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"Der Aufstand war eine wunderbare Aufgabe"

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75 Jahre Warschauer Aufstand - "Der Aufstand war eine wunderbare Aufgabe"

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Eine Zeitzeugin, Krystyna Sierpińska (90) war während des Warschauer Aufstands als Sanitäterin tätig. Ihre Eltern waren getötet worden und sie sah den Kampf als ihre Berufung.

Zeitzeugin Krystyna Sierpinska
Zeitzeugin Krystyna Sierpinska
Quelle: ZDF

heute.de: Was haben Sie während des Aufstands gemacht?

Krystyna Sierpińska: Wir waren in so verschiedenen Aktionen engagiert, dass ich - jetzt nach so vielen Jahren - sagen kann: wir lebten jeden Moment. Ich habe mir keine Gedanken gemacht, was kommt. Die damalige Situation hat unsere Handlungen und unser Denken geprägt. Wir hatten damals nichts zu trinken. Wenn man eine Flasche Trinkwasser hatte, war das ein Schatz! Ohne Essen konnte man es ertragen. Und so haben wir Tag für Tag im Laufe der Ereignisse gelebt.

heute.de: Wie erinnern Sie sich an Ihre Arbeit als Krankenpflegerin?

Sierpińska: Einmal war ich im "Kolosseum" (großer Gasbehälter in Warschau im Wola Stadtviertel), die Bombardierung war schon zu Ende. Und plötzlich hörte ich eine leise Stimme: "Mama". Ich habe mich umgedreht. Da lag einer der Kameraden. Ich lief zu ihm, sein Unterkörper war völlig zerrissen. Ich habe ihn umarmt und ihn beruhigt, dann habe ich eine Kollegin gerufen. Aber bevor sie kam, ist er gestorben. Das war für mich sehr schwer. Er hat mich angesehen und "Mama" gesagt. Es war ein erst 20 Jahre alter Junge. Für mich als 15-Jährige damals ein erwachsener Mann.

heute.de: Während des Aufstands waren Sie 15 Jahre alt. Mussten Sie schnell erwachsen werden?

Sierpińska: Ich bin erwachsen geworden, als ich zwölf war. Nach dem Tod der Eltern habe ich keine Zukunft mehr gesehen. Meine Geschwister haben sich um mich gekümmert. Für mich war der Aufstand eine wunderbare Aufgabe, es war ein Traum für uns - die Auflehnung. Wir wollten nicht nur anprangern, sondern etwas tun.

Für mich war der Aufstand eine wunderbare Aufgabe, es war ein Traum für uns - die Auflehnung.
Krystyna Sierpinska

Nach dem Tod unserer Eltern sind wir Geschwister zu viert geblieben. Ich war die Jüngste. Mein ältester Bruder war seit 1939 im Stammlager, da er freiwilliger Soldat war. Seine Stammlager-Nummer war 600. Und meine (nach dem Aufstand) 107.183. Was für ein Unterschied!

heute.de: Wie schwer war das Leben mit dem Trauma danach?

Sierpińska: Ich habe mir mal gesagt: Es gibt keine Wesen in der Welt, die mir mehr Schmerz zufügen können, als ich es zu diesem Zeitpunkt erlebt habe. Ich habe einfach angefangen, die Menschen zu lieben. Ich werde als eine kontaktfreudige Person angesehen. Im Moment gibt es viele Treffen wegen des Warschauer Aufstands, ich bin ständig eingeladen. Institutionen, Schulen, auch Kinder aus dem Kindergarten.

Im Nachhinein kam das Trauma immer stärker zum Vorschein, wenn ich an Menschen gedacht habe, die ums Leben gekommen sind.

Das größte Trauma habe ich aus dem Lager in Deutschland. Alles passierte in meiner Kindheit, denn ich war erst 15 Jahre alt, während des Aufstands. Im Nachhinein kam das Trauma immer stärker zum Vorschein, wenn ich an Menschen gedacht habe, die ums Leben gekommen sind. Das war ein großer Schmerz. Wir waren alle zusammen und plötzlich …

heute.de: Eine Diskussion kommt in Polen wieder auf: War die Entscheidung für den Aufstand richtig?

Sierpińska: Dafür muss man die Bedingungen der Gefangenschaft kennen. Und außerdem - die Jugend. Man erlebt alles anders, wenn man inmitten der schrecklichen Geschehnisse ist - und dazu noch jung ist. Widerstand gegen alles erlebten wir damals jeden Tag. Es gab Scharfschützen, die auf Polen geschossen haben. Ob unsere Wahl gut war? Wenn man den Effekt sieht, bestimmt nicht. Aber andererseits denke ich, dass unsere Führung auf eine Reaktion aus dem Osten gehofft hat. Und Reaktion war umgekehrt - ein Schritt zurück.

heute.de: Haben Sie vergeben?

Sierpińska: Wenn ich einen Deutschen sehe, denke ich nicht, dass er schuldig ist. Ich könnte ihn nicht hassen. Ich treffe immer sehr höfliche Menschen. Sie kommen hierher und wir haben sehr engen Kontakt.

Das Interview führte Roman Krysztofiak.

Lesen Sie ein weiteres Zeitzeugeninterview:

Zeitzeugin Hanna Stadnik

75 Jahre Warschauer Aufstand -
"Wir haben um die Ehre gekämpft"
 

Hanna Stadnik (90) war als 15-jährige als Krankenschwester in Warschau tätig und am Aufstand beteiligt. Sie repräsentiert die jüngste Generation der Aufständischen.

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