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Expertin zum Pflegenotstand - "Zu viele Krankenhausbetten"

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Es klingt paradox: Aber um Patienten besser zu versorgen, müssen erst viele Krankenhäuser geschlossen werden, erklärt Gesundheitswissenschaftlerin Anke Simon im makro-Interview.

Eine Krankenschwester steht in einem Krankenhaus in und holt ein Bett
Im internationalen Vergleich gesehen gebe es in Deutschland zu viele Krankenhausbetten, so Anke Simon. "813 Betten pro 100.000 Einwohner, das ist die höchste Bettenzahl in der EU, 58 Prozent über dem EU-Durchschnitt."
Quelle: dpa

makro: Fragt man Pflegekräfte in deutschen Kliniken, ob sie sich in der eigenen Klinik operieren lassen würden, antwortet mittlerweile mehr als ein Drittel der Klinikmitarbeiter darauf mit nein. Was sagt das über das deutsche Krankenhaussystem aus?

Anke Simon: Die Umfrageergebnisse spiegeln die Situation in deutschen Krankenhäusern wider. Auf der einen Seite wird Deutschland im internationalen Vergleich bescheinigt, über eines der besten Gesundheitssysteme der Welt zu verfügen - gemessen am hohen Leistungsniveau. Auf der anderen Seite sorgt der Pflegefachkräfteengpass zu nicht übersehbaren Problemen. Pflegende stehen im Konflikt zwischen unzureichendem Personalschlüssel auf Station und hohem Berufsethos. Den eigenen Ansprüchen an gute Pflege nicht gerecht werden zu können, dürfte ein wesentlicher Einflussfaktor für die Umfrageergebnisse sein.

makro: Von welchen Ländern könnte sich das deutsche Krankenhaussystem etwas abschauen?

Simon: Zum Beispiel von Schweden und den Niederlanden. Dort betreuen mehr als doppelt so viele Pflegekräfte die stationären Patienten und Patientinnen im Krankenhaus. Im ambulanten Sektor haben sich sogenannte "community nurses" bewährt: Was in Deutschland noch relativ unbekannt ist, hat sich in skandinavischen Ländern, in Großbritannien, USA und Australien schon erfolgreich etabliert. Vor allem in ländlichen Regionen unterstützen speziell qualifizierte Pflegefachkräfte die Gesundheitsversorgung. In Australien wird zudem das Konzept "Hospital in the Home" angewendet, wobei Patienten eher aus dem Krankenhaus entlassen werden können.

Viele Probleme in Krankenhäusern sind Folge der Zustände in der Krankenpflege: Zeitmangel, Schichtdienst, schlechte Bezahlung. Nur jede vierte Pflegekraft will bis zur Rente durchhalten.

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makro: In Deutschland wächst der wirtschaftliche Druck auf die Kliniken. Wäre es besser, Kliniken zu schließen?

Es klingt zwar hart! Aber für die zukünftige Patientenversorgung in Deutschland wäre [Kliniken zu schließen] der bessere Weg.

Simon: Es klingt zwar hart! Aber für die zukünftige Patientenversorgung in Deutschland wäre es der bessere Weg. Bisher werden Krankenhausschließungen von den politisch Verantwortlichen weitgehend verhindert. Faktisch gesehen gibt es in Deutschland im internationalen Vergleich zu viele Krankenhausbetten: 813 Betten pro 100.000 Einwohner, das ist die höchste Bettenzahl in der EU, 58 Prozent über dem EU-Durchschnitt. Hinzu kommt ein hoher Anteil unnötiger stationärer Aufnahmen mit 255 Krankenhauseinweisungen pro 1.000 Einwohner.

makro: Aber was bedeutet das für ländliche Regionen? Werden sie durch Krankenhausschließungen nicht zusätzlich geschwächt?

Simon: Hier kommt es auf kluge Planung an. Es werden diejenigen Krankenhäuser weiterbestehen, die das beste Versorgungsniveau für die Bevölkerung sicherstellen - gemessen an höchster Leistungsqualität, bester Ausstattung und maximal qualifiziertem Personal. Hinzu kommt die Erreichbarkeit möglichst innerhalb von einer halben Stunde. Krankenhäuser, die von Schließung betroffen sind, sollten umgewandelt werden in lokale Versorgungszentren. Unter einem Dach sind Pflegedienste, medizinische Fachdisziplinen, Hebammen, Physiotherapie, Apotheken, Tagespflege, gegebenenfalls auch Kindergärten, Bibliotheken sowie Hol- und Bringdienste vereint. Das große Nutzenpotential für ländliche Regionen dürfte auf der Hand liegen.

makro: Große Erwartungen ruhen auf der Digitalisierung. Sind sie berechtigt?

Simon: Die Digitalisierung wird den Gesundheitssektor transformieren. Medizinische Register lassen zum Beispiel aus Millionen Fällen von Prostatakrebs die Behandlungsmethode mit der höchsten Erfolgswahrscheinlichkeit finden. Die elektronische Patientenakte gibt den Menschen die Hoheit über die eigenen Gesundheitsdaten. Der darin enthaltene Medikationsplan beugt Unverträglichkeiten und Arzneimittelrisiken vor. Telemedizin und Videosprechstunden erreichen Senioren in Pflegeheimen oder ländlichen Regionen. Das sind nur einige Beispiele, aber sie zeigen, dass die Potentiale auf allen Ebenen zu finden sind.

Doch leider liegt Deutschland bei der Digitalisierung im Gesundheitssystem um mindestens 15 Jahre zurück. In den Krankenhäusern besteht ein Finanzierungsdefizit von fast zwölf Milliarden Euro allein für die Mindestausstattung mit Informationstechnologie. Und das, obwohl mit elf Prozent der Wirtschaftsleistung fast kein anderes Land so viel für die Gesundheitsversorgung ausgibt wie Deutschland.

Das Interview führte Eva Schmidt.

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