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Zeitzeuge im Interview - "Sie sind in ihren Betten gestorben"

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Jozef Stepien hat den Angriff der Wehrmacht auf die polnische Stadt Wielun am 1. September 1939 überlebt. Damals war er sieben Jahre alt. Er erinnert sich noch gut an die Nacht.

Archiv: 02.08.2019, Polen, Wielun: Die Zeitzeugen Zofia Burchacinska und Jozef Stepien stehen für ein Foto in einer Ruine einer Kirche in der Kleinstadt Wielun.
Jozef Stepien und Zofia Burchacinska haben den Bomben-Angriff der Deutschen Wehrmacht auf Wielun am 1. September 1939 überlebt.
Quelle: picture alliance/dpa

Am 1. September 1939 eröffnete das deutsche Kriegsschiff "Schleswig-Holstein" um 4:45 Uhr das Feuer auf die Danziger Westerplatte. Fünf Minuten zuvor hatten deutsche Kampfflugzeuge schon die im Süden gelegene Kleinstadt Wielun bombardiert. Während die Polen in Danzig versuchten, sich gegen die Deutschen zu wehren, starben 1.200 Zivilisten in Wielun. Es waren die ersten der fast sechs Millionen polnischen Kriegstoten. Der 1932 in Wielun geborene Jozef Stepien hat den 1. September vor 80 Jahren dort erlebt und überlebt. Dem ZDF zeigt er seinen Fluchtweg und erzählt, was ihm in dieser Nacht vor 80 Jahren widerfuhr.

heute.de: Wir stehen gerade neben dem Haus, in dem Sie die Nacht vom 31. August auf den 1. September schliefen, als Sie die Bomben weckten. Wie erinnern Sie sich an diese Nacht?

Jozef Stepien: Dieses Geräusch, als eine Bombe fiel und dieses Pfeifen - ich weiß nicht genau, wie ich es beschreiben soll: Es war erschreckend. Als ich aufwachte, waren meine Eltern schon auf den Beinen. Wir wussten nicht genau, was passiert. Auf einer Schulung im August, bei der wir gewesen waren, hatte man nur von möglichen kommenden Giftgas-Einsätzen gesprochen. Dann aber sahen wir, wie eine Bombe einschlug. Wir liefen deshalb in den Keller, falls das Gebäude über uns einstürzen sollte.

Mein Vater brachte uns dorthin, wo auch schon der Eigentümer des Hauses saß. Die beiden Männer fragten sich, was gerade geschieht, aber beide waren ratlos. Es sollten doch angeblich Gase kommen, wieso stürzten denn jetzt die Gebäude ein? Von dem Keller aus konnten wir nicht sehen, dass Gebäude brannten. Wir entschieden uns zu warten. Uns wurde klar, dass das hier jetzt Krieg sein musste. Bei solchen Bomben konnte es weder eine Übung noch der Einsatz von Giftgasen sein, sondern die konkrete Zerstörung von Gebäuden und damit einhergehend die Ermordung von Menschen.

heute.de: Rechneten die Menschen in Wielun mit der Bombardierung?

Stepien: In dieser Stadt gab es keine Soldaten, sie war nur 17 Kilometer Luftlinie zur damaligen deutschen Grenze entfernt. Es gab in Wielun auch keine Armee. Die Zivilisten sind ums Leben gekommen, weil sie um diese Uhrzeit noch schliefen. Sie sind in ihren Betten gestorben. Und wenn die Bombe nicht auf der anderen Seite der Straße abgeworfen worden wäre, sondern auf unser Haus, wäre ich heute auch tot. Die Gebäude standen so nah beieinander: in einem Gebäude kamen die Menschen ums Leben, und in unserem Haus haben wir überlebt. Die Eigentümer unseres Hauses fuhren mit dem Auto weg. Mein Vater bat sie nur, uns eine Sackkarre zu leihen.

heute.de: Was wollten Ihre Eltern auf dieser Sackkarre transportieren?

Stepien: Meine Eltern nahmen das Federbett und mich auf der Sackkarre mit. Mit dem Federbett wollten sie mich vor Trümmern der Explosionen beschützen. Nichts weiter. Ich sollte mit dem Federbett bedeckt werden. Wir haben es nicht einmal geschafft, eine einzige Scheibe Brot in die Hand zu nehmen. Wir wollten so schnell wie möglich fliehen.

heute.de: Sie waren zum Zeitpunkt der Bombardierung sieben Jahre alt. Was fühlt ein Kind in einer solchen Situation?

Stepien: Angst, Angst, eine wachsende Angst. Dass nach der einen Bombe eine weitere folgen wird. Denn ich wusste ja, dass es so ist. Die nächsten Flugzeuge konnte man schon hören. Wir sahen zu, dass wir entkommen konnten. Einfach nur fliehen. Wir schauten in die eine Richtung, doch da ging es nicht weiter. In der anderen Richtung war auch alles verschüttet. Nur ein Weg war noch frei. Und wir sahen schon die Leichen; auf der Straße lagen bereits die Toten. Mein Vater rief auf einer Seite, meine Mutter auf der anderen, denn sie wollten ja irgendwie durchkommen und suchten, wo das am besten gelingen könnte.

Ich wollte die Sackkarre verlassen, aber meine Eltern wollten das nicht. Sie hatten Angst, dass mich die Trümmer der Explosion verletzen. Einmal wackelte die Karre - meine Mutter schaute und sagte zu meinem Vater: "Was tust du da? Du hast gerade einen Toten überfahren". Aber es gab keine Zeit zum Nachdenken. Man musste fliehen. Meine Eltern wollten nach Warschau, aber der Weg war zerstört. Stattdessen sind wir Richtung Lodz gezogen. Dort sagten uns aber die Soldaten, es sei besser, nach Wielun zurückzukehren.

heute.de: Sie haben überlebt. Dachten Sie zeitweise, es hätte auch anders ausgehen können?

Stepien: Wir waren gerade erst einen Monat vor dem 1. September innerhalb von Wielun umgezogen. Auf der Flucht liefen wir an unserem alten Haus vorbei. Wir sahen, dass die Hälfte des Hauses bereits von den Bomben zerstört war. Vater ließ uns kurz zurück und lief zu dem Haus. Es waren schließlich unsere früheren Nachbarn. Er und einige andere Flüchtende räumten etwas Schutt zur Seite und schrien "Ist da jemand? Lebt ihr? Seid ihr da?" Niemand antwortete. Der Wohnungswechsel hat meinen Eltern und mir das Leben gerettet. Ohne ihn wären auch wir in diesem Keller erstickt. Genau wie unsere damaligen Nachbarn, die dort starben.

Das Interview führte Milena Drzewiecka.

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