Sie sind hier:

Einsatz auf der Cap Anamur - Helfer: Belastung und Abenteuer gleichermaßen

Datum:

Als die Cap Anamur vor 40 Jahren zum ersten Mal auf Seenotrettungsmission in See stach, war der Mediziner Ralf Gunter Huth mit an Bord. Hier erinnert er sich an die erste Fahrt.

40 Jahre Cap Anamur: Rettungsaktion der Cap Anamur im chinesischen Meer (Undatierte Aufnahme)
40 Jahre Cap Anamur: Rettungsaktion der Cap Anamur im chinesischen Meer (Undatierte Aufnahme)
Quelle: Picture Alliance / DPA

heute.de: Wie sind Sie 1979 mit 27 Jahren als einer von vier Medizinern auf die Cap Anamur gekommen?

Ralf G. Huth: Ich war gerade fertig mit meinem Medizinstudium, hatte vorher noch ein weiteres Studium der Ethnologie und dann auch Psychologie begonnen und arbeitete zu dieser Zeit vor allem in Nacht- und Notdiensten und Praxisvertretungen von niedergelassenen Praktischen Ärzten. Da kam in 'Report Baden-Baden' ein Beitrag über die vietnamesischen Flüchtlinge im Südchinesischen Meer. Als die Publikumstelefone geschaltet waren, habe ich dort angerufen und gefragt, wie ich helfen kann. Die haben mich an Cap Anamur verwiesen, und Rupert Neudeck und seine Frau haben mich dann tatsächlich ins Team geholt. Das war unglaublich.

heute.de: Und dann auch noch bei der ersten Mannschaft dabei!

Huth: Genau genommen, gab es noch eine Mannschaft vor uns. Die hat die Cap Anamur von der Werft in Japan nach Singapur überführt. Aber es stimmt, wir waren das erste Team für Rettungseinsätze für die Flüchtlinge aus Vietnam.

Archiv: Das deutsche Hilfsschiff "Cap Anamur" im Chinesischen Meer
Das deutsche Hilfsschiff "Cap Anamur" im Chinesischen Meer
Quelle: dpa

heute.de: Wie können wir uns heute die Lebensumstände an Bord vorstellen - es war ja ein umgebauter Frachter...

Huth: Eigentlich ein Stückgutschiff mit zwei großen Ladeluken. Vorne und hinten gab es größere Laderäume. Der eine war für die medizinische Behandlung umgebaut worden, in dem anderen haben wir die Nahrungsmittel gelagert und transportiert. Ich habe gerade eben noch ein paar hundert Dias von damals angeschaut, und plötzlich ist alles wieder da: Der Geruch von diesen Unmengen an getrocknetem Fisch im Lagerraum, den Unmengen an Säcken mit Reis, diese drückende Schwüle bei mehr als 45 Grad und 95 Prozent Luftfeuchtigkeit, die unvergesslichen Sonnenuntergänge, der knietiefe Schlamm auf den Inseln, zu denen wir Flüchtlinge gebracht haben, der unglaublich warme Dauerregen.

heute.de: Klingt das nun nach extremer Belastung, nach sehr ungewöhnlichen Erlebnissen oder nach Abenteuer?

Huth: Da war tatsächlich von allem etwas. Natürlich war die Arbeit an Bord auch anstrengend. Ich erinnere mich zum Beispiel an ein Baby mit Neugeborenem-Tetanus. Das Kind haben wir im Schichtbetrieb dauerbeatmet, bis es über den Berg war. Das waren Phasen mit großer Anspannung.

Leid, Freude und viele weitere Eindrücke haben sich so unzertrennlich miteinander verbunden.

Auf der anderen Seite dann aber die glücklichen Gesichter von Erwachsenen und Kindern, die wir aus ihren Nussschalen, aus kleinen überfüllten Holzbooten aufgenommen haben. Oder eben die unvergleichliche Natur um uns herum. Leid, Freude und viele weitere Eindrücke haben sich so unzertrennlich miteinander verbunden.

heute.de: Waren Sie schon damals auf Kindermedizin geeicht?

Huth: Nein, ich war sozusagen der Azubi unter uns vier Medizinern. Aber ich habe vor allem der Kinderärztin viel assistiert und so meinen Weg in die Kindermedizin begonnen. Ansonsten war mein Schwerpunkt an Bord die Schnittstelle zwischen Crew und Medizinern, zum Beispiel beim Organisieren von der Ausrüstung wie Medikamenten oder medizinischen Instrumenten und auch Sterilisierungstechnik.

heute.de: Also gab es für jeden schon ganz klare Aufgaben?

Huth: Natürlich, aber irgendwie hat dann doch jeder sein Aufgabengebiet erweitert. Der Bootsmaat zum Beispiel drehte jeden Abend seine Runden, er hat nach dem Rechten an Bord der Cap Anamur geschaut. Außerdem hat er sich dabei aber auch immer bei uns erkundigt, wie es den Menschen an Bord ging. Wir hatten ja zwischenzeitlich auch bis zu 1.500 Flüchtlinge an Bord. Ich glaube, das ist auch das Geheimnis eines solchen Teams, dass schließlich alle zusammenwachsen und gemeinsam eine solche Aufgabe stemmen.

heute.de: Wie lange hält man es auf so einem Schiff aus - wie lange haben Sie es ausgehalten?

Huth: Die Verweildauer war für alle klar geregelt. Mein erster Einsatz dauerte vier Wochen, aber ich wollte gerne noch weitermachen. Also bin ich eine Zeitlang durch Südmalaysia gereist und durfte danach noch einen zweiten Dienst auf der Cap Anamur antreten.

heute.de: Und danach endlich nach Hause?

Huth: Noch nicht. Auf meinen Reisen hatte ich die 'Ärzte ohne Grenzen' kennengelernt. Nach meinem Dienst auf dem Schiff habe ich dann mit denen zusammen noch ein Jahr lang an der Grenze zwischen Kambodscha und Thailand für kambodschanische Flüchtlinge gearbeitet.

Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich war wohl einer der ersten Deutschen bei Ärzte ohne Grenzen. Danach allerdings bin ich nach Deutschland zurückgekehrt, habe meine Facharztausbildung zum Kinderarzt gemacht und schließlich 31 Jahre im Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin der Uniklinik Mainz gearbeitet. Damals hatte ich festgestellt, dass Menschen, die zu lange in Auslandseinsätzen sind, häufig die Bindung an die Heimat verlieren. Das wollte ich auf keinen Fall.

heute.de: Ist das Thema für Sie heute beendet oder beschäftigt Sie dieses 40 Jahre zurückliegende Kapitel noch immer?

Huth: Es beschäftigt mich jetzt wieder. Ich bin seit Anfang des Jahres pensioniert und tatsächlich gerade gefragt worden, ob ich zusammen mit meinen Kollegen aus Hannover in Sri Lanka eine Intensivstation für Kinder unterstützen und dort auch mitarbeiten möchte. Jetzt habe ich so viele Jahre Erfahrungen gesammelt - ich denke, es ist eine gute Idee und eine große Chance, dies auch weiterzugeben und Teil eines solchen Teams zu werden.

heute.de: Hat man Sie damals, nach den Einsätzen auf der Cap Anamur, hier in Deutschland als Held gefeiert?

Huth: Innerhalb der Familie habe ich schon eine Menge Anerkennung erfahren. Ansonsten habe ich aber eigentlich nie ein großes Thema daraus gemacht. Viele meiner Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich Jahrzehnte zusammengearbeitet habe, wussten bis zu meiner Pensionierung nichts davon. Es hat einfach viele Jahre dann keine Rolle mehr gespielt.

Das Interview führte Christan Thomann-Busse.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.