen waren vor allem die ganz normalen Demonstranten. Zuvor hatten sie in einem Meer aus blau-weißen griechischen Fahnen Sprüche wie "Mazedonien ist griechisch" und - an die Regierung gewandt - "Politiker - Verräter" skandiert. Nachdem Randalierer Brandsätze und Steine warfen und Tränengaswolken über den zentralen Syntagma-Platz waberten, zogen sich die anderen Demonstranten zurück.

Großdemonstration am 20. Januar 2019 in Athen wegen Namensänderung der Provinz Mazedonien
Friedlich: Die meisten Demonstranten äußerten ihren Unmut lautstark, aber ohne Gewalt.
Quelle: reuters

Zur Demonstration aufgerufen hatten rechte und nationalistische Organisationen. Sie wollen verhindern, dass kommende Woche im Athener Parlament ein Abkommen ratifiziert wird, das dem Nachbarland den Namen Nord-Mazedonien zugesteht. Der Namensstreit währt bereits seit des Zerfalls Jugoslawiens vor gut 30 Jahren. Beide Nachbarländer erheben Anspruch auf das kulturelle Erbe der Jahrtausende alten Region Mazedonien. Die Griechen befürchten, das Nachbarland könne in Nordgriechenland Gebietsansprüche erheben, weil sich dort die griechische Region Mazedonien (altgriechisch: Makedonia) erstreckt.

In der Tat umfasst das geografische Gebiet Makedonien beides: die ehemalige jugoslawische Republik und die Region Makedonien in Nordgriechenland. Auf das kulturelle Erbe des historischen Makedoniens unter Alexander dem Großen, das sich Historikern zufolge hauptsächlich im heutigen Nordgriechenland erstreckte, wollen die Griechen jedoch nicht verzichten. Und auch das Nachbarland hat sich in der Frage in den vergangenen Jahrzehnten kaum versöhnlich gezeigt.

Internationale Interessen stehen patriotischen Anliegen gegenüber

So war in der ersten mazedonischen Verfassung war die Rede von möglichen Grenzänderungen und den Rechten der Angehörigen des mazedonischen Volkes. Entsprechend fürchten viele Griechen, der Nachbar könne über kurz oder lang Gebietsansprüche stellen.

Nun aber stehen die patriotischen Anliegen beider Länder handfesten wirtschaftlichen und internationalen politischen Interessen gegenüber. Sowohl Nato als auch EU wünschen sich Stabilität auf dem Balkan. Sie würden eine künftige Mitgliedschaft Mazedoniens begrüßen, auch weil Russland dort keinen Einfluss gewinnen soll.

Karte von Griechenland und Mazedonien
Nördlicher Nachbar: Mazedonien.
Quelle: ZDF

Für Griechenlands Wirtschaft ist Mazedonien ein wichtiger Handelspartner, so wie umgekehrt Mazedonien auf den Hafen von Thessaloniki angewiesen ist. Ganz abgesehen davon, dass es zwischen den Bürgern regen Austausch gibt und jedes Jahr viele der künftigen Nord-Mazedonier an griechischen Stränden urlauben.

Befürworter erhoffen sich stabilen Nachbarn im Norden

Die griechische Regierung hat veranlasst, dass der Vertrag zum Namensabkommen an diesem Wochenende allen Zeitungen beiliegt. Und darin können die Griechen Erstaunliches lesen, wie ein politischer Beobachter in Athen sagt: "Der Vertrag ist die sehr gute Lösung eines Problems, bei der es keine Sieger, sondern nur die bestmöglichen Kompromisse geben kann."

Das Schriftstück unterscheidet explizit zwischen dem politischen Nord-Mazedonien und einem Mazedonien im "historischen Kontext mit kulturellem Erbe". Tsipras betonte vergangene Woche im griechischen Parlament, Skopje habe zugesagt, dass mit dem vertraglichen Begriff "Nationalität" die Staatsbürgerschaft gemeint sei, jedoch nicht die Ethnie der Bürger des Landes definiert werde. Auch Grenzänderungen schließt das Dokument kategorisch aus.

Weil das in den Augen etlicher griechischer Politiker ein guter Kompromiss ist, wird das Abkommen im Parlament kommende Woche vermutlich genehmigt. Allerdings nicht ohne Gegenwehr. "Was hat
Griechenland davon?", fragen aufgebrachte konservative und rechte Politiker in Talkshows. Einen stabileren Nachbarn im Norden, der Konzessionen macht, argumentieren jene, die für das Abkommen sind. Denn letztlich habe Griechenland die gravierendsten Probleme nicht mit Nord-Mazedonien, sondern mit dem östlichen Nachbarn Türkei.

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