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"Wo immer man hingeht, gibt es einen Islamischen Staat"

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Baghus: IS-Bastion in Syrien - "Wo immer man hingeht, gibt es einen Islamischen Staat"

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Baghus in Syrien gilt als letzte Bastion des IS und steht kurz vor dem Fall. Nun flüchten Kämpfer und Zivilisten in den Irak. Der Terrormiliz bleiben viele trotzdem ergeben.

Zivilisten werden aus Baghus evakuiert
Menschen werden aus dem syrischen Baghus evakuiert, wo sich weiterhin IS-Kämpfer aufhalten.
Quelle: dpa

Am Ende blieben vom Traum des Islamischen Kalifats nur noch ein Zeltlager und ein paar Erdlöcher. In Baghus, der letzten Bastion der Terrormiliz Islamischer Staat im Osten Syriens, nagen die Überlebenden seit Tagen an trockenem Fladenbrot, die Verwundeten siechen dahin und die Kranken bekommen keine Medikamente. Diese verzweifelte Lage bewog die IS-Anführer, am Freitag wieder Hunderten Menschen den Abzug aus dem belagerten Baghus zu erlauben. Doch viele von ihnen wären geblieben - auch bis in den Tod.

Unter den Männern, Frauen und Kindern, die am Freitag den Kämpfern der Syrischen Demokratischen Kräfte außerhalb von Baghus übergeben wurden, sind Extremisten, deren Familien und einige der entschlossensten Anhänger der Terrorgruppe, die einst aus der gesamten Welt kamen, um sich dem anzuschließen. In Gesprächen mit der Nachrichtenagentur AP machten viele von ihnen deutlich, dass sie sich nur widerwillig ergeben hätten und ohne eine Aufforderung ihrer Anführer Baghus nicht verlassen hätten.

Evakuierung in Schaftransportern

Denn sie waren geblieben, als die einst vom IS kontrollierten weiten Landstriche im Irak und Syrien immer mehr zusammenschrumpften, als ihre Hauptstadt Al-Rakka fiel und als die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) sie an der Grenze zum Irak auf einem immer kleineren Gebiet zusammendrängten.

Militärfahrzeuge der syrischen demokratischen Kräfte in Baghus
Militärfahrzeuge der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) in Baghus
Quelle: dpa

36 Schaftransporter brachten die ausgezehrte Gruppe am Freitag in ein Wüstengebiet außerhalb von Baghus, wo erst einmal ihre Personalien aufgenommen wurden. Es war die jüngste von mehreren Evakuierungswellen, seit die SDF mit Luftunterstützung des US-geführten Bündnisses gegen den IS ihre Militäroffensive auf die letzte Bastion der Extremisten begonnen hatten. Aber Hunderte, womöglicherweise Tausende Zivilisten befinden sich noch gemeinsam mit Kämpfern in dem Zeltlager am Ufer des Euphrat und Tunneln und Höhlen darunter.

Spekulationen über Verhältnis unter IS-Führern

Wer als Zivilist eingestuft wird, kommt erst einmal in ein Lager für Vertriebene. Mutmaßliche Kämpfer werden in Gefangenenlager gebracht. Frauen in Ganzkörperschleiern und Kinder in vor Dreck stehenden Jacken bildeten bei der Überprüfung außerhalb von Baghus eine Reihe, Männer in Kopftüchern ein zweite und Männer aus dem Ausland eine Dritte. Unter ihnen waren Franzosen, Polen, Chinesen, Ägypter, Tadschiken und Marokkaner.

Ob sie tatsächlich alle so entschlossen hinter dem IS stehen, wie ihre Antworten nahe legten, ist nur schwer abzuschätzen. Möglicherweise sind auch einige unter ihnen, die immer noch die Konsequenzen fürchten, sollten sie sich vom IS distanzieren. Einige sagten der AP, die Aufforderung, Baghus zu verlassen, sei vom Wali, ihrem örtlichen religiösen Anführer gekommen. Andere behaupteten IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi persönlich habe die Anordnung gegeben.

Wo sich Al-Baghdadi aufhält und ob er überhaupt noch am Leben ist, ist unklar. Auch das Verhältnis unter den verbliebenen IS-Führern in Baghus gibt Anlass zu Spekulationen. Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurde ein IS-Kommandeur in den vergangenen Tagen enthauptet, weil er Zivilisten zur Flucht aus dem Ort aufgerufen hatte.

"Es ist der Dschihad für die Sache Gottes"

"Baghus ist vielleicht eine der schwierigsten Moment in meinem Leben", sagte die 21-jährige Tunesierin Um Jussef, die vor vier Jahren mit ihrer Mutter nach Syrien kam. Sie sei nicht für das Essen oder ein gutes Leben gekommen. "Es ist der Dschihad für die Sache Gottes."

Um Jussef, deren arabischer Name "Mutter des Jussef" bedeutet, schickte ihre beiden Kinder und ihre Mutter im Januar bereits aus Baghus heraus und blieb mit ihrem Mann zurück. Sie sei im Frieden mit sich, die vergangenen Wochen seien ihre wertvollsten in Syrien gewesen, denn sie habe in dieser Zeit eine wichtige Lektion fürs Leben gelernt. Sie habe auch nicht vor, nach Hause zurückzukehren, sondern werde versuchen, in eine andere Stadt in Syrien zu gelangen, sagte sie.

"Möge Allah ihnen beistehen"

Ein 14-Jährige neben ihr ruft: "Der Islamische Staat ist vorbei? Wer sagt das? Wo immer man hingeht, gibt es einen Islamischen Staat." Die Geschichten anderer Frauen machen deutlich, was sie erleiden mussten. Eine 16-Jährige aus Aleppo sagte der AP, sie habe seit Tagen nichts mehr gegessen, um ihre beiden Kinder zu ernähren. Sie habe vier Ehemänner gehabt, die allesamt gestorben seien, ebenso wie ihr Vater, ihre Schwester und zwei Brüder.

Wir wollten nicht gehen, aber der Kalif sagte, Frauen sollten gehen
Um Abdul-Asis, wurde aus Baghus evakuiert

Von den mehr als einem Dutzend Menschen, die mit der AP sprachen, sagten nur vier, sie wollten nicht in Baghus sein. "Wir wollten nicht gehen, aber der Kalif sagte, Frauen sollten gehen", sagt die 33-jährige Um Abdul-Asis. Ihr Mann sei geblieben, um zu kämpfen. "Sie dachten, wenn sie die Frauen hinauslassen, würde Allah ihnen beistehen. Möge Allah ihnen beistehen."

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