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28 Jahre nach dem Mauerfall - "Zirkeltag": Vom Leben in zwei Systemen

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Nun ist die Mauer genauso lange weg, wie sie stand: 28 Jahre, zwei Monate, 27 Tage. Für alle doppelt so alten Ostdeutschen ist "Zirkeltag": Sie lebten gleich lang in beiden Welten.

Durch Berlin wird eine Mauer gebaut
Bau der Berliner Mauer 1961 Quelle: dpa

"Zirkeltag" - das ist der etwas gestelzte Begriff für diesen Montag, den 5. Februar 2018. Es ist der Tag, an dem die Mauer genauso lange nicht mehr steht, wie sie von 1961 bis 1989 stand. 28 Jahre, zwei Monate und 27 Tage trennte das monströse Bauwerk ein Land. Eine Stadt. Menschen. Ein Volk. Und genau so lange ist sie nun fort. Ein Wimpernschlag - historisch gesehen. Doch für manche das halbe Leben. Das gibt Anlass zurückzuschauen und Menschen des Jahrgangs 1961 zu befragen, wie es sich rückblickend anfühlt: ein Leben in zwei Systemen.

"Sicher versorgt, aber eingeengt"

Matthias Freihof ist Schauspieler, Jahrgang 1961. Für ihn sei der Mauerfall ein Glücksfall, sagt er. Er konnte Länder bereisen - sich ein eigenes Bild von der Welt machen. Nach dem Fall der Mauer hat er mit vielen Schauspielkollegen weltweit zusammen arbeiten dürfen. Die DDR, so erzählt er, habe ihn nicht nur menschlich, sondern auch künstlerisch eingeengt.

Am 5. Februar 2018 ist die Mauer genauso lange weg, wie sie stand. Für die 1961 Geborenen teilte sie das Leben in zwei Hälften - in "davor" und "danach". Was der Mauerfall für sie bedeutete, berichten drei Zeitzeugen, die das "Davor" in der DDR erlebten.

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Und doch gebe es auch Dinge, die er heute vermisst. "Ich hatte den Eindruck, dass die Solidarität in der DDR untereinander größer war", sagt Freihof. "Die Miete war bezahlt, jeder hatte das Nötigste, und so gab es Raum für andere Dinge." Heute habe man, wenn man mit Leuten zusammensitze, den Eindruck, dass es bald um Dinge wie Steuern, den Job oder das Einkommen gehe.

Gedenkstätte zeigt, wie es war

Im Berliner Stadtbild ist die Mauer nur noch an wenigen Stellen zu finden. Bei der "Gedenkstätte Berliner Mauer" in der Bernauer Straße stehen noch 1,4 Kilometer des ehemaligen Grenzstreifens. Hier wird erfahrbar, wie die Teilung einst mitten durch die Stadt ging. Die Gedenkstätte war es auch, die das Datum des Zirkeltages errechnet hat: der 5. Februar 2018.

Axel Klausmeier, Leiter Mauergedenkstätte
Axel Klausmeier, Leiter der Mauergedenkstätte Quelle: dpa

Für Axel Klausmeier, den Direktor der Stiftung Berliner Mauer, zu dem die Gedenkstätte gehört, ist das Thema Mauer brandaktuell und ein Symbol für vieles. "Mauern kann man friedlich überwinden - das ist wichtig zu erfahren. Gerade in einer Welt, in der es immer mehr Mauern gibt", sagt er.

Die Mauer sei für die junge Generation kaum mehr präsent. Sehr viele der heute in Berlin lebenden Menschen hätten die Mauer nicht mehr unmittelbar erlebt. Dies stelle neue Fragen an unsere deutsche Geschichte, und es sei eine kontinuierliche Aufgabe für die Stiftung, sich um Aufklärung im Sinne der Freiheit und Demokratie zu bemühen.

Leben ganz von vorne angefangen

Für Sibylle Sacher war der Mauerfall wie eine Explosion, sagt sie. Auch sie ist Jahrgang 1961. Als die Mauer fällt, ist sie verheiratet und hat zwei Kinder. Beruflich muss sie nochmal völlig von vorne anfangen. Ihr Studium der Außenwirtschaft wird im Westen nicht anerkannt. Erst sucht sie sich Jobs als Bürokraft, später macht sie eine Ausbildung zur Immobilienkauffrau. Heute ist sie Frauenbeauftragte einer großen Berliner Wohnungsbaugenossenschaft.

Das Leben habe sie gelehrt, furchtlos zu sein und vor Veränderungen nicht so große Angst zu haben, sagt sie. "Wenn Lebenswege sich ändern, man umdenken muss, dann nehme ich das hin - fange wieder von vorne an. Das macht auch Spaß. Und durch diese Erfahrung des Umbruchs weiß ich, dass es immer weiter geht."

Abbruch der Berliner Mauer
Zum "Zirkeltag" zeigt das Besucherzentrum an der Bernauer Straße eine Sonderausstellung mit vielen bislang unveröffentlichten Fotos (bis 15. August, Eintritt frei). Quelle: Stiftung Berliner Mauer / Hans-Peter Guba

"Degeneriert oder in den Knast gewandert"

Ulrich Wetzl, Jahrgang 1961, sagt von sich, er sei ein "Turbo-Wessi". Er ist Anwalt, eloquent im Auftreten. Beinahe stolz berichtet er, dass viele ihm seine ostdeutsche Sozialisierung nicht anmerken. Anfangs habe er sich oft diskriminiert gefühlt, als Ostdeutscher. Westdeutsche Kollegen hätten nicht anerkennen mögen, dass er das gleiche mache wie sie. Irgendwann, so Wetzl, habe er gelernt, sich anzupassen.

Im Jahr des Mauerfalls 1989 war Ulrich Wetzl Mitglied der SED - doch er hatte auch große Zweifel: "Mein ganzes Leben in dieser DDR - also ich weiß nicht: Ich wäre degeneriert oder in den Knast gewandert. Die beiden Varianten gibt es: Anpassung oder Ausrasten." Von heute aus gesehen glaubt er: Die Unfreiheit des Geistes und die Verlogenheit der Presse hätten ihm ein Leben in der DDR auf Dauer unmöglich gemacht. 

Leben im Davor und Danach

Viele dieser Generation sind es, die damals im Wendeherbst auf die Straße gegangen sind. Die mit anderen den Mut und die Kraft gefunden haben, gegen die bestehenden Verhältnisse im Land aufzubegehren und ihre Zukunft in die Hand zu nehmen.

Für die um 1961 Geborenen teilt der Mauerfall das Leben in zwei Hälften: ein Davor und ein Danach. Das wirkt in die Biografien hinein. Alles, was die ersten 28 Jahre galt, gibt es nicht mehr. Es gibt Brüche. Manche fühlten und fühlen sich von der Geschichte überrannt und sind im vereinten Deutschland nicht angekommen.

Doch vielen der 1961 Geborenen gelang ein Neuanfang und sie gestalten heute die Gesellschaft mit. Die Mauer, sie ist Teil ihrer Geschichte und sie ist Teil unserer Geschichte. Und immer noch Gegenwart.

Der Boxer Dirk Moritz hat beide deutschen Systeme gleichlang erlebt und sich nach der Wende auch im Westen "durchgeboxt".

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