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Zivilisten in Syrien - "Todmüde nach sechseinhalb Jahren Krieg"

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In Syrien ist kaum eine Familie vom Krieg verschont geblieben. Trotz offizieller Waffenruhe bleibt die Lage labil - teils wird weiter gekämpft. Während in Homs der Wiederaufbau beginnt, herrschen in den Vororten Angst und Perspektivlosigkeit. Eindrücke aus einem zerrissenen Land.

Syrische Rebellen und ihre Familien haben mit dem Abzug aus dem letzten von Rebellen kontrollierten Stadtteil von Homs begonnen. Eine entsprechende Vereinbarung war Anfang der Woche unter russischer Vermittlung unterzeichnet worden.

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"Wiederaufbau", das Wort hat in Khaled Hemdans Ohren einen fast unwirklichen Klang. "Reconstruction", wiederholt der Englischlehrer aus Rastan, einem Vorort der syrischen Großstadt Homs nachdenklich, "so etwas könnten wir hier auch gut gebrauchen". Hemdan, Anfang Dreißig, Vater zweier Kleinkinder, lebt mit seiner Familie in einem Gebiet, das von Einheiten der oppositionellen "Freien Syrischen Armee" (FSA) kontrolliert wird. Das Gebiet wirkt wie eine Enklave, abgeriegelt von Regierungstruppen.

Rückkehr in die Ruinen

Nur etwa 20 Kilometer entfernt von Hemdans Heimatort, in Homs, beginnt nun allmählich jener Wiederaufbau, von dem viele Syrer träumen. Die Stadt, die einst als "Rebellenhochburg" galt, und nach jahrelangen Kämpfen wieder völlig unter Kontrolle des Assad-Regimes steht, ist zwar in weiten Teilen zerstört, ausgebombt und ausgebrannt, dennoch kehrt nun das Leben dorthin zurück - auch mit deutscher Hilfe.

Gemeinsam mit ihren syrischen Partnern unterstützt die Diakonie Katastrophenhilfe dort als erste westliche Organisation Wiederaufbau-Projekte. Diakonie-Mitarbeiter Michael Frischmuth berichtet von vorsichtigem Optimismus in Homs. "Die Menschen hoffen, dass sie endlich wieder ein selbstbestimmtes Leben führen können", so Frischmuth im heute.de-Interview.

"Ich will in keinem Folterkeller landen!"

Anders die Lage im nahen Rastan. Khaled Hemdan spricht von einem weitverbreiteten Gefühl der Perspektivlosigkeit. "Die Ziele der Revolution - etwa das Recht auf ein Leben in einem freien, demokratischen Staat - sind nicht erreicht", sagt er. "Es hat so viele Opfer gegeben, Hunderte Menschen haben allein in unserer Stadt ihr Leben verloren, während der Kämpfe und der barbarischen Bombardements. Andere haben ihren gesamten Besitz verloren und leben heute in Zelten. Die komplette Infrastruktur ist kaputt - Schulen, Geschäfte und Industrieanlagen zerstört, die Arbeitslosigkeit hoch."

Hemdan selbst hat bis vor wenigen Monaten für eine Hilfsorganisation gearbeitet, die besonders Bedürftige mit Essen, Medikamenten und Trinkwasser versorgt hat. Nun ist sein Zeitvertrag ausgelaufen. Wie er das Überleben seiner Familie sichern kann, sagt er, sei so ungewiss wie die gesamten Zukunftsaussichten. "Regimetruppen halten unser Gebiet seit Jahren umschlossen", so Hemdan. In einen von Assad kontrollierten Teil Syriens überzusiedeln, wagt der Lehrer nicht. Er befürchtet, an einem Militär-Checkpoint verhaftet zu werden. "Ich will in keinem Folterkeller landen", sagt Hemdan.

Waffenruhe in "Deeskalationszone" brüchig

Ein Ende des Konflikts sieht der Lehrer ebenso wenig wie sein Kollege Adnan Adahhik aus der Stadt Talbisah nördlich von Homs. Adahhik berichtet von Brüchen der Waffenruhe sowohl durch Regierungstruppen als auch durch die Opposition. "Mehrere bewaffnete Gruppen haben Militär-Checkpoints angegriffen - als Reaktion auf Luftangriffe durch Assads Truppen trotz der Vereinbarung zur Deeskalation." Im Mai hatten Russland, die Türkei und Iran vier "Deeskalationszonen" in Syrien vereinbart. Diese sollten von Rebellen kontrollierte Gebiete umfassen, in denen fortan Flugverbote und eine Waffenruhe zwischen Regierung und Rebellen gelten sollten.

So weit der Plan. Die Regeln werden laut Bewohnern der Gebiete aber teils gebrochen. Ebenso werde in den Moscheen der Gegend nördlich von Homs gepredigt, dass der Kampf der Revolutionäre nicht enden dürfe vor einem "vollständigen Sieg über das Assad-Regime". Addahik erklärt dazu, dass keine Familie vom Krieg verschont geblieben sei: "Jede hat Verwundete oder auch Tote zu beklagen, viele haben alles verloren." Schmerz und Hass säßen tief. "Niemand hier kann die Massaker an schutzlosen Zivilisten vergessen", so Addahik. Auch er hat Angehörige im Krieg verloren, das Haus seiner Familie wurde bei einem Luftangriff völlig ausgebombt.

Die Situation in Homs und den Vororten zeigt, wie unterschiedlich die Lebenssituation der Menschen in Syrien derzeit ist. Das Land gleicht nach Jahren des Krieges inzwischen einem Flickenteppich. Trotz der vereinbarten Waffenruhe gibt es noch immer eine Vielzahl von Konfliktparteien mit unterschiedlichsten Zielen. Einige davon führen die Kämpfe auch jetzt mit unverminderter Härte fort.

"Wir stecken mitten im Chaos"

So berichtet der Rettungssanitäter Bilal Makhzom aus Idlib im Nordwesten Syriens heute.de von schweren Gefechten in der Region zwischen den islamistischen Organisationen Ahrar al-Scham und Tahrir al-Scham, die in der Vergangenheit noch als Verbündete die syrische Armee aus der Region vertrieben hatten. "Wir waren in den vergangenen Wochen fast im Dauereinsatz, um die Verwundeten der Kämpfe und Attentate zu versorgen", berichtet Makhzom. "Unter den Opfern waren auch viele Zivilisten - etwa von Autobombenanschlägen auf belebten Plätzen."

Allein in den vergangenen Tagen habe es vier solcher Anschläge gegeben. "Das Gefühl von Sicherheit kennen wir schon lange nicht mehr", sagt Makhzom. Immerhin aber fliege das syrische Militär seit Monaten keine Luftangriffe mehr. "Diese hatten in den vergangenen Jahren unzähligen Bewohnern von Idlib das Leben gekostet", so Makhzom. Eine Zukunftsprognose wagt er nicht: "Wir stecken mitten im Chaos und sind einfach nur todmüde von sechseinhalb Jahren Krieg."

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